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Walchensee:Vier Frauen, ein Film

"So ein Film erleichtert auch": Regisseurin Janna Ji Wonders stellt in ihrer preisgekrönten Dokumentation vier Generationen Familiengeschichte dar. Hauptschauplatz: das Café Bucherer am Walchensee.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Im Café Bucherer gibt es Kuchen wie immer. Währenddessen wird die Geschichte des Lokals international gefeiert: In der Doku "Walchensee Forever" arbeitet Janna Ji Wonders ihre illustre Familienhistorie auf.

Von Marie Heßlinger

Ein Kind sitzt vor der Kamera. Ein vielleicht fünfjähriges Mädchen mit Blumenkranz und hellem Haar. Eine Frau, hinter der Kamera zu verorten, stellt ihm Fragen. Sie reden über seine Vorstellungen vom Tod. "Mama, darf ich dir 'n paar Fragen stellen?", sagt das Kind dann und lächelt voll glücklicher Erwartung. "Ja", sagt die Erwachsene, "ja, stell' mir Fragen." Das Mädchen guckt enttäuscht. "Ach, du meinst ich soll da jetzt sitzen und du stellst mir Fragen?", sagt die Mutter. Kurz ist nur weißer Stoff in Bewegung zu sehen, dann sitzt sie selbst vor der Kamera.

Rund 35 Jahre später sitzt dieselbe Mutter an derselben Stelle wieder vor der Kamera, oder sollte man sagen: immer noch? Es ist, als hätte das Mädchen nie aufgehört zu filmen - nur erwachsen ist es geworden. Und mittlerweile macht es das Filmen auch professionell. Vor fünf Jahren beendete Janna Ji Wonders ihre achtjährige Ausbildung an der Münchner Filmhochschule. Als Debütfilm nahm sie sich das wohl Schwierigste überhaupt vor: Wonders hat die Geschichte der Frauen in ihrer Familie über vier Generationen hinweg zu einem Film zusammengefasst - und damit auch ihre eigene Geschichte analysiert.

Im Februar feierte "Walchensee Forever" bei der Berlinale Premiere, im Herbst soll er in die Kinos kommen. Nun ist Sommer und Wonders ist damit beschäftigt, Dankesreden zu verfassen, zuletzt für das griechische "Thessaloniki International Film Festival", wo sie mit dem "Newcomers Award" ausgezeichnet wurde. Auch den "Deutschen Kamerapreis" für den "besten Schnitt" gewann "Walchensee Forever" vor wenigen Wochen - und den Bayerischen Filmpreis in der Kategorie "Bester Dokumentarfilm."

"Der Walchensee liegt 800 Meter über dem Meeresspiegel", warnt Wonders vor der intensiven Sonne. Es ist ein heißer Tag im Juli. Wonders sitzt auf der Bank neben dem Café Bucherer, auf der sie auch auf dem Filmplakat mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter zu sehen ist. Das Café hat einst ihre Urgroßmutter Apa eröffnet. "Für mich ist es so, als hätte ich den Film schon angefangen, als ich ein Kind war", sagt Wonders. "Nur, dass ich als Kind nicht wusste, dass ich einen Film mache." Für den Film trug Wonders Briefe, Filmaufnahmen und Fotografien aus dem Familienarchiv zusammen. "Das sind Materialien von 1918 bis heute", sagt sie, "Super 8, 16-Millimeter-Aufnahmen ..." Alles habe sie "so pur belassen", wie es ursprünglich war. Kunstvoll, sodass die Zeitsprünge ganz organisch wirken, hat sie die alten Materialien mit neuen Aufnahmen verwoben - mit Interviewaufnahmen ihrer Mutter.

"Es war eine Überwindung", sagt Wonders über ihren Entschluss, den Film zu drehen. Würde es die Beziehung zur Mutter verändern? Auch ihre Mama habe es schließlich Kraft gekostet, sich darauf einzulassen. "Ich habe anfangs mit Kamera- und Tonmann gedreht und gemerkt: So geht es nicht." Es musste wieder zum Spiel werden, wie damals, als sie und ihre Mutter sich gegenseitig gefilmt haben. Es musste wieder Intimität entstehen.

Anna Werner, die Mutter, öffnete sich mit beeindruckender Ehrlichkeit, Nacktheit und Kraft - und der Zuschauer wird Teil einer Intimität, wie sie wohl nur zwischen Tochter und Mutter möglich ist. Werner wird gezeigt, als der Kopf ihrer Tochter Janna bei der Geburt zwischen ihren Beinen herausschaut, sie wird gefilmt im Streit mit der eigenen Mutter, als tanzendes Hippie-Mädchen in San Francisco. Werner erzählt die Geschichte ihrer eigenen Eltern, die begann wie ein Märchen, in dem sich ein schöner Künstler beim Reisen in ein Mädchen vom Walchensee verliebte. Die Beziehung jedoch zerbrach, als er aus dem Krieg zurückkehrte. "Er brachte den Krieg mit ins Haus", erinnert Werner sich im Film - und liest aus seinem Abschiedsbrief an ihre Mutter vor: "In deinem ganzen Leben hast du dich nicht entscheiden können zwischen deiner Mutter und deinem Mann."

Uschi Obermaier, 1969

Die Familiengeschichte spielt zum Teil auch in der Kommunardenszene um Rainer Langhans (hinten rechts) und Uschi Obermaier (rechts).

(Foto: SZ Photo)

Anna Werners Großmutter war es, die das Café Bucherer am Walchensee eröffnete. Sie wollte den Schliersee hinter sich lassen, nachdem ihre erste Tochter 1918 an der Spanischen Grippe gestorben war. Werners Mutter Norma führte das Café fort. Heute wird es von Wonders Freunden geführt, es sieht aus, als sei es so belassen worden wie damals. Anna Werner wollte es nicht übernehmen, zusammen mit ihrer Schwester Frauke zog die Fotografin als junge Frau in die Ferne. In bayerischen Trachten reisten die beiden mit Anfang 20 durch Mexiko, jodelten und spielten Hackbrett, mit unbesiegbarer Freiheit und Abenteuerlust, ihre Bilder berühren.

"Ich habe das Gefühl", sagt Wonders im Film, "dass Frauke zu vielem der Schlüssel ist." Frauke Werner beging überraschend Selbstmord, Wonders hat ihre Tante nie kennen gelernt. "Aber ein Bild von meiner Mutter und meiner Tante, mit Hackbrett und Gitarre, hing in der Stube über dem Esstisch", erzählt sie im Gespräch. "Es war wie ein Fenster in die Vergangenheit meiner Mutter, wo auch ein dunkles Geheimnis lag." Ein Hauch von Abenteuer habe die Tante umweht. Das habe sie als Kind fasziniert.

"Als ich 13 war, wurde ich Punk", sagt Wonders und lächelt. Zu dieser Zeit war ihre Mutter Teil des "Harems" um Rainer Langhans von der Kommune 1. Studentenbewegung, Apo, freie Liebe - um nur ein paar charakteristische Stichpunkte zu nennen. Fünf Frauen trafen sich in dieser Zeit täglich zum Gespräch, zusammen mit dem Ex-Kommunarden. Mit den "Haremsfantasien" vieler Leute habe das wenig zu tun gehabt, so Wonders. "Es waren eher Freunde, die sich den Spiegel vorgehalten haben - schonungslos", sagt sie. Als Jugendliche habe sie gut gefunden, "dass mir nichts vorgemacht wurde, dass man alles besprechen kann, dass alles raus kann." Manchmal habe sie sich gefragt, warum ihre Mutter sich dem so ausgesetzt habe. "Jetzt verstehe ich es. Du musst auch in die tiefsten Ecken deines Selbst, um dich zu entdecken und zu erkennen."

Wonders zog mit 17 alleine nach Berlin, machte dort Abitur. Sie drehte einen Hip-Hop-Dokumentarfilm im Ghetto von Los Angeles und einen über junge Punks in Moskauer Vorstädten. Ihre eigenen Abenteuer zeigt sie jedoch nicht in "Walchensee Forever". Sie sei bedacht darauf gewesen, "eine gewisse Distanz zu wahren". Es habe eine universelle Geschichte werden sollen, in der sich die Zuschauer wiederfänden. Ihr Ziel sei es gewesen, "dass der Zuschauer über sich selbst und seine generationsübergreifenden Verstrickungen reflektiert und sich auch wieder Fragen stellt, die sein Leben betreffen." Für sie selbst, sagt Wonders, habe sich etwas geklärt nach dem Film. "Es erleichtert", sagt sie.

"Das Leben, wie es war, ja, das reduziert sich im Film auf ein paar Minuten." Lächelnd schaut sie aufs Wasser. "Aber das ist dann die Essenz." Ihr Blick schweift zu den Bergen am anderen Ufer. Wie ihre Mutter ist sie an den Walchensee zurückgekehrt. Ihre Großmutter hat ihn, als Wirtin des Café Bucherer, nie verlassen. Bodenständig sei sie gewesen. "Sie hat so mit den Zeiten und Elementen der Natur gelebt." Wonders spricht ruhig, rhythmisch, als würde sie mit den Wellen gehen. "Der Walchensee ist für uns Frauen so ein magischer Ort, so ein Zufluchtsort."

Männer spielen im Film "eher eine Nebenrolle", sagt Wonders. Ihr Vater lebt auf einer Pferdefarm in Kalifornien, ihre Großeltern trennten sich vor ihrer Geburt. Sie selbst ist alleinerziehend. Für einen Moment scheint Wonders zu staunen: "Es ist, als ob da so etwas weitergeführt wird, was schon angelegt war über Generationen", sagt sie. "Auch, dass ich eine Tochter bekommen habe."

Im Film schließt sich der Kreislauf. Liebevoll pflegt Anna Werner ihre Mutter, bis sie im Alter von 104 stirbt. "Jetzt begibt sie sich auf die große Reise", sagt Werner im Film. Die Reise, von der Wonders als kleines Mädchen spricht. "Der Walchensee ist wie so ein unsterblicher Chronist, der Walchensee ist immer da", sagt Wonders, als sie an seinem Ufer sitzt. Und dann muss sie los, ihre Tochter aus der Kinderkrippe abholen. Der ist der Film gewidmet.

© SZ vom 11.07.2020/aip

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