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Eine Stadt mit vielen Gesichtern:"Offen und lebendig"

Uwe Lischka hat sich mit dem Team von "Integration Aktiv" auf "Streifzüge durch Geretsried" gemacht. Fast alle seiner Fotografien sind spontan entstanden.

Von Stephanie Schwaderer

Dass er fotografieren kann, hat Uwe Lischka bereits mit vier Ausstellungen in Geretsried bewiesen. Der 58-Jährige, der beim städtischen Bauhof arbeitet, trug schon als Kind gerne eine Pocketkamera bei sich. Vom ersten selbst verdienten Geld als Lehrling kaufte er sich eine Spiegelreflexkamera. Das war vor 35 Jahren. Mittlerweile hat Lischka sich der Streetphotography verschrieben. Vorzugsweise in München macht er sich auf Motivsuche, fängt Alltagsszenen ein und veröffentlicht die Bilder auf der Internet-Plattform Flickr. Für das jüngste Projekt der Geretsrieder Arbeitsgruppe Integration Aktiv hat er sein Augenmerk auf seine Heimatstadt gerichtet und sich auf "Streifzüge durch Geretsried" begeben.

SZ: Herr Lischka, als Mitarbeiter des Bauhofs kennen Sie vermutlich jede Ecke Ihrer Stadt. Haben Sie bei den Streifzügen irgendetwas Neues entdeckt?

Uwe Lischka, Mitarbeiter des Bauhofs und Hobby-Fotograf aus Geretsried.

(Foto: Uwe Lischka/oh)

Uwe Lischka: Ich habe viele Menschen getroffen, die ich ohne diese Fotoaktion wahrscheinlich nie kennengelernt hätte. Und fast alle, auf die wir zugegangen sind, haben spontan mitgemacht.

Wie sind Sie vorgegangen?

Die meiste Zeit war ich mit Patrick Hingar von Integration Aktiv unterwegs. Wir haben uns in Stein getroffen und sind dann einfach losgezogen. Patrick hat die Leute angesprochen und ihnen Fragen gestellt: Wie sie heißen, woher sie kommen, was ihnen an Geretsried gefällt und was ihr Lieblingsplatz ist. Sie mussten auch alle einen Model-Release-Vertrag ausfüllen. Ich habe mich derweil auf die Fotos konzentriert.

Waldemar aus der Ukraine lebt im Ortsteil Stein. Was der 83-Jährige an Geretsried mag: "Dass sie hier alles richtig machen."

(Foto: Uwe Lischka/oh)

Zu den Ausnahmen gehört das Bild von Heinz. Das hatte ich schon in meiner Sammlung. Heinz hat auch mal am Bauhof gearbeitet, daher kannte ich ihn. Irgendwann bin ich ihm auf dem Radweg bei Tyczka begegnet, als er da stand mit seinem Regenschirm. Und da habe ich ihn fotografiert.

Es ist eines der stärksten Porträts.

Das Porträt von Heinz aus Unterfranken hatte Uwe Lischka schon in seinem Archiv.

(Foto: Uwe Lischka/oh)

Es gehört zu meinen Lieblingsbildern. Ein Foto, auf dem nicht gelacht wird. In seinem Gesicht spiegelt sich seine ganze Vergangenheit. Und das Gleis, das am Horizont verschwindet, könnte sein Leben darstellen. Ich habe ihn angerufen und gefragt, ob wir sein Bild für das Projekt verwenden können. Und er war einverstanden. Die Fotos habe ich ihm dann ausgedruckt und vorbeigebracht, er hat keinen Internetanschluss. Und er hat sich sehr gefreut.

Herausragend ist auch der Beitrag eines 83-jährigen Mannes namens Waldemar. Hat er tatsächlich gesagt: Ich mag an Geretsried, dass sie hier alles richtig machen?

Nicht nur einmal hat er das gesagt, immer wieder. Er war übrigens der allererste, den Patrick und ich angesprochen haben. Wir sahen ihn da sitzen auf seiner Bank und wussten: Er muss rauf aufs Bild! Waldemar hat uns viel aus seiner Heimat erzählt, er kommt aus der Ukraine. Leider hat auch er kein Internet, aber ich hoffe, dass er sich sein Foto schon im Steiner Quartierstreff angeschaut hat, da läuft die Ausstellung ja im Schaufenster. Er hat nur 200 Meter Fußweg dorthin.

Sie sind mit den Leuten also richtig ins Gespräch gekommen?

Mit vielen. Mit manchen haben wir eine halbe Stunde geredet. Zum Beispiel mit Johanna vor dem Tengelmann-Hochhaus. Sie hatte auch richtig Spaß beim Fotografieren. Sie hat gesagt, dass Geretsried für sie keine anonyme Stadt ist, sondern wie eine große Familie. Und nach 20 Minuten stellt sich heraus, dass sie im selben Dorf geboren ist wie mein Vater - in Groß Strehlitz in Polen!

Die jungen Frauen Ivana und Melanie (links) fotografierte Lischka auf der Blauen Brücke.

(Foto: Uwe Lischka/oh)

Die Kinder, Frauen und Männer auf Ihren Bildern wirken alle sehr gelöst. Wie schaffen Sie es, das Sie keine Hemmungen vor der Kamera haben?

Eine einzige Frau ist uns davon gelaufen. Die allermeisten aber waren ganz aufgeschlossen. Patrick hat eine sehr empathische Art, und ich bin auch nicht so der dominante Typ. Ich hab versucht, die Fotos möglichst schnell zu machen und nicht fünf Minuten an den Einstellungen herumzuprobieren. Deshalb sind auch nicht alle Bilder perfekt gelungen. Manche musste ich noch aufwendig nachbearbeiten. Wir wollten unbedingt alle Leute dabei haben, die mitgemacht haben.

Welches waren die schwierigsten Aufnahmen?

Die mit den Kindern beim Russisch-Unterricht, nicht wegen der Kinder - die waren Spitze, sondern wegen der Lichtverhältnisse. Oder der Apotheker. Das Foto ist frühmorgens bei bedecktem Himmel entstanden und sah trostlos aus. Dann ist uns aufgefallen, dass der rote Kugelschreiber in seiner Jacke genau die gleiche Farbe wie der Apothekenschriftzug im Hintergrund hat. Also haben wir uns mit einem Kniff geholfen, dem Colour-Key-Effekt. Nun ist es ein Schwarz-Weiß-Bild mit zwei roten Farbtupfen, und ich bin glücklich damit.

Die fünfjährige Liliana hat Lischka beim Russisch-Unterricht getroffen.

(Foto: Uwe Lischka/oh)

Die S-Bahn-Szene - war die ein Glückstreffer oder arrangiert?

Die war geplant. Bevor das Projekt losging, bin ich ein bisschen rumgezogen und habe nach Motiven gesucht. Das Trafo-Häuschen mit der S-Bahn-Malerei liegt ganz in der Nähe meiner Wohnung, und ich dachte: Das wär's. Also habe ich Michaela, die Frau eines Arbeitskollegen, gefragt, ob sie sich davorstellen könnte. Und damit es nicht so gestellt aussieht, hat sich Patrick zu ihr gesellt. Er ist also auch bei der Ausstellung dabei, obwohl er mittlerweile nach Bonn gezogen ist. Die anderen Bilder sind alle spontan entstanden. Manche in wenigen Sekunden.

Die Ausstellung vermittelt den Eindruck, in Geretsried sei die Welt in Ordnung. Erleben Sie die Stadt auch so positiv?

Ja, in Geretsried leben weit mehr als 100 Nationalitäten zusammen, es ist eine offene und lebendige Stadt. Ausnahmen gibt es natürlich auch immer wieder.

An welchem Lieblingsplatz hätten Sie sich fotografieren lassen?

An der Isar oder in der Stadtbücherei mit ihren freundlichen und kompetenten Mitarbeitern. Leider komme ich fast nicht mehr zum Lesen, weil ich den größten Teil meiner Freizeit der Fotografie widme.

Alle Bilder und Infos unter www.jugendarbeit-geretsried.de/galerie.html

© SZ vom 25.01.2021
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