Diskriminierungen queerer Menschen sind Anna Kohlhund nicht fremd. Damit umzugehen, darauf zu reagieren und Betroffenen Rat zu geben, gehört zu ihrem Job. Kohlhund, 32 Jahre alt, Sozialpädagogin, psychologische Beraterin und Coach, leitet die LGBTIQ-Plus-Beratungsstelle Oberbayern der Caritas in Garmisch-Partenkirchen. Ein Fall wie der Sprayer-Anschlag auf zwei Läden eines homosexuellen Ehepaares in Wolfratshausen aber war ihr bisher nicht vorgekommen.
Am Morgen des Donnerstags, 16. Januar, waren die ersten Nazi-Schmierereien in der Marktstraße entdeckt worden: Hakenkreuze, „Heil Hitler“ und „Fuck LGBTQ“ – also eine Verfluchung der „Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transgender und Queer“-Community. In der Nacht zum darauffolgenden Montag war das Café am Schwankl-Eck zum zweiten Mal mit Hakenkreuzen besprüht und auf die Seitenwand geschmiert: „Wir kommen wieder! Scheiß Schwuchtel“.
Taten klar benennen
Anna Kohlhund hat darauf vor allem eine Antwort: „Anzeige erstatten!“ Jede queerfeindliche Äußerung oder Tat müsse klar so benannt werden, sagt sie. In ihrer Beratung habe sie es vor allem mit Beleidigungen und Schmähungen im unmittelbar persönlichen Bereich zu tun. „Auf individueller Ebene gibt es viele Diskriminierungen“, sagt sie. Immer noch. So komme es vor, dass jemand sich als queer oute und eine vermeintlich gute Freundin breche den Kontakt ab. Auch Familienangehörige reagierten manchmal so.
Was sie dann rate, hänge immer von der individuellen Situation ab. Grundsätzlich aber könne sie sagen: „Wenn queere Personen ihre Identität verschweigen, leiden sie mental.“ Kohlhunds Beratung ist selbstverständlich vertraulich und notfalls auch anonym, sei es im direkten Gespräch, am Telefon oder online.
In Deutschland, so Kohlhund, gelten sieben bis zehn Prozent der Bevölkerung als queer. „Das sind aber nur jene Personen, die sich geoutet haben. Die Dunkelziffer ist höher.“ Dabei erinnert sich die Beraterin an einen eklatanten Fall, der ihr begegnet ist: „Eine Person hat sich erst mit 82 Jahren geoutet.“ Einfach weil dann kein Familienmitglied mehr da war, das Anstoß hätte nehmen können.
Kohlhund nennt ihre eigene Arbeit einen Tropfen auf den heißen Stein, denn sie ist für ganz Oberbayern außerhalb der Landeshauptstadt München zuständig und dort auch immer wieder unterwegs. Das sind 20 Landkreise. Und sie hat nur 30 Wochenstunden. Sie berät auch Fachkräfte, war in dieser Funktion zuletzt in Traunstein, Ebersberg, Dachau und Pfaffenhofen.
Im zurückliegenden Jahr 2024 habe sie sich auf die Fachberatung konzentriert und allgemeine Informationen zur Sensibilisierung für ihr Thema veröffentlicht. In den persönlichen Beratungen werde sie etwa nach Anlaufstellen gefragt, nach queeren Treffpunkten oder nach Möglichkeiten zur sogenannten Transition – das ist die Geschlechtsangleichung. Wichtig sei für viele Ratsuchende auch der eigene Umgang mit dem Coming-out.
Fixe Termine sind ein monatlicher Beratungstag im Caritas-Zentrum Dachau (das nächste Mal am Mittwoch, 19. Februar, 13 bis 16 Uhr) und ein runder Tisch „Queer in Oberbayern“ für LGBTIQ+-Akteur*innen (online am 12. März, 18 bis 20 Uhr).
Caritas-Zentrum Garmisch-Partenkirchen, Dompfaffstraße 1, Telefon 0171/5455311, https://caritas-lgbtiq-beratungsstelle-oberbayern.de/de

