Wer Petra Reinecke und Alois Bauer in ihrem Garten in Degerndorf besucht, der ahnt nicht, was sich vor gut zwei Jahren 110 Meter unter ihren Gänseblümchen abgespielt hat. „Ein Riesengedöns!“, sagt Petra Reinecke und wischt energisch durch die Fotos, die sie auf ihrem Smartphone gespeichert hat. „So sah das Bohrgerät aus – wie ein Panzer!“ Mittlerweile ist längst Gras über die Bohrung gewachsen. Die beiden sind stolze Betreiber einer Erdwärmepumpe, die still und sparsam vor sich hinarbeitet. Auf dem Dach ihres Siebzigerjahre-Hauses haben sie PV- und Solarmodule montiert. In der Garage steht ein Elektroauto. Ein Rotkehlchen zwitschert im Apfelbaum. Die Nachrichten über explodierende Energiepreise verfolgen sie gelassen.
Die beiden gehören nicht zu den Starnberger-See-Millionären. Alois Bauer arbeitet bei der Sparkasse, seine Frau bei einer Autoleasing-Firma. Beide setzen aus Überzeugung auf erneuerbare Energien und engagieren sich im lokalen Arbeitskreis Energiewende. „Weil man auch im Kleinen etwas ändern kann“, wie Petra Reinecke sagt. Ihrem Mann geht es dabei um ein Stück Autarkie, „um eine Unabhängigkeit vom großen Weltgeschehen und den großen Energiekonzernen“. Sie liebt die Vernetzung: „Ich habe eine diebische Freude daran, Leute zusammenzubringen, die ansonsten wohl eher einen Bogen umeinander machen würden.“

Eben das passiert am Sonntag, 19. April, bei einem „gemeinsamen Tag für Klima und Umwelt“ in Münsing, den die beiden zusammen mit dem lokalen Arbeitskreis Energiewende organisiert haben. 13 Stationen laden zu einem Besuch ein. Ihr Haus ist die Station Nummer 1. Mit dabei sind Landwirte und die genossenschaftlich organisierte Solawi Isartal, der große Futtermittelerzeuger Agrobs und das kleine Café Waldhauser, der Gartenbauverein und der Landesbund für Vogelschutz, vor allem aber Leute, die genug von Verbrennermotoren und Ölheizungen haben.
„Uns geht es darum, dass Bürgerinnen und Bürger von ihren persönlichen Erfahrungen mit nachhaltiger Energieerzeugung berichten“, erklärt Bauer. Dass sie von ihren Wärmepumpen erzählten, von Hindernissen und Erfolgserlebnissen, von der PV-Anlage auf dem Dach oder ihrem Elektroauto. Auch ein Nahwärmekraftwerk kann besichtigt werden.

„Wenn ich solche Dinge vorstelle und ins Gespräch bringe, wenn die Nachbarn sehen, dass es funktioniert, dann finden sich auch Nachahmer“, sagt Bauer. Die Runde ist etwa zehn Kilometer lang und kann mit dem Fahrrad abgefahren werden. „Es ist gut, sich persönlich kennenzulernen und Telefonnummern auszutauschen“, sagt Reinecke. „Das gibt Synergieeffekte.“
Auf Vernetzung und Synergien setzt auch der „Klimafrühling Oberland“, der am 17. April in die fünfte Runde geht und unter dessen Schirm auch der Münsinger Aktionstag steht. Mehr als 170 Veranstaltungen sind bis 10. Mai zwischen Lech und Mangfall, Ammersee und Sylvensteinspeicher geplant. Der Klimafrühling versteht sich als „Veranstaltungsplattform für alle Bildungseinrichtungen, Initiativen, Vereine, Stiftungen, Glaubenseinrichtungen und Unternehmen“, heißt es auf der Homepage. Mit unterschiedlichen Veranstaltungen soll „Engagement im Bereich Klimaschutz sichtbar“ werden.
Beteiligt sind neben der Energiewende Oberland die Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen, Garmisch-Partenkirchen, Weilheim-Schongau und Miesbach. Die Gemeinde Münsing bildet einen kleinen Hotspot. Dort engagieren sich seit vielen Jahren Bürgerinnen und Bürger für regenerative Energien. Wende statt Krise – ein Gedanke, der seit dem aktuellen Krieg in Nahost neu befeuert wird.
Zurück zu den Gänseblümchen. Alois Bauer hat offenkundig Spaß an der neuen Technik, die er mit einfachen Worten zu erklären weiß. Zwei 110 Meter tiefe Sonden befänden sich im Boden, durch die eine frostfreie Flüssigkeit, die Sole, zirkuliere. „Dort unten herrscht eine stabile Temperatur von zehn Grad“, sagt er. Das sei der Vorteil gegenüber Luft-Wärmepumpen, die im Winter mit Temperaturschwankungen und Minusgraden zu arbeiten hätten. Die Sole nehme die Temperatur des Erdreichs an – in diesem Fall also zehn Grad – und werde von der Wärmepumpe mithilfe von Strom und Kompression so weit erhitzt, dass man mit ihr heizen könne.

Bestechend sei die hohe Effizienz. Petra Reinecke hat die Zahlen parat. Aus einer Kilowattstunde Strom mache ihre Pumpe 4,4 Kilowattstunden Wärme. „Beim Öl ist die Effizienz viel geringer“, erläutert ihr Mann. Zum Heizen der beiden Wohnungen im Haus habe er früher mit einem relativ modernen Öl-Brennwertkessel etwa 2200 Liter Öl verbraucht. Das entspreche 22 000 Kilowattstunden. „Jetzt sind es nicht einmal 4000 Kilowattstunden.“ Eine Reduktion auf weniger als ein Fünftel also.
Wer die Wundermaschine besichtigen will, darf den beiden in den Keller folgen. Die Pumpe teilt sich den alten Heizungskeller mit einem Zwischenspeicher und zwei Wärmetauschern, von denen einer mit der Solaranlage auf dem Dach verbunden ist. „Im Sommer decken wir 90 Prozent unseres Warmwasserbedarfs über die Solarthermie“, erklärt Bauer. Der Pufferspeicher, ein tonnenförmiger weißer Riese, hat entgegen der Planung nicht mehr in den Raum gepasst. Er steht nun nebenan im Hobbykeller. „Bei einem Neubau kann man das alles anders planen“, sagt Reinecke. „Aber im Bestand geht es auch. Man muss halt flexibel sein.“

Das gelte auch beim Stromverbrauch. Ihr E-Auto laden die beiden vorzugsweise dann, wenn die Sonne aufs Dach scheint. 65 Kilowattstunden speichert die Batterie. Damit können sie mehr als 500 Kilometer am Stück fahren. Das gebrauchte E-Auto sei günstig gewesen, sagen die beiden. Die Erdwärmepumpe war es nicht. 20 Jahre, so rechnen sie, werde es dauern, bis die Kosten sich amortisiert hätten.
Ihrer Zufriedenheit tut das offensichtlich keinen Abbruch. Freuen dürften sich aber auch die Mieter, mit denen sie sich das Haus teilten, sagt Petra Reinecke. „Sie haben keine horrenden Nachzahlungen zu befürchten.“
Alle Informationen zum Programm unter klimafruehling.com

