Süddeutsche Zeitung

Lebensweisheit:"Ich bin genau da, wo ich jetzt sein soll."

Lesezeit: 4 min

Stephanie Fischer aus Egling hat viele Talente. Sie war Beraterin und "IT Woman of the Year". Nun hat sie ein Arbeitsbuch über Langzeitbeziehungen geschrieben.

Von Anja Brandstäter, Egling

Stephanie Fischer nimmt das Leben wie Christopher Columbus: Um zu neuen Ufern zu gelangen, muss man die alten erst mal aus den Augen verlieren. Neue Ufer hat Stephanie Fischer in ihrem Leben schon oft angesteuert. Immer wieder hat sie die Segel neu justiert, um Unbekanntes kennenzulernen. Sie war erfolgreiche Gründerin, wurde 2018 zur "IT Woman of the Year" gekürt, um kurz darauf als Yogalehrerin und als Coach für Resilienz und Stressmanagement ihr Leben in ganz andere Bahnen zu lenken. Nun legt die 39-Jährige ihr neu erschienenes Beziehungs-Buch "Love Birds - In Freiheit verbunden sein" vor.

So bunt wie ihr Leben ist auch ihr Zuhause in Egling. Dort begegnen dem Gast Kranich-Figuren und Glücksdrachen. Angelehnt an die thailändische Mythologie bedeuten sie ein langes Leben und Gesundheit, zudem gelten sie als Beschützer geistiger Schätze. Diese thailändischen Elemente haben die Vermieter des Hauses eingerichtet. Von ihrem Arbeitszimmer blickt Fischer weit in die Landschaft und auf den Kirchturm des Dorfes. Sie trägt einen bunten Kimono in den Farben Magenta und Blau. Das sind die Farben, die sie für das Cover ihres Buchs ausgesucht hat.

In Oxford merkte sie: "Die Engländer ticken ganz anders."

Ausgelöst durch einen Schüleraustausch in Texas wusste Stephanie Fischer nach dem Abitur, dass sie ins Ausland wollte. Die nächste Chance dazu ergab sich vor 20 Jahren während ihrer Ausbildung zur Industriekauffrau bei einem großen Fahrzeughersteller, bei dem schon ihr Vater, ihre Schwester und einige Freunde arbeiteten. Fischer kam im Rahmen eines internationalen Ausbildungsprogramms nach Oxford. Dort stellte sie fest: "Die Engländer ticken ganz anders."

Nach der Ausbildung wurde ihr nahegelegt, im Unternehmen zu bleiben, doch die Aussicht, Teamassistentin zu werden, gefiel ihr nicht. "Für Frauen gab es damals nicht die gleichen Aufstiegschancen wie für Männer. Männer wurden Sachbearbeiter, Frauen blieben Teamassistentinnen." Um sie zu halten, wurde ihr ein Job als "Teamassistentin mit Sachbearbeiterfunktion" angeboten. Ihre Kollegen jedoch seien ältere Männer gewesen, die sie als unliebsame Konkurrentin betrachteten, erzählt sie. Weil sie sich nicht wohlfühlte, kündigte sie.

Aufbauend auf ihren Erfahrungen studierte sie Betriebswirtschaft. "Alle Zusatzkurse, bestimmt 20, habe ich mit Freude belegt." Ferner nutzte sie die Möglichkeit, je ein halbes Jahr in Sankt Petersburg und Paris zu leben. "Ich habe es geliebt, mir die Zeit selbst einteilen zu können und viele Menschen zu treffen." In den Semesterferien arbeitete sie als Werkstudentin in einer Beratungsfirma für Change-Management. "Das hat mich sehr interessiert, und dort konnte ich nach dem Studium als Beraterin arbeiten", sagt sie. Drei Jahre lang war Stephanie Fischer externe Beraterin - und zunehmend unzufrieden. "Wenn ich dem Chef der Fachabteilung einen Vorschlag für eine Veränderung unterbreitet habe, hat er gesagt: Das kann mein Team nicht, die wollen das nicht. Wenn ich meinen Vorschlag dem Team vorgeschlagen habe, haben sie gesagt: Der Chef möchte das nicht, er traut uns das nicht zu."

"Irgendwann wollte ich nicht mehr aus dem Bett aufstehen."

Noch einmal wechselte sie also die Stelle zu einer anderen Beratungsfirma. "Aber wieder hatte ich das Gefühl, dass alles sehr oberflächlich ist", sagt sie. Schließlich arbeitete sie bei einer Beratungsfirma, die sich auf künstliche Intelligenz spezialisiert hat. "Ich hatte keine Ahnung davon, wollte es aber verstehen", sagt sie. "Ich habe mich mit einem Doktor der Physik angefreundet, und wir beide haben unsere Jobs gekündigt, um zusammen eine GmbH zu gründen." Es folgte eine arbeits- und erfolgreiche Zeit als Start-up-Unternehmerin. 2018 wurde sie zur "IT Woman of the Year" gekürt. Um einen körperlichen Ausgleich zu haben, begann sie nebenbei eine Ausbildung zur Yogalehrerin. "Anfangs hat mir das alles großen Spaß gemacht", erzählt sie, "aber irgendwann wollte ich nicht mehr aus dem Bett aufstehen."

Es kam zum Zusammenbruch. Sie trennte sich von ihrem Mann, verkaufte das Unternehmen. "Ich hatte keine Energie mehr. Mein Körper hat nicht mehr funktioniert." Um aus dieser schwierigen Situation herauszukommen, verbrachte sie ein zweiwöchiges Seminar in einem Meditationszentrum in Niederbayern. "Ich brauchte eine Struktur", erinnert sie sich. Ein klarer Tagesablauf und Meditationszeiten, die von Tag zu Tag länger wurden, all das habe ihr geholfen.

Ihr erstes Buch entstand während der Pandemie

Nach diesem Seminar habe sie dann alles aus sich herausgeschrieben. "Ich wollte etwas in die Welt setzen, was mir gefällt", sagt sie. 2021, mitten in der Pandemie, schrieb sie ihr erstes Buch mit dem Titel "Leichte Mädchen Weisheiten". "Das ging ganz schnell", erinnert sie sich. Mit lustigen Zeichnungen der Münchner Illustratorin Natalia Melnikova beschreibt Fischer ihren Weg zu sich selbst. Es sind, wie sie sagt, "brutal ehrliche Texte über Liebe, Loslassen und Neubeginn."

Darin heißt es zum Beispiel: "Immer wieder Benzin in mein Boot zu füllen, damit es nicht untergeht und fährt, hat mich in all den Jahren so ausgelaugt. Ich kann dieses Leben nicht mehr mit der Suche nach Benzin verbringen. Ich bin so müde. Niemand kann mich retten. Ich habe alles versucht." Um dann ein paar Zeilen später festzustellen, dass das Boot auch Segel hat: "Noch nie benützt. Wackelig stehe ich auf und ziehe an einem Segel. Das Boot bewegt sich ein bisschen, ganz ohne Benzin. Ich weiß nichts über Segel und Wind. All mein Wissen über Benzin ist hier wirkungslos. Ich bin Anfängerin in diesem neuen Leben. Ich finde jetzt heraus, wie Segeln mit Wind geht."

Mit ihrem zweiten Buch "Love Birds" hat sie sich länger Zeit gelassen. Zwei Jahre lang befasste sie sich mit dem Thema Beziehungen. Herausgekommen ist eine Art Arbeitsbuch für Langzeitbeziehungen. "Wenn sich zwei Menschen voreinander öffnen, können Wunder passieren", sagt sie. "Sich gegenseitig in all der verrückten unvollkommenen Vollkommenheit zu sehen, kann man üben. Dafür ist dieses Buch." Ein Satz daraus lautet: "Ich bin genau da, wo ich jetzt sein soll."

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