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Ein besonderer Beruf:Dienerinnen des Familienglücks

Bettina Exner (rechts im Bild) ist als Doula tätig. Die Geburtsbegleiterin pflegt ein freundschaftliches Verhältnis zu "ihren" Müttern und Familien, wie hier mit Andreas, Veronika und Baby Toni Gamsreiter.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Sogenannte Doulas begleiten Frauen während ihrer Geburt. Sie sind, anders als Hebammen, nicht für die medizinische Versorgung zuständig, sondern für die emotionale Begleitung der werdenden Eltern. Im Landkreis gibt es allerdings nur wenige ihrer Art

Es war der 18. Oktober 2019, als Veronika und Andreas Gamsreiter um 7.30 Uhr in der Früh in aller Aufregung ihre Sachen ins Auto warfen und ins Krankenhaus fuhren. Die Wehen begannen, sie steigerten sich. Stunden verstrichen. Doch der Muttermund wollte sich nicht weiter öffnen. "Das war der Punkt, wo ich wirklich geweint habe und verzweifelt war", erinnert sich Veronika Gamsreiter. "Und da war dann Bettina da. Die Motivation habe ich wirklich gebraucht." Doula Bettina Exner schlug ihr vor, ein Bad zu nehmen.

Vier Monate später sitzt die Doula zusammen mit Veronika und Andreas Gamsreiter in ihrem Wohnzimmer und lässt die Ereignisse jener dramatischen Oktobernacht Revue passieren. "Wir haben danach gesagt: Nur noch mit Bettina", sagt Veronika Gamsreiter lachend. Doula, der Begriff kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet "Dienerin". "Und so kann man es auch wirklich sehen", sagt Bettina Exner, "Man tut alles, damit sich die Frau rundum umsorgt fühlt." Die Geburtsbegleiterin ist, anders als eine Hebamme, nicht für die medizinische Versorgung während einer Geburt zuständig, sondern für die emotionale Begleitung der werdenden Eltern. "Im Endeffekt ist es einfach dieses Gefühl, zu wissen: Es ist jemand da", erklärt Veronika Gamsreiter ihre Entscheidung, die Hilfe einer Doula in Anspruch zu nehmen.

Erst zwei Wochen vor der Geburt hatte die 31-Jährige ihre Doula kennen gelernt, zuvor hatte sie die Suche schon aufgegeben. "Ich hatte mich zu dem Zeitpunkt schon darauf eingestellt, dass wir das zu zweit machen", sagt auch ihr Mann Andreas Gamsreiter. Kurz habe er gezögert: "Ich hatte vorher den Gedanken, ob ich dann überhaupt noch was zu tun haben werde." Mit diesem Gedanken sei er nicht allein, sagt Exner: "Ganz viele Papas haben die Sorge, dass sie dann nicht mehr so wichtig sind, aber das Gegenteil ist der Fall." Die 39-Jährige sagt: "Wenn es gut läuft, halte ich mich dezent im Hintergrund." So, wie sie es beispielsweise getan habe, als Veronika in der Badewanne saß, und zwei Stunden lang gemeinsam mit ihrem Mann Atemübungen machte. Andreas Gamsreiter sagt, er habe sich dank Exner nicht ständig die Frage gestellt, ob er irgendwie handeln müsse. Er habe nicht ständig den Raum verlassen müssen, um nach Personal oder Wasser zu fragen, sondern habe ganz für seine Frau da sein können. "Es ist dieses Abwägen: Ist das jetzt noch normal?", sagt der 29-Jährige, "Das ist es, was Stress auslöst. Dazu ist eine Doula da."

"Angst und Anspannung sind die totalen Gegner", sagt Exner. "Eine typische Situation ist, dass die Frau mit Wehen ins Krankenhaus fährt und, dort angekommen, ist sie so angespannt und aufgeregt, dass die Wehen erst mal weg sind." Es seien weniger medizinische Interventionen notwendig, wenn eine Frau Vertrauen in ihren Körper habe. "Wir Doulas unterstützen eine möglichst physiologische, natürliche Geburt. Aber der Fokus liegt darauf, dass wir der Frau beistehen, egal, wie es läuft."

Als Veronika Gamsreiter an jenem Freitag im Oktober aus der Badewanne stieg, hatte sie sich "Minute für Minute zwei Stunden lang vorgearbeitet", erinnert sie sich. Es war 23 Uhr. Und es kam der Moment, "da konnte ich einfach nicht mehr", sagt sie. "Ich war verzweifelt." Sie bat um eine Periduralanästhesie (PDA). Die Schmerzen ließen nach. "Das war in dem Moment der Himmel auf Erden."

Im Nachhinein jedoch, sagt die Moderedakteurin, sei sie von sich selbst enttäuscht gewesen, dass sie eine PDA bekommen habe. Bis sie das Nachgespräch mit der Doula hatte. "Das Nachgespräch ist gut für die Aufarbeitung und wahnsinnig förderlich für die nächste Geburt", sagt Exner. "Ich habe mich an vieles gar nicht mehr erinnert", sagt Veronika Gamsreiter, "ich habe nur an die Schmerzen gedacht." Mit der Doula erinnerte sie sich an ihre starken Momente, und an die lustigen. Wie eine Göttin sei sie in der Badewanne gesessen. All ihre Freundinnen habe sie anrufen und vor einer Geburt warnen wollen. "Man ist so von Sinnen irgendwie", sagt Veronika und grinst.

Immer mehr Paare entscheiden sich wie Veronika und Andreas Gamsreiter dazu, eine Doula zu nehmen. Das habe zum einen damit zu tun, dass sich viele Frauen eine Eins-zu-Eins-Begleitung wünschten, die in Krankenhäusern nicht immer möglich sei, so die Vermutung Exners. Zum anderen sagt sie: "Ich glaube, viele Frauen finden wieder mehr zu einer selbstbestimmteren Geburt zurück." Doulas habe es schon immer gegeben, wenn auch nicht unter diesem Namen. Früher seien bei Hausgeburten neben der Hebamme auch die Mutter, eine Freundin oder die Nachbarin dabei gewesen. Wer den Begriff "Doula" letztendlich in ihrem heutigen Gebrauch prägte, ist unklar. 1992 gründete sich der amerikanische Doula-Verein "DONA International". "Doula" ist kein geschützter Begriff. Jede Frau mit eigener Geburtserfahrung kann sich Doula nennen. Exner selbst hat zwei Kinder. Während ihrer Ausbildung hospitierte sie unter anderem in Geburtsvorbereitungskursen, Stillgruppen und Yogakursen.

Eigentlich ist Exner Patentanwaltsfachangestellte. Sie arbeitete 15 Jahre in diesem Beruf, bis sie ihre beiden Söhne bekam. "Dieses Thema Geburt, Schwangerschaft, das hat mich dann einfach nicht mehr losgelassen", sagt Exner. Einige Jahre später machte sie ein Hebammenpraktikum im Klinikum Starnberg. Es gefiel ihr so gut, dass sie blieb. Für ein Jahr, als Pflegeassistenz auf der Geburtenstation. Dann begann ihre Ausbildung als Doula.

Seitdem ist sie vor, während und nach den Geburten für Eltern da. Zehn Tage vor und zehn Tage nach dem errechneten Geburtstermin ist sie rund um die Uhr in Rufbereitschaft. "20 Tage bin ich wirklich nur für eine Frau da." Nach einer Geburt müsse sie erst einmal damit abschließen, bevor sie sich auf eine neue einlasse. "Es ist auch für die Doulas sehr emotional." Als Doula habe sie keine klassische Arbeitsbeziehung zu den Eltern, "nach dem ersten Kennenlernen bin ich oft schon sehr vertraut mit den Eltern." Und auch ihre eigene Familie müsse hinter ihr stehen. "Mein längster Aufenthalt war mal 36 Stunden." Die Bezahlung, sagt Exner, sei sehr unterschiedlich, je nachdem, wie viel Betreuung ihre Kundinnen in Anspruch nehmen wollten. Für Familien, die sich keine Doula leisten könnten, biete ihr Verein auch ehrenamtliche Hilfe an. Darüber, wie viele Doulas es im Landkreis gibt, bestehen keine offiziellen Zahlen. Von Exners Verein arbeiten etwa fünf Doulas im Landkreis.

Im Fall der Gamsreiters ging nach der PDA alles ganz leicht. Veronika Gamsreiter schlief ein, der Muttermund öffnete sich. "Dann eine Stunde pressen", erinnert sie sich. Inzwischen war es der 19. Oktober 2019, 6 Uhr in der Früh. "Es war ganz ruhig. Nicht so wie im Film, wo alle brüllen und schreien." Das Licht war schummrig. "Eine schöne, magische Stimmung." Und dann war Toni da. "Er sah aus, wie aus dem Ei gepellt", erinnert sich Veronika Gamsreiter lächelnd. Ihr Mann steht neben ihr, in Exners Wohnzimmer. In seinem Arm sitzt Toni. Und strahlt.

© SZ vom 28.03.2020

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