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Ehemalige äußern Besorgnis:Abschied vom Lehrer des Vertrauens

Ende nach 13 Jahren: Ins Gymnasium Geretsried kommt Religionslehrer Richard Neumeier nicht mehr.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Seelsorger Richard Neumeier verlässt das Gymnasium Geretsried. Warum - das bleibt offen

Von Felicitas Amler

Für Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Geretsried ist "eine Epoche zu Ende gegangen". So fasst ein Ehemaliger seine Besorgnis darüber zusammen, dass der Religions- und Vertrauenslehrer Richard Neumeier, 59, nach den Sommerferien nicht mehr ans "Gym Ger" zurückkehrt. Warum, das ist für Außenstehende schwer zu ermitteln.

Neumeier selbst sagt, er wäre gern geblieben. Direktor Christoph Strödecke erklärt: "Ich habe ihn ja nicht mehr gekriegt." Und das für den katholischen Pastoralreferenten zuständige Erzbischöfliche Ordinariat München verkündet, es sei zwischen Neumeier, dem Schulleiter und der Erzdiözese abgesprochen, dass "der Einsatz" des Religionslehrers mit diesem Schuljahr ende. Hintergrund sei "eine neue Aufgabe" für Neumeier. Ehemalige des Gymnasiums Geretsried haben in einem offenen Brief an Strödecke die Befürchtung geäußert, mit Neumeiers Weggang drohten "die Werte und Ideale" der Schule verloren zu gehen. Und die Elternbeiratsvorsitzende Daniela Marthaler betont: "Wir hätten Herrn Neumeier genauso wie die Lehrer und die Schüler gern da behalten."

Richard Neumeier gilt als einer der beliebtesten Lehrer.

(Foto: Hartmut Pöstges)

"Unentbehrlich"

Wie beliebt Neumeier, der an der Schule einen Meditationsraum eingerichtet, Yoga-Kurse angeboten und mit Abiturienten Mediationswochenenden veranstaltet hat, in Geretsried ist, hat sich schon vor einem Jahr manifestiert. Damals sammelten Schülerschaft und Eltern 1000 Unterschriften unter einen offenen Brief an die Schulleitung. Dem Religionslehrer waren zum Schuljahr 2019/20 Stunden gekürzt worden. Die Briefunterzeichner wehrten sich dagegen. Der Seelsorger sei nicht nur fachlich versiert und über die Maßen engagiert, er sei der "Großvater dieser Schulfamilie", "unentbehrlicher Teil unseres Wurzelwerks", "unser Herzstück"; ohne ihn sei die Schule nicht vorstellbar.

Neumeier war in seinen 13 Jahren am Gymnasium Geretsried nie unmittelbar dort angestellt. Vielmehr wurden jeweils auf ein Jahr befristete sogenannte "Abstellungsverträge" mit der Erzdiözese geschlossen. Im vergangenen Jahr begründete Schulleiter Strödecke die Stundenkürzung mit einem Rückgang der Schülerzahl. Dies tut er nun, da Neumeier gehen muss, nicht. Vielmehr antwortet Strödecke auf mehrmalige Nachfrage, er habe vom Ordinariat die Auskunft erhalten, der Religionslehrer stünde nicht mehr zur Verfügung. Auf den Hinweis, der Betroffene selbst bestreite dies, sagt der Direktor: "Das muss er mit dem Ordinariat absprechen."

Neumeier hingegen betont, es habe nicht am Ordinariat gelegen, dass er nicht mehr in Geretsried beschäftigt werden soll. "Ich wäre gern geblieben", sagt er, das Ordinariat habe ihn darin auch unterstützt. "Aber ich habe keine Stunden mehr bekommen." Präziser wolle er sich dazu nicht äußern. So bleibt die Vermutung aus Schülerkreisen bestehen, dass zwischen dem von vielen als eher bürokratisch eingeschätzten Schulleiter und dem als äußerst liberal bezeichneten Religionslehrer die Chemie einfach nicht gestimmt habe. "Da sind zwei Welten aufeinandergeprallt", sagt ein Ehemaliger. Strödecke bestreitet, dass Konflikte die Ursache für den Abschied von Neumeier seien. Der Betroffene selbst sagt weder Ja noch Nein, betont vielmehr, ihm gehe es "nicht um einen polaren Kampf". Ihm sei es nur wichtig, dass am Gymnasium Geretsried auch künftig Werte wie Wahrnehmungsfähigkeit und Empathie vertreten würden. "Für mich war das die Grundlage meiner Arbeit."

"Ein immenser Verlust"

In dieselbe Richtung zielt der von Luca Heinle, Paul Beck, Konstantin Reisner und Julien Bota unterzeichnete offene Brief der Ehemaligen. "In Zeiten, in denen von Schülern Höchstleistungen erwartet werden und die an sie gestellten Ansprüche von Eltern und Gesellschaft immer höher angesiedelt werden", seien geschützte Räume umso wichtiger, in denen sie zur Reflexion angeregt würden, sich mit Werten und Idealen vertraut machen könnten und Gelegenheit fänden, zur Ruhe zu kommen. Dem scheidenden Lehrer attestieren die vier, dass er immer Angebote dieser Art gemacht habe. Als Vertrauenslehrer habe Neumeier zudem Brücken zwischen Schülern, Lehrern und Schulleitung gebaut. Sein Weggang sei "ein immenser Verlust" für die Schule. "Wir wünschen uns für die folgenden Schüler-Generationen, dass die von ihm so substantiell gepflegten Werte nicht verloren gehen, sondern weiterhin aktiv gelebt werden und das Schulleben prägen."

Der Direktor sagt dazu auf Nachfrage, dass er darin keinen Vorwurf erkenne: "Ich lese den Brief gar nicht so kritisch wie Sie." Für Besorgnis gebe es keinen Anlass. Am Gymnasium Geretsried habe die ganze Lehrerschaft die Einstellung, "den Schüler als den gesamten Menschen zu sehen". Im Übrigen werde er Luca Heinle ein Gespräch anbieten.

Bedauerlich findet es Strödecke, dass wegen des Aufsehens um diesen Fall zwei andere Weggänge unbemerkt geblieben seien: der seiner Stellvertreterin Christine Kolbeck und jener der Schulpsychologin Jutta Söller. Beide haben sich allerdings - anders als Richard Neumeier - in den altersbedingten Ruhestand verabschiedet. Warum der Religionslehrer gehen musste, bleibt unterdessen das Geheimnis aller daran Beteiligten.

© SZ vom 06.08.2020

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