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Eine Schau in Eurasburg:Ferdinand und die starken Frauen

Die Bildhauerin Elke Härtel hat sich vom Beuerberger Kunstpavillon zu einer eigenwilligen Prozession fantastischer Wesen inspirieren lassen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Bildhauerin Elke Härtel stellt im Kunstpavillon des Klosters Beuerberg aus. Ihre surreale Prozession mit einem Esel regt zu allerhand Gedankenspielen an

Ein zartes Gesicht, ein sanfter Blick, eine kleine Stupsnase, eine überaus schlanke, hohe Figur. Und dann diese Beine! Die weiße Gipsskulptur auf dem grauen Sockel im Kunstpavillon von Kloster Beuerberg ist ein surreales Wesen, das der Fantasie der Bildhauerin Elke Härtel entsprungen ist: die "Elefantenfrau". Eine Person mit einer erheblichen Beeinträchtigung. Ja, sagt die Künstlerin. Aber: "Sie bewegt sich, sie setzt sich über ihren Makel hinweg." Tatsächlich ist die Elefantenfrau gerade dabei, ein Bein vors andere zu setzen. Das sei neu, sagt Härtel. Denn sie hat diese Figur - deren Gesicht unzweifelhaft als Selbstporträt der Bildhauerin zu erkennen ist - früher schon einmal gefertigt, statisch. Ein Fortschritt also.

Elke Härtel stellt von Sonntag an in dem modernen schwarzen Pavillon aus, den das Diözesanmuseum Freising neben dem barocken Kloster Beuerberg als Stätte zeitgenössischer Kunst errichtet hat. Inmitten des derzeit überschwenglich blühenden Gartens ist dies ein Ort für Rückzug und Ruhe. Gleichzeitig macht der Pavillon mit seiner vielfach gebrochenen Außenseite aus Holz und Plexiglas, durch die das Licht in wechselnden Streifen fällt, Lust auf Spielen. Und Gedankenspiele wünscht sich Elke Härtel von ihren Besuchern.

Die Bildhauerin hat für Beuerberg eine Reihe von Figuren geschaffen, die sie eine "surreale Prozession" nennt: Rapunzel steht eingangs etwas abseits, doch dann eröffnet die Elefantenfrau den beschwingten Reigen, dem sich Esel Ferdinand und die kleine Eloise angeschlossen haben. Handwerklich beeindruckend präzise gearbeitet, aus Ton modelliert, in Silikon abgeformt und in Gips gegossen, präsentieren sich diese Wesen. Mensch und Tier sind anatomisch perfekt dargestellt - allerdings nur, soweit die Künstlerin dies wirklich wollte.

Wer genau hinsieht, wird etwa entdecken, dass Rapunzel zwar herrlich lange Zöpfe hat, die sich um sie und über den Boden winden. Aber keine Arme. Härtel kann dieses Handicap erklären. Sie sieht in den weiblichen Wesen ihrer Prozession die verschiedenen Lebensstufen versinnbildlicht. Eloise ist die Kindheit, Rapunzel die Jugend, die Elefantenfrau das Erwachsensein. Rapunzel ist im Turm eingesperrt, so wie Jugendliche eben noch abhängig seien vom Elternhaus, sie ist eingeschränkt, da sie keine Arme hat, aber mit Hilfe der üppig wuchernden Zöpfe doch auch schon auf die Außenwelt orientiert: "Es wächst die Lust aufs Leben und die Liebe."

Märchenhafte Kraft

Dem Mädchen Eloise hingegen hat Elke Härtel eine märchenhafte Kraft verliehen. Die Kleine, die auch Rotkäppchen heißen könnte, hat sich gerade unerschrocken den bösen Wolf gepackt und hält ihn mit beiden Händen fest an der Gurgel. Brutal? Nicht brutaler, als Märchen eben oft erscheinen. Das sei ja die ewige Frage, sagt Härtel, ob Märchen eigentlich zu hart seien für Kinder. Aber das Schöne sei, wenigstens bei den Brüdern Grimm: "Das Gute siegt immer. Die Liebe siegt immer." Sie habe sich, als sie vor einigen Jahren an einer Ausstellung zum Thema Märchen im Alten Botanischen Garten in München teilnahm, zum ersten Mal intensiver mit den Genre befasst. Und dabei auch erfahren, dass Märchen der Traumatherapie von Kindern dienten.

Ein wehrhaftes Kind: Eloise hält sich den böses Wolf vom Leib. Ein wenig Augenzwinkern sei dabei schon auch im Spiel, sagt die Künstlerin.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Härtel setzt sich überhaupt gern eindringlich mit etwas auseinander. Als sie den Auftrag erhielt, im Kunstpavillon eine Ausstellung zu gestalten, habe sie wegen der Hell-Dunkel-Lichtspiele die Assoziation "Stall" gehabt und daraus die Idee entwickelt, einen Esel zu schaffen. Und dann habe sie sich mit Informationen über Esel geradezu "bombardiert", sagt sie. Jedes Detail, vom Fell bis zum Verhalten schien ihr wichtig. Und nun wisse sie zum Beispiel, wie Esel über die Nüstern miteinander kommunizierten.

Härtels Esel heißt Ferdinand nach einem realen Vorbild im Allgäu, das die Künstlerin studiert hat. Doch auch Ferdinand ist ein wirklich-unwirkliches Wesen: Er trägt auf dem Rücken ein ganzes Bündel von gipsernen Kerzen. Härtels Assoziationskette geht in etwa so: Esel, biblische Gestalt, passt zum Kloster, steht an der Krippe, trägt Jesus; Kerzen, Kirche, Symbol für Wünsche, Sehnsucht, Trost. Jedenfalls sei Ferdinand "die einzig positive Arbeit" in ihrer Prozession, sagt sie, "alle anderen sind verletzt". Man könnte ergänzen: Er ist die einzige männliche Gestalt in dieser überwiegend weiblichen Gesellschaft.

Dieser maskuline Esel hat der ganzen Ausstellung den Titel gegeben: "Ferdinand". Er scheint im Mittelpunkt zu stehen, die Prozession zu dominieren. Ansichtssache. Von den Weibsbildern jedenfalls geht eine starke Ausstrahlung aus, ein Zauber und eine Faszination. Ihre Einschränkungen: die Schwäche eines kleinen Kindes, die Schwere elefantöser Beine, die Behinderung durch das Fehlen von Armen und Händen, erweisen sich als überwindbar. Sie wehren sich, sie bewegen sich, sie lassen sich nicht Einhalt gebieten. Schöne Vorbilder. Aber Mann kann das alles natürlich auch ganz anders sehen.

"Ferdinand": Eine Installation von Elke Härtel, Kunstpavillon im Klostergarten, Beuerberg, Vernissage am Sonntag, 11. August, 15 Uhr. Härtel, geboren 1978 in Erding/Altenerding, studierte nach einer Lehre als H9olzbildhauerin in Berlin und München und schloss mit dem Diplom Freie Kunst ab; erhielt Preise und Stipendien, schuf das Denkmal zur Erinnerung an die Opfer des Amoklaufs am Olympia-Einkaufszentrum

Der Namensgeber der Ausstellung: Essel Ferdinand.

(Foto: Harry Wolfsbauer)