Süddeutsche Zeitung

Einweihung mit Fritz Wepper:"Demonstration für den Frieden"

In Bad Tölz erinnert ein Denkmal an Gregor Dorfmeister, den Autor des Romans "Die Brücke"

Von Klaus Schieder, Bad Tölz

Seine Kameraden waren bei der Verteidigung der strategisch völlig unwichtigen Brücke bei Mürnsee nahe Bad Heilbrunn allesamt gefallen. Gregor Dorfmeister, gerade 16 Jahre alt, schleppte sich alleine zurück nach Tölz, schlief vor Erschöpfung ein, wachte schneebedeckt wieder auf, kam zur Isarbrücke in Bad Tölz und sah dort zwei tote Soldaten liegen, die ebenfalls noch ganz jung waren. Eine alte Frau ging vorbei und spuckte auf sie. Diese Szene war für Dorfmeister der Auslöser, seinen Antikriegsroman "Die Brücke" zu schreiben, der von Regisseur Bernhard Wicki mit Fritz Wepper in einer der Hauptrollen verfilmt wurde. Der Schauspieler enthüllte am Freitag ein Denkmal für Dorfmeister, das östlich der Isarbrücke vor dem Tölzer Kurier steht.

Der Termin war mit Bedacht gewählt. Der im Vorjahr gestorbene Autor und Journalist wäre heuer 90 Jahre alt geworden, der Film wurde vor 60 Jahren gedreht - allerdings nicht in Tölz, sondern im bayerischen Wald. Das von Julia Stelz geschaffene Denkmal solle dazu beitragen, "dass wir die Person Dorfmeister und seine Mahnung für den Frieden in Erinnerung behalten", sagte Christof Botzenhart, Dritter Bürgermeister und stellvertretender Vorsitzender des Historischen Vereins. Die Enthüllung nehme er "besonders gerne" vor, betonte Wepper. "Weil wir Herrn Dorfmeister viel zu verdanken haben."

Zuvor hatte der inzwischen 77 Jahre alte Mime vor mehr als 90 Schülerinnen und Schülern aus den neunten bis elften Klassen der Realschule, der Fach- und Berufsoberschule (FOS/BOS) sowie des Gabriel-von-Seidl-Gymnasiums Bad Tölz von den Dreharbeiten erzählt, die von Mai bis August 1959 stattfanden. Für den damals 17-jährigen Wepper waren sie nach der Schule "die erste berufliche Aufgabe", wie er sagte. "Ich habe so viele Erinnerungen an die drei Monate, dass sie nicht auszulöschen sind." Karabiner, Uniformen, Panzerfäuste, sogar der amerikanische Panzer waren Originale und keine Nachbildungen. "Wir hatten keine große Freude daran, aber wir waren technisch interessiert, damit wir mit diesen Waffen glaubwürdig umgehen können." Seinem Schauspielerkollegen Frank Glaubrecht platzte während der Arbeiten an dem Film das Trommelfell, Wepper selbst erlitt ein Hämatom.

Dorfmeister lernte die Crew dabei kaum kennen. Das geschah erst später in Hamburg, als Volker Lechtenbrink, der ebenfalls in "Die Brücke" spielte, dort Intendant des Schauspielhauses war. Er hatte den Schriftsteller und Tölzer Lokaljournalisten zu einer Matinée eingeladen. Dabei habe er Dorfmeister als einen "sehr empathischen, sehr freundlichen und sehr gescheiten Mann" erlebt, berichtete Wepper. Sein Buch habe nichts mit Journalismus zu tun, sondern sei gehobene Belletristik, verfasst "in einfachen, klaren Sätzen".

Der Film von Bernhard Wicki imponierte auch Frank Dorfmeister. Und zwar so stark, dass er ihn als Kind mit seinen Freunden im Garten mit Holzgewehren nachspielte. Da kam sein Vater von der Zeitungsarbeit nach Hause, sah den Jungen eine Weile schweigend zu und sagte schließlich zu ihnen: "Ich fürchte, ihr seid genauso so blöd, wie wir es waren." Für seinen Sohn ist es wichtig, in einem gefährdeten Europa, das jahrzehntelang Frieden geschaffen hat, "gegen diese Blödheit zu kämpfen". Denn gerade erlebe man wieder, wie dieser Kontinent in nationale Interessen und in Rechtspopulismus verfalle, sagte Frank Dorfmeister. Ohne Alexander Gauland beim Namen zu nennen, kritisierte er scharf eine Äußerung des AfD-Chefs. "Wenn einer angesichts von 55 Millionen Kriegstoten diese Zeit als einen Vogelschiss der Geschichte bezeichnet, dann kann ich nur die mahnenden Worte an alle richten: Wehret den Anfängen!"

Diesem Zweck soll auch das Denkmal dienen, das aus einem Naturstein in Form zweier aufeinander stehender Brücken gestaltet ist. Auf der Platte an der Skulptur befindet sich eine Gedenktafel, die nicht bloß an den Autor erinnert, sondern zugleich auch eine Mahnung ist. Die Enthüllung bezeichnete Botzenhart als "eine Demonstration für den Frieden". Frank Dorfmeister sagte: "Mein Vater hat sein Buch nicht für sich geschrieben, sondern für die nächste Generation."

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Quelle:
SZ vom 11.05.2019
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