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Ein Bilder-Schatz wird gehoben:80 000 Fragezeichen

Diese Vier pflügen sich durch den Bilderschatz von Königsdorf (v.l.n.r.): Felix Lembach, Alfred Stangler, Sebastian Schwaiger-Strohmeier und Lorenz Gerold.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Gemeinde Königsdorf hat eine riesige Menge Bilder geerbt, die ein Lokaljournalist zwischen 1954 und 1997 fotografiert hat. Eine Gruppe arbeitet nun schon seit 2012 daran, diese Zeitdokumente auszuwerten und zugänglich zu machen - alles ehrenamtlich.

Es kommt vor, dass Felix Lembach nur noch ein Wort einfällt: "Verrückt" seien sie ja schon ein bisschen gewesen, jene Königsdorfer, die es sich jahrelang zur Aufgabe gemacht haben, einen zeitgeschichtlichen Schatz zu heben. Lorenz Gerold, Alfred Stangler und Sebastian Schwaiger-Strohmeier arbeiteten sich durch eine unfassbare Menge an Fotografien, die zwischen 1954 und 1997 in und um Königsdorf herum entstanden sind. 80 000 solcher Bilder, so die grobe Schätzung, sichteten sie in aufwendiger Kleinarbeit, erstellten Datenbanken und archivierten sie so, um sie künftigen Generationen zu erhalten. Denn die Fotos sind historisch bedeutsam: Aufgenommen hat sie Werner Beier, seinerzeit Pressefotograf und damit prädestiniert dafür, Besonderheiten einzufangen und das Alltagsleben zu dokumentieren.

Werner Beier ist 1997 gestorben und hat seinem Sohn die Filmrollen und Negative seiner langen Fotografenlaufbahn hinterlassen. Dieser wiederum gab einen kleinen Teil an die Städte Geretsried und Wolfratshausen weiter, den größten aber an die Gemeinde Königsdorf - dort hatte Beier die meiste Zeit seines Lebens verbracht und gearbeitet. Kurz nach der Jahrtausendwende erreichten die Kommune mehrere Kartons mit belichteten Filmrollen. Manche trugen Zettel mit Heftklammern, die wenigstens eine grobe Orientierung über die Motive zuließen. Doch bei den meisten war der Inhalt zunächst völlig unbekannt.

"Natürlich stellte sich die Frage, was tun?", erinnert sich Alfred Stangler, Altbürgermeister von Königsdorf. Die schiere Menge und die Unübersichtlichkeit stellte die Gemeinde vor ein großes Problem. So wurden die Kisten zunächst einfach nur in einem Lagerraum deponiert. Rund zehn Jahre später gründete sich aus dem Arbeitskreis Historie heraus eine Archivgruppe mit Gerold, Stangler und Schwaiger-Strohmeier, die sich 2012 schließlich der Herkulesaufgabe stellte. Fünfeinhalb Jahre lang setzten die drei sich fast jeden Dienstagmorgen zusammen und versuchten, das Chaos zu ordnen.

"Mit den Filmrollen war so natürlich nichts anzufangen, also haben wir Kontakt zu einem Fotografen aufgenommen, der solche alten Filme noch abziehen konnte", erzählt Lorenz. Manche Rollen seien gar so alt gewesen, dass sie erst einmal gewässert werden mussten. Die Bögen mit den Positivbelichtungen, insgesamt 2750 DIN A4-Blätter, nahmen sie sich dann mit der Lupe vor, um für die Datenbank herauszufinden, was oder wer auf den einzelnen Bildern zu sehen - und wann das Foto entstanden ist.

Immer wieder stießen sie dabei auf Überraschungen und längst Vergessenes: Beier dokumentierte das Alltagsleben genauso wie gesellschaftliche Ereignisse oder Ski- und Bobrennen. Auch die Frotzeleien der Königsdorfer Narren sind so über die Jahrzehnte erhalten geblieben. Dass der Ort um ein Haar Austragungsstätte der Olympischen Ruderwettbewerbe geworden wäre: Euphorie und späterer Gram nach der Absage hat Beier eingefangen und so bewahrt. "Der Wert der Bilder ist uns aber erst so richtig bewusst geworden, als wir 2012 eine Sonderausstellung machten und die Leute wahnsinnig großes Interesse zeigten", erinnern sich die drei.

2017 dachten Lorenz, Stangler und Schwaiger-Strohmeier eigentlich mit der Arbeit fertig zu sein - 152 ehrenamtliche Sitzungen und 80 000 Bilder später. Sie stießen schon mit Sekt an, da fanden sich noch drei weitere Kisten. Und auch nach dieser "Nacharbeit" ist noch längst nicht Schluss: Als 2017 ein Artikel über ihre Arbeit erschien, sprach sie der Königsdorfer Felix Lembach an. Er fragte nach, ob es von den Bildern Positive gab. Ja, die gibt es. Auch eingescannt? Nein. Damit war klar, die gesamte Digitalisierung stand ihnen noch bevor.

"Ich will die Bilder einfach sichtbar machen", erklärt Lembach, der sich der Gruppe angeschlossen hat und seither die Bilder einscannt und neu beschriftet. Etwa 21 000 Negative hat er bereits digitalisiert. All der Aufwand, darin sind sich alle vier einig, lohne sich aber. Vor allem immer dann, wenn Bilder von Privatpersonen oder Vereinen für Chroniken oder Ausstellungen angefragt werden und sie dann aus dem Vollen schöpfen können.