Ein Laden und eine Vision Aufs gesunde Leben abfahren

Tobias Kupfer (Foto o. l.) ist Geschäftsführer von Gorilla Deutschland. Von der Sauerlacher Straße aus organisieren Mitarbeiter wie (vl.n.r.) Nadine Kupfer, Marc Reith und Martina Stowasser Workshops für Kinder.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Der Eglinger Skateboard- Weltmeister Tobias Kupfer hat das gemeinnützige Gorilla-Projekt mitgegründet. In Workshops vermittelt er gemeinsam mit weiteren Profis Kindern und Jugendlichen Spaß an der Bewegung, an besserer Ernährung und nachhaltigerem Konsum.

Von Konstantin Kaip

Wo Tobias Kupfer arbeitet, ist immer ein Skateboard griffbereit. Das hat sich seit seiner Zeit als Streetskateprofi nicht geändert. Der einstige Welt- und Europacup-Sieger ist heute Geschäftsführer von Gorilla Deutschland, einer gemeinnützigen GmbH, die er 2015 mit dem Schweizer Roger Grolimund gegründet hat. In der Zentrale an der Sauerlacher Straße in Wolfratshausen gibt es vier Schreibtische mit PCs, ein großes Aquarium, eine gemütliche Sitzecke mit Couch und Sessel - und zwei große Holzregale voller Rollbretter. "Die Kids wissen, dass sie hier reinschauen und sich ein Longboard zum Ausprobieren nehmen können", sagt Tobias Kupfer.

Was genau in dem Büro mit Laden im Erdgeschoss des Eckhauses passiert, wissen viele Wolfratshauser indes nicht. Das Gorillakopf-Logo an der Tür steht für mehr als nur einen Laden, in dem man Skateboards, Frisbees, Kleidung und Rucksäcke kaufen kann. Es geht um einen Auftrag: "Bewegung durch Freestyle-Sport, gesunde Ernährung und nachhaltiger Konsum", sagt Kupfer, "das sind unsere drei Kernthemen". Sie Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu vermitteln, ist die Hauptaufgabe von ihm und seinen sieben Mitarbeitern in Wolfratshausen - in ganztägigen Workshops an Schulen, mit dem Gorilla-Programm zur Gesundheitsförderung.

Das Gorilla-Team bringt Kindern an den Schulen Freestyle-Sportarten bei

Das funktioniert so: Das Gorilla-Team kommt mit etwa 20 Coaches an eine Schule, die dort den Kindern Freestyle-Sportarten beibringen. Ihr Angebot umfasst Skate- und Longboard, Breakdance, Freestyle-Fußball, Footbag, Frisbee, Slackline, Fingerboarding, Parkour, Artistik und neuerdings auch Beatbox. "Wir haben einen Pool von 100 Profis", sagt Kupfer - darunter viele Welt- und Europameister. "Die zeigen, was sie drauf haben, und die Kids entscheiden, was sie machen wollen - jeder nach seinem Temperament." Zwischen den Sportblöcken gibt es zweimal ein Buffet mit Essen aus regionalen, saisonalen Zutaten - "alles bio", wie Kupfer betont. Dazu erklären Köche und Ernährungspädagogen, wie man ausgewogen und gesund isst. Nachmittags gibt es dann Ateliers zu Themen wie nachhaltiger Konsum, Recycling und Umweltschutz.

Das Konzept stammt aus der Schweiz, wo Roger Grolimund und Ernesto Silvani 2003 Gorilla mit einer Stiftung ins Leben riefen. "Wir wollen bei den jungen Menschen Eigenverantwortung, Selbstinitiative und einen ausgewogenen Umgang mit Körper und Geist anstoßen und so eine Basis dafür schaffen, dass sie sich in einem gesunden Kontext spüren, fühlen und erleben können", heißt es im Gorilla-Manifest. "So sollen sie heranwachsen und zu starken Persönlichkeiten und Mitgestaltern dieser Welt werden." Kupfer lernte Grolimund auf der internationalen Sportausstellung Ispo in München kennen, über eine befreundete Skateboarderin, wie er erzählt. Wenig später gründeten die beiden Gorilla Deutschland, seit einem Jahr gibt es auch eine Niederlassung in Österreich.

Etwa 60 Workshops haben Kupfer und seine Mitstreiter schon an deutschen Schulen veranstaltet, im Mai vergangenen Jahres waren sie auch an der Jugendstrafvollzugsanstalt in Regis-Breitingen. "Meistens gehen wir an Mittelschulen", sagt Kupfer. "Weil die es am meisten nötig haben." Frage er am Morgen 100 Schüler, wer denn schon gefrühstückt habe, "melden sich vielleicht zehn", sagt Kupfer. "Viele hauen sich mittags Red Bull und Chips rein." Dass die Beschäftigung mit Smartphones immer mehr soziale und sportliche Aktivitäten ersetzen, sei aber auch an Gymnasien zu beobachten. "Wir versuchen nicht, dagegen anzukämpfen", erklärt Kupfer. "Sondern wir bieten etwas anderes an." Bei den Seminaren könnten die Freestylesportler die Kinder und Jugendlichen "eins zu eins erreichen", erklärt er. "Vielleicht finden sie sich in einer dieser kleinen Szenen, wo sie auch aufgefangen werden. Das schult die Willenskräfte, das Dranbleiben."

Der einstige Weltcupsieger im Streetskate Tobias Kupfer bringt seine Sportart gerne Kindern nahe - so auch bei der Einweihung der Bowl in Icking.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Workshops organisiert Kupfer mit seinem Team stets im Block. Dafür buchen sie die freiberuflichen Coaches. Trotz der unterschiedlichen Metiers hätten die Freestyle-Profis alle ähnliche Mentalitäten, sagt der Skateboard-Weltmeister. "Das sind alles Freaks, die wie eine Band zusammenkommen und einen Monat touren." In diesem Jahr werden sie den kompletten Oktober auf Achse sein - und eine Berliner und zehn Münchner Schulen besuchen. "Wir bauen jetzt unser Hoheitsgebiet in Bayern auf", sagt Kupfer. Weil die Workshops mit Kosten von etwa 10 000 Euro nicht allein durch die Verkäufe aus dem Shop zu stemmen sind, hat Gorilla Sponsoren. Seit diesem Jahr unterstützt das Projekt auch die Siemens-Betriebskrankenkasse SBK, die einen Teil ihrer Mittel in Präventionsprojekte stecken muss. Dass das Gorilla-Programm Wirkung gegen Bewegungsmangel und Übergewicht zeigt, sollen Evaluationen bei den Teilnehmern belegen: Laut den auf der Website veröffentlichten Ergebnissen möchten sich 85 Prozent nach dem Workshop mehr bewegen, 66 Prozent trinken mehr Wasser und 53 Prozent essen mehr Früchte.

Seine Heilung von der Leukämie sieht Kupfer heute als zweite Chance

Kupfer kann lange darüber reden, was falsch läuft in der Gesellschaft. Warum die Kinder so etwas wie Gorilla brauchen, als Gegenangebot zu Smartphones und Perspektivlosigkeit, für ihr Selbstbewusstsein. "Das ist wichtig für diese Generation. Sonst haben wir in 20 Jahren nur noch empathielose Zombies." Der immer noch gängige Frontalunterricht entspräche nicht dem Temperament eines Kindes. "Wir bräuchten Gorilla-Schulen mit guten Lehrern, die die Kids motivieren", sagt der 42-Jährige, der mit seinen fünf Kindern und seiner Frau Nadine, die auch im Gorilla-Team arbeitet, seit zehn Jahren bei Egling lebt. Die Workshops kommen an, ist er überzeugt. "Die Kids hören uns zu. Durch den Sport öffnest du eine Tür." Das liege daran, das die Coaches "glaubwürdige Vorbilder" seien. "Sie sehen: Die haben es zu etwas gebracht und leben ein gesundes Leben."

Kupfer weiß, wovon er spricht. Der gebürtige Leipziger fing mit neun Jahren das Skateboardfahren an, noch zu DDR-Zeiten auf einem selbstgebauten Rollbrett. Nach der Wende bekam er schnell Sponsoren, gewann unter seinem Skaternamen "Albert-ross" zahlreiche Contests und lebte, nachdem er im Jahr 2000 den Worldcup in Prag gewonnen hatte, eineinhalb Jahre in den USA und Kanada. Nach 15 Jahren als Profi kam 2009 der "Cut", wie er sagt: Er bekam Leukämie, kurz nachdem er aus München nach Egling aufs Land gezogen war. Kupfer war für drei Jahre außer Gefecht gesetzt, "die volle Dröhnung", wie er sagt. Dank einer Knochenmarktransplantation konnte er schließlich geheilt werden. "Es sollte nicht das Ende sein", sagt er heute. "Ich sehe das auch als zweite Chance. Ich will keine Zeit verschwenden und etwas hinterlassen." Die Frage, was das ist, beantwortet er ohne zu zögern: "Wir haben eine Vision. Wir wollen mit dem Gorilla-Programm eine Bewegung für Kinder und junge Erwachsene werden."

Kupfer freut sich schon auf die kommenden Workshops, an denen er zwar teilnehmen, jedoch nicht selbst als Coach aktiv sein wird. "Ich bin der Silberrücken", sagt er über seine Funktion bei Gorilla. "Ich mache nur noch die Qualitätskontrolle." Aufs Brett steigt er aber immer noch regelmäßig, allerdings eher zuhause in Egling mit seinen Kindern. "Das ist für mich ein Ausgleich", erklärt er. "Wenn ich die ganze Woche am Computer sitze, brauche ich Bewegung."

Mehr Infos unter www.gorilladeutschland.de