Die Architektur knüpft ans Bauhaus an Der Boom der Nachkriegsjahre

Ein Dorf ohne Gotteshaus darf nicht sein. Im neuen Dorf Fall, das zur Gemeinde Lenggries gehört, steht die moderne Kirche Maria Königin.

(Foto: Manfred Neubauer)

Die Architektur knüpft nach dem Zweiten Weltkrieg an die Bauhaus-Ästhetik an. Stahlbeton ist der neue Baustoff. In dieser Zeit entstehen das neue Fall oder die Christkönigkirche in Penzberg

Von Kaija Voss, Benediktbeuern

Architekturgeschichte in Benediktbeuern: Man denkt an das Kloster, den Barocksaal, an die Anastasia-Kapelle. Doch im Dorf gibt es auch die ehemalige Tankstelle, an der Münchner Straße gelegen. Die Bayerische Denkmalliste verrät, dass die Tankstelle kurz nach 1955 errichtet wurde und dass es sich um einen "Kleine(n) Flachdachbau mit gläsernem Tankwartraum und weitem Vordach" handelt. Heute wird hier kein Benzin mehr verkauft. An der "Vitamintankstelle", einem Bau von schlichter Eleganz, werden Obst und Gemüse verkauft.

Nach Kriegsende ist Deutschland ein Trümmerfeld. Die Zerstörungen haben unterschiedlich große Ausmaße, im ländlichen Oberbayern sind sie geringer als in den Ballungsräumen. Doch auch hier geht es um den Aufbruch in eine neue Gesellschaft - um Neuanfang oder Verdrängung der Geschichte. Wichtiges Element für den neuen Komfort und einer von Amerika inspirierten Motorisierung wird das Automobil. In den 1930er-Jahren bereits Politik- und Prestigeobjekt und dazu geeignet, Hitlers Kriegsvorbereitungen und den Autobahnbau schönzufärben, erlangt es in den 1950er-Jahren erneut Bedeutung für den Individualverkehr. Im Zweiten Weltkrieg wurde etwa ein Drittel, vielleicht sogar die Hälfte aller Tankstellen in Deutschland zerstört. Für den Privatmann gab es nach dem Krieg Benzin nur auf Marken. Am 1. April 1951 wurde die Zwangsbewirtschaftung aufgehoben, der freie Markt kehrte zurück und der Ausbau von Tankstellennetzen begann. Von 1952 an wurde der Beruf des Tankwarts zum Lehrberuf. Das Wirtschaftswunder dank Marshallplan und Währungsreform brachte satte Wachstumsraten. So fuhren 1950 auf Deutschlands Straßen wieder eine halbe Million Autos, 1960 waren es bereits 3,7 Millionen Kraftfahrzeuge. Tankstellen mussten gebaut werden. Fortschritt und Technikbegeisterung ließen sich gut mit der Ästhetik des Bauhauses vereinen. Die Architektur der 1950er knüpft an die Vorkriegsmoderne an. Stahlbeton ist der neue Baustoff, der die Industrialisierung des Bauens nun endgültig an die Alpen bringt. Zum Witterungsschutz wird der Zapfsäulenbereich mit einem großen Vordach versehen. Immer größere Verkaufsräume werden eingerichtet, da die Pächter einen großen Teil ihres Verdienstes mit anderen Waren als den Kraftstoffen erzielen. Das ist hier in Benediktbeuern noch nicht der Fall, hier überwiegt der kühne Schwung des weißen weiten Vordachs. Der Architekt des modernen Bauwerks ist nicht bekannt.

Im bayerischen Oberland werden nicht nur Tankstellen, sondern Städte gebaut: Aus den Rüstungswerken in Geretsried formiert sich eine neue Stadt für Heimatvertriebene. Um 1950 gibt es visionäre Entwürfe von Architekt Fritz Noppes senior, der auch als erster Geretsrieder Stadtarchitekt gilt. Bereits damals fordert er die Neutrassierung der B 11 und ihre Verlegung an den Schwaigwaller Bach. Er entwirft ein ganzes Viertel auf dem Reißbrett, eine Siedlung für rund 6000 Heimatvertriebene nordwestlich der Geretsrieder Blumenstraße. Architekt Noppes plant Sportplätze und Kirchen, sieht sogar ein Strandbad an der Isar vor. Über die Planungen von Geretsried schreibt er in einem Aufsatz von 1950, dass sie einem "Idealbild", man könnte auch sagen einer Idealstadt entsprechen: "Gelingt es, dieses Bild Wirklichkeit werden zu lassen, so wird eine Gemeinde entstehen, deren äußerer Rahmen von dem der bäuerlichen Gemeinden des Landkreises zwar verschieden ist, an Eigenart und Harmonie hinter diesen jedoch nicht zurückstehen wird."

Neu gebaut aus anderen Gründen wird auch der Lenggrieser Ortsteil Fall. Der alte Ort muss von 1954 an dem Bau des Sylvensteinspeichers weichen, der München vor Hochwasser schützen soll. Die Bewohner werden zwangsumgesiedelt, an einen höher gelegenen Ort in Richtung Vorderriß. Es entstehen Wohnhäuser und die katholische Kirche Maria Königin in einheitlichen Bauformen der 1950er, mit flachgeneigten Satteldächern und ergänzt durch regionale Materialien. Die achteckige schindelgedeckte Kirche, die noch Teile der Ausstattung der alten Kirche beinhaltet, ist heute das einzige denkmalgeschützte Gebäude im neuen Ort Fall.

Nicht nur die Planung neuer Städte ist typisch für die Zeit des Wiederaufbaus, ebenso galt ein Notkirchenprogramm in Deutschland. Ein Beispiel dafür ist die Christkönigskirche von Penzberg, Architekt ist Michael Steinbrecher. Von 1949 bis 1951 wurde der Bau in einfachen klaren Formen errichtet. Neben dem an die Romanik erinnernden Langhaus steht der Campanile, ein frei stehender Glockenturm auf quadratischem Grundriss. Die Christkönigsverehrung hatte sich in der Zeit des Nationalsozialismus als Widerstand gegen die herrschende Ideologie herausgebildet, viele Kirchen waren fortan Christus, dem König der Welt, oder auch Maria, der Königin des Friedens, geweiht. Daher heißt die Pfarrkirche von Penzberg nicht mehr Barbara-Kirche, wie ihr 1944 bei einem Bombenangriff zerstörter neogotischer Vorgängerbau.