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Diskussion in Geretsried um Unterstützung:Gedenken und Bedenken

Todesmarsch KZ Dachau

Mahnmale des Bildhauers Hubertus von Pilgrim markieren den Weg des Todesmarsches von Dachau bis Waakirchen.

(Foto: Manfred Neubauer)

Der Historische Verein Wolfratshausen und die Bürger fürs Badehaus planen Feiern zur Erinnerung an den Todesmarsch der Dachauer KZ-Häftlinge und an das jüdische DP-Lager Föhrenwald. Der Geretsrieder Kulturreferent fühlt sich "vorgeführt"

Die Zahl 75 prägt das kommende Jahr: Es wird dann 75 Jahre her sein, seit der Zweite Weltkrieg zu Ende ging und Deutschland vom Faschismus befreit wurde. 75 Jahre, seit die SS die letzten Häftlinge aus den Konzentrationslager auf entsetzlichen Todesmärschen durchs Land jagte; 75 Jahre, seit die Lager für Displaced Persons (DP), Überlebende der Schoah, eingerichtet wurden.

Wolfratshausen und Geretsried - wegen zweier großer NS-Rüstungsbetriebe im gemeinsamen Forst historisch miteinander verbunden - haben mehrfachen Grund, sich all dessen zu erinnern. Hier lebten Zwangsarbeiter der Rüstungsindustrie, die 1945 befreit wurden; hier führte der Todesmarsch aus dem KZ Dachau gen Alpen vorbei; hier wurde das größte und am längsten existierende jüdische DP-Lager, Föhrenwald, geschaffen. Um des Todesmarschs und des DP-Lagers zu gedenken, brauchen zwei Vereine finanzielle Unterstützung: Der Historische Verein Wolfratshausen und die Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald planen dazu teils international besetzte Veranstaltungen. Sowohl von der Stadt Wolfratshausen als auch von Geretsried erhalten beide je 5000 Euro. In Geretsried aber gab es darüber am Dienstag im Kulturausschuss des Stadtrats eine kleine Auseinandersetzung.

"Ich habe keine Sympathie dafür"

Dem Kulturreferenten Hans Ketelhut (CSU) war sein Einspruch zu den Zuschüssen so wichtig, dass er Bürgermeister Michael Müller (CSU) zuvor gebeten hatte, die Tagesordnung kurzfristig umzustellen, da er nicht gleich zu Beginn der Sitzung anwesend sein konnte. Er erklärte dann zweimal, er fühle sich von den beiden Antragstellern "vorgeführt", da seiner Überzeugung nach beide für dieselbe Veranstaltung um Zuschüsse baten: "Ich habe keine Sympathie dafür", sagte Ketelhut, "da verlangen zwei Vereine für dieselbe Arbeit dasselbe Geld."

Ketelhut brachte dadurch einige Kollegen erst auf die Idee, es könne sich um den Versuch handeln, für einen Termin zweimal zu kassieren - was nicht der Fall ist. Da stünden in jedem der beiden Anträge dieselben Summen für Saalmiete, Catering und ähnliches, sagte Karin Schmid (CSU) und fragte, ob denn beides "am gleichen Tag, am gleichen Ort, zur gleichen Zeit" geplant sei.

Bürgermeister Michael Müller (CSU) bemühte sich intensiv darum, für beide Anträge zu werben. Aber niemand wandte explizit ein, dass eine gleichzeitige Doppelveranstaltung schon deswegen kaum vorstellbar sei, da der Todesmarsch in den letzten Apriltagen 1945 stattfand, während Föhrenwald erst im September 1945 förmlich zum DP-Lager erklärt wurde. Tatsächlich ist es so, dass der Historische Verein Wolfratshausen das Todesmarsch-Gedenken am 2. Mai 2020 feiern will; der Badehaus-Verein den Festakt zum DP-Lager Föhrenwald am 18. Oktober.

Zur ersten Veranstaltung reist der Holocaust-Überlebende Jack Adler aus den USA an. Bei der Feier wird auch die Klaviersonate "27. April 1945" aufgeführt, die der berühmte antifaschistische Komponist Karl Amadeus Hartmann (1905-1963) als Zeitzeuge des Todesmarsches schrieb. Hartmann notierte über das Gesehene: "Unendlich war der Strom - unendlich war das Elend - unendlich war das Leid." Der Historische Verein plant einen Gedenkzug vom Todesmarsch-Mahnmal in Buchberg, auf Geretsrieder Grund, zum Erinnerungsort Badehaus in Wolfratshausen, wo das Originalmodell des Mahnmals des Bildhauers Hubertus von Pilgrim steht. Zur Erinnerung an das DP-Lager Föhrenwald richtet der Badehaus-Verein ein Fest im Saal von Sankt Matthias in Waldram aus, mit ehemaligen Föhrenwaldern, Gästen aus der ganzen Welt und prominenten Politikern.

Der Geretsrieder Kulturausschuss stimmte beiden Zuschüssen zu, allerdings votierte Kulturreferent Ketelhut als Einziger gegen die Förderung des Todesmarsch-Gedenkens. Die kurzfristig ebenfalls diskutierte Frage, ob die Stadt Geretsried zwei Wolfratshauser Vereine unterstützen soll, beantwortete Vera Kraus (Freie Wähler) so: Es handle sich "weder um ein Geretsrieder noch um ein Wolfratshauser Thema, sondern um ein deutsches". Man könne froh sein, dass es Vereine in der Nachbarschaft gebe, die sich dessen engagiert annähmen, sagte sie.