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Ebenhauser Autorin:"Es war mehr als Rache"

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Miriam Gebhardt ist Historikerin und Autorin.

(Foto: Veranstalter/oh)

Miriam Gebhardt über sexuelle Gewalt nach der Befreiung

Der Satz, den Miriam Gebhardt zitiert, macht auf beklemmende Weise ein schreckliches Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte deutlich: "Und alle haben gelacht." Ein Leser hat dies der Historikerin und Autorin erzählt. Seine Mutter habe immer wieder gesagt, sie sei von amerikanischen Soldaten vergewaltigt worden. Und natürlich haben alle darüber gelacht, denn es galt ja jahrzehntelang als ausgemacht: guter Ami, böser Russe. Tatsächlich aber haben nicht nur Rotarmisten deutschen Frauen sexuell Gewalt angetan, sondern auch amerikanische, englische und französische Soldaten. Dies belegt das Buch "Als die Soldaten kamen". Gebhardt, die in Ebenhausen lebt und an der Uni Konstanz lehrt, hat es vor fünf Jahren veröffentlicht. Jetzt, zum 75. Jahrestag der Befreiung, hat sie in der Kulturbühne "Hinterhalt" darüber gesprochen.

"Hinterhalt"-Wirtin Assunta Tammelleo und ihr Kulturverein Isar-Loisach (KIL) sind bemüht, den Kulturbetrieb auch in der schwierigen Corona-Zeit am Laufen zu halten. Wenn schon keine realen Besuche in dem Lokal am Geltinger Leitenweg möglich sind, so doch virtuelle. Mal wird gerockt und gesungen, mal gesprochen und gelesen. Zusammen mit dem Erinnerungsort Badehaus Waldram-Föhrenwald hat der KIL vergangenen Mittwoch ein Interview mit Miriam Gebhardt aufgezeichnet. Gesprächspartnerin war die Ickinger Historikerin, Filmemacherin und "Badehaus"-Vorsitzende Sybille Krafft.

"Logisch und ethisch verantwortlich" nennt Gebhardt es, dass sich der Blick der historischen Forschung lange Zeit auf die Opfer des Nationalsozialismus und des deutschen Vernichtungskriegs konzentriert und deutsche Frauen als Opfer des Kriegsendes dabei nicht beachtet habe. Erst in den Neunzigerjahren habe sich dies geändert. Viele der betroffenen - längst hochbetagten - Frauen trügen diese Geschichte noch heute unausgesprochen mit sich herum. Und nicht selten breche sie etwa im Alten- oder Demenzheim plötzlich und unvermittelt aus ihnen heraus.

Die Historikerin nennt diese Vergewaltigungen eine "flächendeckende und kollektive Erfahrung" in ganz Deutschland während der Machtübernahme der Alliierten und in der Besatzungszeit bis 1955. Sie hat auf der Basis belegter Zahlen von in Gewalt gezeugten "ledigen Kindern" Hochrechnungen angestellt und kommt auf die Zahl von 860 000 Vergewaltigungen. Dazu geht sie von einer viel höheren Dunkelziffer aus. Ihre Schlussfolgerung: "Das war wohl die größte Massenvergewaltigung in der Geschichte, hier in Deutschland nach 1945." Die Autorin weiß von Fällen von der Lüneburger Heide bis auf bayerische Almen, sie nennt explizit auch Wolfratshausen und Lenggries. Frauen jeden Alters seien betroffen gewesen, es habe auch männliche Opfer gegeben, und es seien fast immer Gruppenvergewaltigungen gewesen.

Gebhardt lehnt es ab, sexuelle Gewalt als quasi übliche Begleiterscheinung von Kriegen generell zu betrachten: "Damit tun wir's ein bisschen ab." Zwei Erklärungsversuche benennt sie konkret. Die Armeen der Alliierten, in denen eine große Fluktuation geherrscht habe, hätten sich durch gemeinsam verübte Verbrechen zusammengeschweißt. Die Militärsoziologie spreche bei diesem Phänomen von "Partner in Crime". Persönlich glaube sie, dass auch die historische Situation der Geschlechter-Neuordnung eine Rolle gespielt habe. Einiges sei "in Unruhe gekommen", seit sich die Frauen Anfang des 20. Jahrhunderts ihren Platz erkämpften. "Die angestammte Position der Männer war infrage gestellt worden." Man habe von einer Verweiblichung der Gesellschaft gesprochen. "Und diese Kriegssituation rief dazu auf, dass die Männer sich wieder ermannen." Aus der Tatsache, dass amerikanische Soldaten schon in England und Frankreich Vergewaltigungen begangen hätten, schließe sie: "Es war mehr im Spiel als Rache."

Der eingangs zitierte Sohn verdankt Gebhardts Buch die Erkenntnis, dass tatsächlich auch amerikanische Soldaten deutsche Frauen vergewaltigt haben. Er wollte sich bei seiner Mutter entschuldigen. Viele Frauen haben eine solche Anerkennung ihres Leids gar nicht mehr erlebt. Im SZ-Interview empfahl Gebhardt vor fünf Jahren, Traumatherapeuten in Altenheime zu schicken. Und sie sagte: "Wenn ich mir anschaue, wie Flüchtlinge in Deutschland behandelt werden, Menschen, die mit Sicherheit auch sexuelle Gewalt erfahren haben, wie sie in existenzieller Verunsicherung leben müssen, dann denke ich, dass es an der Zeit wäre, dass wir uns an unsere eigene Vergangenheit erinnern."

Das Gespräch ist über Youtube und über die Facebook-Seite des "Hinterhalts" anzusehen

© SZ vom 11.05.2020

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