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Einkaufen in Geretsried:"Das tut weh"

Auf die Riesenbaustelle an der Egerlandstraße waren die Geretsrieder Geschäftsleute vorbereitet. Doch dann kam noch Corona hinzu. Das Isar-Kaufhaus hat am Montag nach mehr als sechs Wochen und 99 Prozent Umsatzverlust wieder geöffnet

Eine Einschränkung wäre ja schon genug, aber gleich zwei: Ludwig Schmid, Geschäftsführer der gleichnamigen Bäckerei in Geretsried ("Schmid-Bäck"), sagt, die Lage sei derzeit wirklich schwierig. Wegen der Corona-Krise ist das Café über dem Laden an der Egerlandstraße zu. Und auch das Catering, das sonst einen "nicht unerheblichen" Anteil am Umsatz ausmache, sei komplett weggefallen: "Keine Geburtstags-, keine Familien- und Betriebsfeiern." Und da ist ja auch noch die Riesenbaustelle vor der Ladentür. Die Egerlandstraße ist genau in dem Abschnitt vor Schmids Bäckerei komplett gesperrt. Es laufen dort gerade die Vorbereitungen zum Bau der Tiefgarage, mit der sich die Baugenossenschaft Geretsried (BG) an jene unter dem Karl-Lederer-Platz anschließt.

Laut städtischer Webseite für die Neue Mitte Geretsried dauert die aktuelle Sperrung samt Umleitungen und Ersatz-Parkplatzangebot bis November 2021. Die BG plant an der Egerlandstraße 58 bis 74 einen großen Wohn- und Geschäftskomplex, der die Entwicklung eines urbanen Stadtzentrums abrunden soll. Vorgesehen sind in dem Komplex 93 Wohnungen, ein Aldi, ein Rossmann und einige sogenannte Mikroshops, deren Nutzer noch nicht feststehen.

"Wir haben uns sorgenvoll auf die Baustelle vorbereitet", sagt Bäckermeister Schmid. Dass mit Corona noch ein zweites Hindernis dazugekommen sei, "das tut weh". Zu den Vorbereitungen hätten "Kundenbindungsinstrumente" gehört, sagt er, wie die neu eingeführte Kundenkarte. "Alles, was man sich so ausgedacht hat, ist ein Fahren auf Sicht." Zwar sei der Absatz an reinen Backwaren in etwa konstant, aber wer kaufe jetzt schon noch schnell eine Brotzeit ein? Die meisten arbeiteten doch im Home-Office. Dazu sei in den vergangenen Wochen gekommen, dass "der Frequenzbringer Isar-Kaufhaus" zwangsweise zu war. Wenn das benachbarte Kaufhaus geschlossen sei, seien weniger Leute unterwegs und damit auch weniger in seinem Geschäft, erklärt Schmid.

Frederik Holthaus, Geschäftsführer des Isar-Kaufhauses, durfte am Montag erstmals wieder die Ladentür aufsperren. Die Erleichterung war ihm anzuhören. Wie lange zu war? Diese Frage beantwortete Holthaus sehr prompt und sehr genau: "Sechs Wochen und vier Tage." Nun dürfen 800 Quadratmeter für Kunden zugänglich sein. Das Erdgeschoss ist komplett offen, im ersten Stock seien 250 Quadratmeter abgeteilt, und der zweite Stock sei dicht, erklärt Holthaus. Wenn Kunden von dort etwas brauchten, Haushaltswaren und Spielzeug etwa, rufe eine Mitarbeiterin die andere an, die es dann bringe. Holthaus begrüßt es ausdrücklich, dass für Mitarbeiter wie für Kunden Mundschutz vorgeschrieben ist. "Das ist für uns auch eine große Sicherheit", sagt er.

Als geschlossen war, habe sein Haus 99 Prozent Umsatz verloren, sagt der Geschäftsführer. "Etwas ist gegangen über Dahoamkaufen", erklärt er. Auf diesem regionalen Online-Lieferportal bietet das Isar-Kaufhaus Wolle, Kurz- und Schreibwaren an. Die Kunden hätten umso lieber darauf zugegriffen, sagt er, als das Unternehmen einen Gratis-Lieferservice angeboten habe. Da lasse man sich schon mal einen Filzstift im Wert von 79 Cent frei Haus zustellen. Außerdem sei das Isar-Kaufhaus telefonisch in Kontakt mit etlichen Kunden gewesen, die etwas bestellen und am Personal-Eingang abholen konnten.

Auf der Baustelle verlegten nach Holthaus' Informationen in den nächsten Tagen die Stadtwerke Versorgungsleitungen. Dies werde laut dem zuständigen Bauingenieur bis Mitte/Ende kommender Woche dauern, dann beginne der Einbau der Spundwände - eine äußerst lärmintensive Arbeit. "Und dann zieht sich die Baustelle erst einmal ein Stück zurück", so die Ankündigung. Holthaus sagt: "Die schlimmste Zeit für uns ist dann erst einmal vorbei."

Das bedeutet freilich nicht, dass er die Einschränkungen als erledigt ansieht. Holthaus ist Sprecher der Interessengemeinschaft (IG) Pro Egerlandstraße, die wegen der zu befürchtenden Ausfälle während der langen Bauzeit bis 2022 Klage beim Verwaltungsgericht eingereicht hat. Die IG hatte sich in Verhandlungen mit der Baugenossenschaft Geretsried nicht über mögliche Ausgleichszahlungen verständigen können. Die zunächst nur aus formalen Gründen eingereichte Klage gegen das Bauvorhaben an sich soll daher bis zu einem Urteil durchgezogen werden.

© SZ vom 05.05.2020

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