Energiewende im Landkreis Nicht vor meiner Haustür

Die Energiewende ist politischer Konsens, doch es formiert sich Widerstand. ÖDP-Kreisrat Josef Maier über Bürgerproteste, die Rolle des Staates und seinen Kampf gegen die Biogasanlage.

Interview: Petra Schneider

Die Energiewende ist gesellschaftlicher und politischer Konsens. Trotzdem formieren sich immer wieder Proteste von Anwohnern gegen Windkrafträder, Fotovoltaik- oder Biogasanlagen, weil sie laut seien, unschön oder stänken. ÖDP-Kreisrat Josef Maier aus Ascholding streitet seit Monaten mit seinem Nachbarn über dessen Biogasanlage. Also Energiewende ja, aber nicht vor der eigenen Haustür?

An der Ascholdinger Biogasanlage scheiden sich die Geister. Sie steht gegenüber von einem Kindergarten. Nach Unfällen in anderen Biogasanlagen ist Josef Maier gegen den Standort Sturm gelaufen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Herr Maier, wie beurteilen Sie das Ziel der Stiftung Energiewende Oberland, bis 2035 ausschließlich aus regenerativen Energiequellen versorgt zu werden?

Ich befürworte das uneingeschränkt.

Trotzdem protestieren Sie seit Monaten gegen eine Biogasanlage in Ihrer Nachbarschaft. Wie soll die Energiewende funktionieren, wenn Bürger den Bau solcher Anlagen blockieren?

Wenn man eine Biogasanlage plant, muss man zuallererst mit den Nachbarn und der Gemeinde sprechen. Wir haben das jetzt nachgeholt und einen Konsens gefunden. Die Gemeinde hätte schon damals ein Konzept erarbeiten müssen. Etwa ein Energiezentrum am Ortsrand, bei dem eine Biogasanlage mit einer Hackschnitzelanlage kombiniert würde. Damit hätten wir dann zum Beispiel unser Ascholdinger Hallenbad versorgen können. So etwas geht aber nicht in einem Wohngebiet neben einem Kindergarten. Was uns fehlt, sind Konzepte, Sicherheitsstandards und gesetzliche Vorgaben über Standorte. So wie wir im Landkreis einen Wirtschaftsförderer haben, bräuchten wir auch jemand, der für die Energiewende ein übergeordnetes Konzept entwickelt. Hier fehlt meiner Ansicht nach Unterstützung von staatlicher Seite.

Hat man also das Ziel festgelegt, ohne die für die Umsetzung nötigen Regelungen zu haben?

Ich glaube schon. Erst seit Dezember gibt es zum Beispiel ein Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs, das eine Bauleitplanung für Biogasanlagen normiert. Vorher mussten kleinere Anlagen nur nach Baurecht genehmigt werden, besondere Gutachten waren nicht nötig. Wenn man in jedem Dorf Kraftwerke baut, braucht man sich nicht wundern, dass sich die Leute aufregen. Da müssen erst Konzepte erarbeitet werden, auch wenn es etwas länger dauert. Ich halte das Zeitfenster bis 2035 für zu knapp.

Ihre Partei, die ÖDP, steht seit jeher für den Atomausstieg und für regenerative Energien. Wie passt das mit Ihrem Protest gegen die Biogasanlage zusammen?

Es kommt auf die Art der Biogasanlage an. Vorbildlich finde ich die Anlage der WGV Quarzbichl: Dort werden Abfälle aus der Biotonne verwertet. Wenn aber Nahrungs- oder Futtermittel wie Mais verwendet werden, halte ich das für moralisch nicht vertretbar. Auf riesigen Flächen werden Monokulturen aus Energiepflanzen angelegt, und unser Futter für das Vieh kaufen wir dann auf dem Weltmarkt zu. Das ist nicht ökologisch. Die ÖDP hat von jeher stärker auf Windkraft gesetzt und vor allem auf das Energiesparen: Wir könnten ein Drittel einsparen, wenn wir durch verbesserte Technik Leitungsverluste minimieren und unser Verhalten ändern würden.

Hätten Sie sich so gegen die Biogasanlage gewehrt, wenn Sie als Nachbar nicht persönlich betroffen wären?

Auslöser meines Protests waren zwei Unfälle in Biogasanlagen in Ruderatshofen im Allgäu und im Landkreis Erding im vergangenen Sommer. Da bin ich hellhörig geworden, vor allem, weil nebenan ja der Kindergarten liegt. Vorher habe ich mich über die Anlage nie beschwert.

Interview: Petra Schneider

Alle Folgen der Serie zur Energiewende finden sich auch im Internet unter www.sueddeutsche.de/thema/Energiewende_Wolfratshausen_