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Dietramszell/Geretsried:Preisgekrönte Palliativmodelle

Die stellvertretende Pflegedienstleiterin Melanie Steffek hat ein Netzwerk für Patienten und Ärzte aufgebaut.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Mit zwei Formen der ambulanten Betreuung betritt der Geretsrieder Pflegedienst Wagner Neuland und entlastet Angehörige. Fachkräfte machen tägliche Besuche oder übernehmen kurzzeitig eine 24-Stunden-Versorgung. Dafür gibt es nun eine Auszeichnung

Von Marie Heßlinger, Dietramszell

Was tun mit meiner pflegebedürftigen Mutter, wenn ich einmal Urlaub brauche und sie nicht vorübergehend in einem Pflegeheim unterbringen möchte? Und was tun mit den Menschen, die im Sterben liegen und nicht zu jenen 30 Prozent zählen, die von Ärzten und Pflegern der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung betreut werden können? Auf diese beiden Problemstellungen hat die Pflegezentrale Wagner aus Geretsried mit zwei neuen Pflegemodellen reagiert. Am Mittwoch haben sie die Initiatoren im Ascholdinger Holzwirt vorgestellt. Für ihre Ideen ernten sie viel Lob - und bald einen Preis.

Der erste Patient des neuen Palliativmodells ist um die 70 Jahre alt und lebt mit seiner Frau zusammen in Wolfratshausen. Er hat eine schwere Krebserkrankung. Seit Montag besucht ihn jeden Morgen eine auf Palliativpflege spezialisierte Fachkraft. Sie wäscht ihn, versorgt seine Wunden, fragt nach seinem Wohlbefinden und gibt ihm, nach dem Notfallplan seines Hausarztes, Medikamente.

Diese Form der "allgemeinen ambulanten Palliativversorgung" (AAPV) ist, so war im Holzwirt zu vernehmen, neu in Bayern. Bislang war ausschließlich ein auf Palliativmedizin spezialisiertes Team im Einsatz. Mit jener "spezialisierten ambulanten Palliativversorgung" (SAPV) konnten jedoch nur rund 30 Prozent der Palliativfälle ambulant versorgt werden. Alle anderen hätten sich, falls nötig, nur einen stationären Platz suchen können, sagt Melanie Steffek.

Die stellvertretende Pflegedienstleiterin der Pflegezentrale Wagner hat deshalb nun ein Netzwerk aufgebaut, in dem Patienten mit unheilbaren Erkrankungen in Absprache mit ihren Hausärzten ganzheitlich betreut werden. Der Pflegedienst Wagner kümmert sich dabei um die Grundpflege der Patientinnen und Patienten, leitet deren Angehörige an und steht mit einem Rufdienst zur Krisenintervention rund um die Uhr bereit. Darüber hinaus will die Pflegezentrale den Kontakt etwa zu Seelsorgern, Atemtherapeutinnen, Aromatherapeuten oder Physiotherapeutinnen vermitteln. Rund 15 Patientinnen und Patienten können Steffek und ihr Team nun auf diese Weise betreuen.

Die spezialisierte ambulante Palliativversorgung werde bei diesem Modell erst dann gerufen, "wenn ein Palliativmediziner erforderlich wird, der die Therapie des Hausarztes unterstützt", sagte Steffek. Seit Frühjahr dieses Jahres bezahlen Kranken-und Pflegekassen die allgemeine ambulante Betreuung - für drei Stunden pro Tag.

Ein weiteres neues Angebot der Pflegezentrale Wagner ist die ambulante Kurzzeitpflege: Wer einen schwer kranken Angehörigen pflegt, bekommt von den Pflegekassen zwei Wochen im Jahr bezahlt, in denen die Angehörigen extern rund um die Uhr betreut werden können. Die Regel greift, wenn die pflegenden Angehörigen Urlaub brauchen oder selbst krank werden. Einen Kurzzeitpflegeplatz in einem Heim zu finden jedoch ist aufgrund des häufigen Bettenmangels schwierig. "Da ist ein Sechser im Lotto wahrscheinlicher, als einen Kurzzeitpflegeplatz zu bekommen", sagte Stefan Schleicher, einer der Geschäftsführer der Pflegezentrale Wagner. Die Krankenkassen hätten jedoch ein jährliches zweckgebundenes Budget zur Kurzzeitpflege, das in diesen Fällen nicht genutzt würde. "Das schenken 80 Prozent der Kunden ihren Kassen, obwohl sie einen Rechtsanspruch darauf haben", sagte Schleicher.

"Kurzzeitpflege daheim" heißt deshalb sein neues Konzept für Oberbayern. Pflegebedürftige Menschen müssen dabei ihr Zuhause nicht verlassen, um kurzzeitig in einem Pflegeheim unterzukommen. Stattdessen werden sie zu Hause von ausgebildeten Pflegekräften rund um die Uhr betreut, bis ihr pflegender Angehöriger zurück ist. Die Pflegezentrale Wagner kooperiert dabei mit Pflegediensten in Oberbayern.

Bereits im September 2019 startete das Projekt mit einer Pilotphase. Für dieses Jahr sind bei der Pflegezentrale Wagner 100 Anfragen eingegangen, für das kommende Jahr bereits 50.

Für die "Kurzzeitpflege daheim" wird die Pflegezentrale Wagner am 2. November den "Häuslichen Pflege Innovationspreis" der Fachzeitschrift Häusliche Pflege in Köln entgegennehmen.

© SZ vom 16.10.2020

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