Energiewende im LandkreisStrom im Fluss

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Die Wasserkraft wird im Landkreis bereits weitgehend ausgeschöpft. Naturschützer sehen das jedoch kritisch.

Stephanie Schwaderer

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So also sieht der ideale Energielieferant für die Pinkelpause aus: Sechs gewaltige, blassgrüne Rohre, die von einem Berghang steil ins Tal führen, oben ein pittoreskes Wasserschloss, unten ein nicht minder hübsches Karree von Gebäuden, das sich auch als Museum gut machen würde.

Durch sechs Röhren strömt das Wasser zum Kochelsee hinunter und treibt dabei die Turbinen des Walchenseekraftwerks an.
Durch sechs Röhren strömt das Wasser zum Kochelsee hinunter und treibt dabei die Turbinen des Walchenseekraftwerks an. Manfred Neubauer

Vor etwa 90 Jahren, als das Walchenseekraftwerk in Kochel gebaut wurde, "da war es das größte Kraftwerk der Welt", sagt Markus Krinner und lacht, als könne er das selbst nicht recht glauben. Heute, so der Ingenieur, zähle es immerhin noch zu den größten Speicherkraftwerken Deutschlands und habe ganz andere Stärken, nämlich die, "Lastspitzen zu decken".

Was das bedeutet, erklärt der 57-Jährige mit erfrischend einfachen Worten. "Strom muss dann erzeugt werden, wenn er gebraucht wird." Im Laufe des Tages schwanke der Strombedarf enorm. Beispiel Fußballübertragung: In jedem Haus läuft der Fernseher, was Krinner der Grundlast zurechnet - bildlich gesprochen einem Sockel von Energie, der 24 Stunden am Tag vorrätig ist und bislang vor allem durch Atomkraftwerke bereitgestellt wird.

In der Halbzeit jedoch wird es spannend: "Das erste Bier ist getrunken, jeder steht auf, geht zur Toilette und holt sich dann die zweite Flasche aus dem Kühlschrank." Was passiert: Die Pumpen der Wasserwerke laufen schlagartig auf Hochtouren, die Kühlschränke brummen, und es entsteht das, was Krinner "eine kleine Lastspitze" nennt.

Durch das Zuschalten eines schwerfälligen Kohlekraftwerkes ließe sich diese nicht ausgleichen. Abgesehen davon, dass das Hochfahren thermischer Anlagen viel zu teuer wäre. Ganz anders ein Speicherkraftwerk wie das in Kochel. "Wir drehen einfach den Hahn auf und sind am Netz", sagt Krinner.

Die Wassermenge variiert stark

Wie viele Stunden am Tag Walchenseewasser durch die Druckrohre stürzt und die acht mächtigen Turbinen in der Maschinenhalle antreibt, variiert seiner Auskunft nach stark. Im Jahr liefert das Kraftwerk etwa 300 Millionen Kilowattstunden, womit sich rund 80 000 Haushalte versorgen ließen.

Tatsächlich geht etwa ein Drittel der Energie an die Deutsche Bahn, die ein eigenes Stromnetz betreibt und häufig im Stakkato Spitzenstrom einfordert, nämlich immer dann, wenn eine Lok anfährt. "Wir können hier genau die Hauptverkehrszeiten mitverfolgen", sagt Krinner. Wann die Hähne aufgedreht werden, entscheiden weder er noch seine fünf Kollegen, die in der Kochler Leitwarte rund um die Uhr Dienst tun.

Das Kraftwerk gehört der Eon Wasserkraft GmbH in Landshut, der zuständige Lastverteiler sitzt in München und wirkt "wie ein Dirigent", sagt Krinner: "Er bestimmt permanent, wer jetzt spielt und wer gerade zu teuer ist."

Nahezu rund um die Uhr tun die 25 Laufwasserkraftwerke ihren Dienst, die Eon an der Isar betreibt. Sie nutzen den Höhenunterschied zwischen Ober- und Unterwasser, das so genannte Gefälle, dem häufig durch eine Kanalisierung nachgeholfen wird. Zusammen verfügen sie über eine Ausbauleistung von 236 Megawatt und liefern jährlich rund 1,3 Milliarden Kilowattstunden Strom, womit sich knapp 400000 Haushalte versorgen ließen.

Wer wissen will, wie es um die Perspektive der Wasserkraft im Landkreis bestellt ist, muss sich an Christian Orschler wenden. Der Eon-Sprecher in Landshut ist derzeit ein gefragter Mann. Bekommt man ihn an die Leitung, sprudeln Zahlen und Daten nur so aus ihm heraus: Derzeit decke Wasserkraft in Bayern etwa 15 bis 16 Prozent der gesamten Stromproduktion. Ziel der Energiewende sei es, auf 17 Prozent zu kommen. Ein recht bescheidenes Plus? Keineswegs, sagt Orschler. "Eine halbe Million Haushalte könnte damit zusätzlich versorgt werden."

Pro Jahr produzieren die Turbinen des Walchenseekraftwerks rund 300 Millionen Kilowattstunden Strom.
Pro Jahr produzieren die Turbinen des Walchenseekraftwerks rund 300 Millionen Kilowattstunden Strom. Manfred Neubauer

Zudem müsse man bedenken, dass Wasserkraft in Bayern seit langem nach Kräften ausgeschöpft werde. "Der Anteil bei den erneuerbaren Energien liegt derzeit bei 65 Prozent." Die Anlagen seien modern und ausgereift, Neubauten nur noch in kleinem Umfang realisierbar.

An der Isar bis München hat Eon vier "Ausbaupotentiale" im Auge: Am Auslauf des Walchenseekraftwerks sowie an "bestehenden Querbauwerken" in Tölz-Farchet, Icking und Baierbrunn könnten demnach neue Laufwasserkraftwerke entstehen. "Ob sich das rechnet, muss man sehen", sagt Orschler. Neben hohen Kosten stehe vor allem der Naturschutz weiteren Investitionen im Wege.

So ist zwar die Klimafreundlichkeit von Wasserkraft unbestritten - Eon preist die "rundum saubere Sache", weil weder Rauch noch Rückstände entstehen und kaum Rohstoffe verbraucht werden. Naturschützer jedoch beklagen das Verschwinden ganzer Lebensräume. Das Grundproblem: Jedes Wasserkraftwerk erfordert Talsperren, die das Ökosystem stören. Flüsse, die in Stauabschnitte zerstückelt werden, tiefen sich ein und verlieren ihre Dynamik, Fische können nicht mehr zu ihren Laichplätzen wandern, der Auwald verschwindet, und mit ihm einzigartige Pflanzen und Tiere.

Auch das Walchenseekraftwerk nutzt nicht einfach ein Geschenk der Natur. Die Zuflüsse des Gebirgssees reichten nie aus, ein Kraftwerk zu betreiben. Dieses ist vielmehr der Knotenpunkt eines weiträumigen Systems von Um- und Überleitungen, Wehren, Kanälen, Stollen und Laufkraftwerken, dem etwa der Rißbach als frei fließender Gebirgsbach geopfert wurde.

Bund Naturschutz lehnt neue Kraftwerke ab

Die Isar, die bei Krün ebenfalls zu großen Teilen in den Walchensee abgeleitet wird, war über Jahrzehnte im Oberlauf nur noch eine Flussleiche. Isarschützer kämpften für ihre Wiederbelebung. Seit gut zwanzig Jahren muss eine Mindestwassermenge im ursprünglichen Flussbett verbleiben.

Die Position des Bund Naturschutz zur Wasserkraft ist klar: Er lehnt die Errichtung neuer Kraftwerke grundsätzlich ab und stimmt allenfalls einer Modernisierung bestehender Anlagen zu. Sein Credo: "Die Erhaltung natürlicher und naturnaher Fließgewässer oder die Renaturierung verbauter Gewässer muss immer Vorrang vor der Wasserkraftnutzung haben."

Nico Döring, streitbarer Mitbegründer und Sprecher der Isar-Allianz, die sich seit Anfang der 1990er Jahre für eine Renaturierung der Isar einsetzt, hat eine differenziertere Sicht der Dinge. "Ich bin für die Nutzung aller Systeme, sofern sie nachhaltig sind und dauerhaft keinen Schaden hinterlassen." Dies bedeute, dass man die Isar Stück für Stück betrachten und herausfinden müsste, wie viel Wasserkraft zu welcher Jahreszeit verträglich wäre - für Fische, Vögel, Pflanzen, aber auch für Erholungssuchende. Natürlich sei das aufwendig, räumt er ein. "Aber eben darin bestünde die Aufgabe, ökologische Verantwortung zu übernehmen."

© SZ vom 09.06.2011 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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