Man möge bitte in der Rubrik ,Wussten Sie schon' einfügen, wurde mit Schreibmaschine auf das Zettelchen getippt, "dass dem Hilferuf des Nähkreises in der Herbstausgabe des Gemeindebriefes ein voller Erfolg beschieden war." Elisabeth Gerum hält den Brief für das Gemeindeblatt hoch. 2001 war das. Sie waren damals nur noch zu zweit - Gerum und eine Seniorin. "Die war 90, die musste ich immer halb liegend im Auto transportieren." Gerum gab nicht auf. Nach dem Aufruf waren sie bald wieder neun. Für ihr Engagement im Schäftlarner Altenheim hat die Leiterin des Nähkreises nun einen Preis entgegen genommen.
"Alles, was abfällt", sagt Elisabeth Gerum, repariere der Nähkreis. "Ob das Strümpfe sind zum Stopfen, Hosen enger machen, kürzer machen, Bettwäsche, Tischwäsche - alles." Auch die Handschuhe des Heimleiters. Einmal im Monat treffen sich die Schäftlarnerinnen im Alten- und Pflegeheim der Inneren Mission und kümmern sich kostenlos um die Körbe voll kaputter Wäsche der Heimbewohner. Seit 40 Jahren macht Gerum das schon.
Sie war 41 Jahre alt, als die gebürtige Sächsin und gelernte Metzgereifachverkäuferin zum ersten Mal in den Nähkreis kam. Von der Frau des evangelischen Pfarrers war in die Runde eingeladen worden. "Mein Gott, tja, das waren alles ältere Damen", sagt die 81-Jährige heute. Damals nannten sie Gerum das "Küken." Gerum blieb in der Runde. "Die Stimmung war schon immer super."

Elisabeth Gerum ist eine Frau mit wachen blassblauen Augen und schnellen Bewegungen. Ihre Besucher begrüßt sie mit einem kecken Corona-Ellbogenstoß. Sie wirkt nicht wie über 80. Nur ihre Wohnung entspricht einer Dame ihres Alters. Plüschtiere sitzen auf dem Sofa. Eine Uhr tickt im Schrank, neben glänzenden Gläsern. Auf dem Tischchen hat Gerum Schwarz-Weiß-Fotos in Klarsichtfolie ausgebreitet.
Eines davon wirkt besonders lebendig. Neun Frauen sind darauf zu sehen, fünf wirken so, als wollten sie gerade etwas sagen. Alle Hände sind in Aktion. Sie ziehen Nähseide lang, fädeln sie ins Nadelöhr, breiten Kleider aus. Und alle Lippen lächeln.
Die Besetzung ist heute eine andere als auf dem Bild. Gerum jedoch ist immer noch Leiterin, seit 1981. Und die Stimmung ist immer noch ungetrübt. "Was glauben Sie, wie es manchmal bei uns zugeht, wenn eine Nähmaschinennadel abbricht oder wenn man Jeans nähen muss", sagt Gerum mit ihrem leicht sächsischen Einschlag. Es werde geschimpft. Es werde beraten. "Wir sind eine gute Gemeinschaft." Die Frauen kämen eigentlich immer alle zu den Handarbeitstreffen, "es sei denn, eine ist eingeschneit." Auch jetzt, zu Corona-Zeiten, trifft sich die Gruppe noch. Nur diesmal in der Kapelle.

An Ortswechsel ist der Nähkreis jedoch gewöhnt. "Wir sind immer umgezogen, wenn umgebaut wurde, von der Küche bis in den Keller runter", sagt Gerum. Sie schlägt die Seite eines alten Prospekts auf. Der Empfangssaal des damaligen Heims ist zu sehen. Mit Holzvertäfelung und herrschaftlichen Polsterstühlen. "Edel, ja", sagt Gerum. "Aber ziemlich dunkel."
Was sich, neben all den Umbauten, über die Zeit verändert hat? "Ich bin alt geworden, mein Gott, mein Mann ist gestorben", sagt Gerum. Sie sagt das oft - "mein Gott" - und es klingt nach einem versöhnlichen ,Was soll man machen.' "Wir haben früher immer Ausflüge gemacht", sagt Gerum, "wunderbare Ausflüge." Das Heim zahlte die Zugfahrten, zum Beispiel an den Tegernsee, als Dankeschön für die ehrenamtliche Hilfe. Gerum reibt Daumen und Zeigefinger aneinander, heute sei das nicht mehr möglich. "Mein Gott", sagt sie und zuckt die Schultern, "es muss überall gespart werden."
Auch die Näharbeit selbst war anders: "Früher haben wir noch Mäntel gekürzt und Strickjacken repariert", erinnert sich Gerum. "Heute wird ja alles weggeworfen." Heutzutage könne man alle Materialien kaufen, die man zum Nähen brauche. Früher hätten die Frauen viel improvisiert. Außerdem gab es nur eine Nähmaschine, an der sich die Frauen abwechselten - eine "gute Bernina." Gerum näht noch heute an ihr. Noch drei weitere Maschinen haben die Näherinnen im Einsatz. Gelernt hat keine von ihnen das Schneiderhandwerk, "wir sind nur Hausfrauen, durch die Bank", sagt Gerum.
Für ihr ehrenamtliches Engagement hat Landrat Christoph Göbel die illustre Gruppe nun ausgezeichnet. Persönlich konnte er wegen der Pandemie zwar nicht in den Nähkreis kommen. Doch Wilfried Bogner, Leiter des Ebenhauser Pflege- und Altenheims, überreichte den Frauen Broschen und Urkunden. "Und eine große Prinzregententorte mit sieben Böden und als Deckel mit Marzipan oben eine Nähmaschine drauf", sagt Gerum, "die hat wunderbar geschmeckt."
Es ist 19 Jahre her, dass die vorherige Besetzung des Nähkreises aus Altersgründen aufgehört und Gerum einen Hilferuf ins Gemeindeblatt gesetzt hat. Sofort meldeten sich vier Schäflarnerinnen, nach und nach kamen weitere neue dazu. Was aber wird sein, wenn auch die jetzige Besetzung nicht mehr weitermachen wird? "Wir sind alle zwischen 72 und 83", sagt Gerum. "Und Nachwuchs ...?" Sie schüttelt kaum merklich den Kopf: "Es kann ja niemand mehr nähen."