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Direktvermarkter:Geflügeltes Konzept

Auf ihrem Bertenhof im Dietramszeller Ortsteil Schönegg hält die Familie Häsch 14 000 Hühner. Die Eier werden regional vermarktet - und im Hofladen verkauft, der ein breites Angebot hat

Von Petra Schneider, Dietramszell

Wenn Michael Häsch einen seiner Hühnerställe betritt, klopft er vorher an. "Dann wissen die Tiere, dass jemand kommt und bleiben ruhig." Denn Hühner seien sensible Wesen, die sich leicht aufschrecken lassen, sagt der Bertenbauer. "Sie können aber auch ganz schöne Mistviecher sein." Häsch muss es wissen, er ist so etwas wie der Hühnerbaron der Region. In sechs Ställen gackern insgesamt etwa 14 000 Hühner. Sie legen jede Woche durchschnittlich 70 000 bis 80 000 Eier, die direkt im Hofladen verkauft werden. Die meisten liefert Häsch freilich unter dem Label "Bertenbauer" an Supermärkte in der Region, an "Unser Land" und an Gastronomie und Hotels. Bis zum Jahr 1999 gab es auf dem 300 Jahre alten Bertenbauernhof noch Milchkühe. Ende der 1980er Jahre fielen die Preise: Sein Vater habe 1959 noch 60 Pfennig für den Liter Milch bekommen, erzählt Häsch. 1999 waren es nur noch 56 Pfennig. Die Kühe kamen weg, die Hühner wurden mehr. Im Jahr 1995 hat Häsch den Betrieb mit 1000 Hennen übernommen, drei Jahre später ist er beim Netzwerk "Unser Land" eingestiegen. "Seit wir komplett auf Subventionen verzichten, läuft der Betrieb ganz gut", sagt der 58-Jährige Landwirtschaftsmeister und stellvertretende Vorsitzende des Geflügelhalterverbands, der zudem noch Zweiter Bürgermeister in Dietramszell, Kreis-, Gemeinderat und Ortsvorsitzender der CSU ist. Man könne sich darauf konzentrieren, "was die Kunden wollen und nicht auf das, was gefördert wird."

Durch die Ställe mit den Freilaufflächen am Ortsrand wogt ein beständiges Gackern. Auf der Wiese, die die Hühner durch Scharren und Picken in eine Sandfläche verwandelt haben, stolzieren auch einige Gockel. Das mache die Hühnerdamen ruhiger, sagt Häsch. Im Sommer hat er Ziegen angeschafft, die sich durch ihre bloße Anwesenheit bestens als Hüter bewähren. Denn zuvor seien etwa zehn Prozent des Hühnerbestands leichte Beute für Habicht, Milan oder Füchse geworden.

Wie viel Platz die Hennen haben, ist vorgeschrieben: Für Bodenhaltung, die im ehemaligen Kuhstall praktiziert wird, sind auf einem Quadratmeter neun Hühner erlaubt. Für Eier aus Freilandhaltung muss jedes Huhn zusätzlich einen vier Quadratmeter großer Auslauf haben. Die Eier sind nicht bio, dazu wäre mehr Fläche und Biofutter nötig. Aber auch die Richtlinien des Regionalvermarkters "Unser Land" sind streng. Bei Bedarf würden die Hühner entwurmt, Antibiotika nur "im Notfall, und höchstens alle paar Jahre" eingesetzt. Von jeher wird nur gentechnikfreies Futter verwendet, und Häsch war einer der ersten, der auf das Kürzen der scharfen Schnäbel verzichtet hat. Denn wenn Hühner mangelernährt sind oder unter Stress stehen, rupfen sie sich gegenseitig die Federn aus. So fragil die Tiere wirken - ihre Hackordnung ist gnadenlos und kann tödlich enden.

Damit das nicht passiert beobachtet Häsch seine Hühner genau, probiert immer wieder Neues aus und arbeitet mit der Ludwig-Maximilians-Universität zusammen. Hühner sind Allesfresser, seine "Hochleitungssportlerinnen" bekämen aber ausschließlich Getreide - Soja, Weizen, Mais und Haferstreu. Momentan baut Häsch Lagerhallen, in denen er künftig das Futter selbst je nach Alter der Tiere bedarfsgerecht mischen kann. Ihre Lebenszeit ist kurz: Nach 17 bis 19 Monaten werden die Legehennen in einem Schlachtbetrieb in Wassertrüdingen zu Suppenhühnern verarbeitet.

Viel funktioniert auf dem Bertenbauernhof automatisch: Von den Nestern laufen die Eier über ein Sammelband, eine Sortiermaschine unterteilt sie nach Größen, ein Printer druckt Haltungsform, Betriebs- und Stallnummer auf. Der Mist erzeugt in der Biogasanlage seines Schwagers Strom und Wärme. Vier Mitarbeiter kümmern sich um die Hühner und die Lieferfahrten, außerdem beschäftigt Häsch noch eine Buchhalterin und eine Teilzeitkraft. Der Hofladen ist Sache seiner Frau Helene, "sie ist meine Laden-Hüterin", scherzt Häsch. Der denkmalgeschützte Bauernhof in Schönegg ist ein Bilderbuchhaus mit viel Holz, die Räume behutsam renoviert. Der kleine Laden, in dem früher die Küche war, zählt inzwischen auch Münchner zu seinen Stammkunden. Kein Wunder, denn dort gibt es allerhand Leckereien: Wurst von den eigenen Schweinen, mehr als 100 Sorten Käse, selbstgemachte Marmelade, Eierlikör, den Helene Häsch mit ihrer Schwiegermutter mischt - vieles aus der Region, manches aus Südtirol, wie das Schüttelbot oder die Maroni. Besondere Dinge in guter Qualität wolle sie anbieten, sagt die gebürtige Südtirolerin Helene Häsch. "Aber so, dass sich das eine Familie leisten kann." Der Hof ist ein Familienbetrieb, in dem Oma, Bruder und die drei Kinder mitarbeiten. Und so etwas wie ein Erlebnisbauernhof: In einem Gehege stolzieren Vertreter bedrohter Hühnerrassen, die dem elfjährigen Sohn gehören. Schweine fläzen sich im Stall, drei Haflinger, Ziegen und Katzen leben hier. In großen Schritten geht es Richtung Weihnachten - für die Leute vom Bertenbauernhof die arbeitsreichste Zeit: Denn Backen liege voll im Trend, sagt Michael Häsch. "Seitdem brauchen wir vor Weihnachten mehr Eier als an Ostern."

© SZ vom 26.10.2018
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