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Ein kraftraubender Job:Flüchtlingshelfer brauchen Hilfe

Ehrenamtliche und hauptamtliche Betreuer der Asylsuchenden sind erschöpft. Die Arbeitskreise suchen neue Mitglieder. Das Sozialamt hofft auf eine Stellenbewilligung durch den Kreistag.

Noch gibt es dezentrale Unterkünfte im Landkreis. Sobald die Sammelunterkunft für 80 Flüchtlinge in Geretsried eingerichtet ist, werden mehr hauptberufliche Helfer gebraucht.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Es ist ein wunderbares Zeichen von Integrationsbereitschaft, aber auch eines für den eklatanten Mangel: In der Stadt Wolfratshausen beginnen inzwischen Asylbewerber, ehrenamtlich Asylbewerber zu betreuen. Denn hier wie an allen Orten mit Flüchtlingsunterkünften sind viele der deutschen Helfer ausgebrannt.

So ist nun in Wolfratshausen die 25-jährige Phemo Viola Leboane aus Botswana, Mutter einer vierjährigen Tochter, Ansprechpartnerin für eine sehr hilfsbedürftige alleinstehende Nigerianerin, deren jüngstes von drei Kindern erst wenige Wochen alt ist. Diese Frau braucht Zuspruch bei allem und jedem, was sie hier zwischen Behördengängen und Kinderversorgung schaffen muss. Und immer ruft sie Phemo Viola an, die das mit dem ihr eigenen strahlenden Humor nimmt. Als erstes habe sie der Frau aus Nigeria einen Rat gegeben, erzählt sie: "Vor allem musst du Deutsch lernen. Und sei lieb und nett!"

Dass die junge Frau aus Botswana und ihr 30-jähriger Ehemann Kagiso Donald Leboane so gut Deutsch sprechen, verdanken sie neben dem eigenen entschiedenen Willen ehrenamtlichen Flüchtlingsbetreuerinnen. Die kleine Familie lebt seit einem Jahr in Wolfratshausen. Von Anfang an hat Ines Lobenstein sich zusammen mit anderen Freiwilligen um sie gekümmert. Lobenstein ist beruflich Obdachlosenbetreuerin der Caritas in Wolfratshausen. Die Flüchtlingshilfe leistet sie vermeintlich so nebenher. Tatsächlich beanspruche dieses Ehrenamt sie stark, und sie sei wie viele Helfer "weit über meine Grenze hinaus", sagt sie. Die Aufgaben müssten sich unbedingt auf mehr Schultern verteilen: "Wir brauchen dringend neue Leute."

Dieser Hilferuf der Helfer dringt aus allen Kommunen, in denen Flüchtlinge untergebracht sind. Von Bad Heilbrunn, wo vor bald zwei Jahren die ersten Asylbewerber im Landkreis aufgenommen wurden, über Bad Tölz bis Geretsried hat es durchgehend ein großes Entgegenkommen aus der Bevölkerung gegeben. Überall gründeten sich - oft angeregt von den Bürgermeistern - Helferkreise. Aber nach einem oder zwei Jahren sind viele erschöpft. Da gleichzeitig nach außen der Eindruck entstanden ist, alles laufe schon, kommen fast keine neuen Unterstützer nach.

Ingrid Spindler ist Flüchtlingsbetreuerin in Bad Heilbrunn. Manchmal sei es "schon krass", sagt sie, denn es gebe Wochen, da habe man fast jeden Tag einen oder zwei Termine. "Wir sind nur noch zu dritt", sagt Spindler. Und alle drei sind Frauen. Ihr Wunsch: "Es wäre schön, wenn sich ein Mann der jungen Männer annehmen würde, die jetzt hier sind." Lobend hebt die Ehrenamtliche hervor, dass die Mitarbeiter des Landratsamts jederzeit ansprechbar seien.

Hauptberuflich sind im Landratsamt drei Sozialamtsmitarbeiter für die Asylbewerber eingeteilt: Eugenie Grünwald, Ann-Cathrin Singer und Alf Krämer. Sie begleiten zweimal pro Woche die Essenspakte-Lieferungen in die Unterkünfte und stehen den Flüchtlingen beratend zur Seite. Nach Überzeugung von Daniel Waidelich, Leiter der Abteilung Soziales, ist dringend eine Personalverstärkung notwendig. Allerspätestens, so sagt er, wenn die Sammelunterkunft in Geretsried eröffnet wird. Die Hauptberuflichen, die dann in der Asylarbeit tätig sein werden, sollen auch "Bindeglied zu den Ehrenamtlichen sein und diese anleiten". Dies sei der Wunsch der Stadt Geretsried und des Landrats, erklärt Waidelich. Wie viele zusätzliche Stellen in diesem Bereich genehmigt werden, entscheiden die Kreisräte in den Haushaltsberatungen. Diese beginnen am 16. Oktober mit der Vorlage des Etatentwurfs durch Landrat Josef Niedermaier.

Einstweilen sind die ehrenamtlichen Arbeitskreise weiter auf neue Mitglieder angewiesen. Ines Lobenstein betont, dass es genügen würde, wenn Interessenten jeweils eine der vielfältigen Aufgaben annähmen. Dazu gehören Deutschunterricht, Unterstützung bei Wohnungs- und Arbeitssuche, Kinderbetreuung und Freizeitgestaltung. Nicht alle der inzwischen vielen Flüchtlingskinder hätten Platz in einem Kindergarten gefunden, sagt Lobenstein. Es sei aber wichtig, dass sie einfach öfter mal rauskämen aus den Unterkünften. Sie könne sich vorstellen, dass jemand über die Wolfratshauser Nachbarschaftshilfe "Bürger für Bürger" eine Gruppe mit vier Kindern führt, und sei es nur ein- oder zweimal in der Woche.

Auch Ingrid Spindler sieht Bedarf in der Kinderbetreuung, und zwar immer wenn die Erwachsenen Deutschunterricht haben. Denn der gehört ja für die Asylbewerber, wie Phemo Viola Leboane weiß, zum Wichtigsten in der neuen Heimat.

Wer die Helferkreise unterstützen möchte, wendet sich in Wolfratshausen an Ines Lobenstein, Telefon 0152/54 54 33 55, in Bad Heilbrunn an das katholische oder evangelische Pfarramt, 08046/263 und 244. In Bad Tölz ist Andrea Grundhuber, Integrationsbeauftragte des Tölzer Stadtrats, zuständig, Telefon 08041/99 37.