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Der Landkreis will nachverhandeln:Geburtshilfe gerettet, aber nicht abgesichert

Frühchen in der Frauenklinik Geisenhofer in München, 2018

Eine Million Euro Zuschuss für die Geburtshilfe gehen dem Landkreis durch die Lappen.

(Foto: Catherina Hess)

Die Abteilung an der Kreisklinik in Wolfratshausen erhält nach der Fusion mit Starnberg weniger Geld aus dem "Zukunftsprogramm" des Freistaats als erhofft

Von Alexandra Vecchiato

In Bayern ist der zweite Teil des "Zukunftsprogramms Geburtshilfe" gestartet. Er hat die Sicherung kleinerer Geburtshilfeabteilungen im ländlichen Raum zum Ziel mittels einer finanziellen Unterstützung durch den Freistaat. Auch der Landkreis hatte sich für die Geburtshilfe an der Kreisklinik Wolfratshausen beworben. Vergeblich. Er erfüllt nicht die Voraussetzungen der Förderrichtlinie und bleibt daher auf einem Minus von gut einer Million Euro sitzen.

Dass Bad Tölz-Wolfratshausen nicht vom staatlichen Defizitausgleich profitiert, trifft den Kreis hart. Bis zu 1,5 Millionen Euro hat er sich bereit erklärt, in den ersten fünf Jahren seit der Übernahme der Abteilung durch die Kreisklinik Starnberg zuzuschießen. Diese Summe muss er nun wohl komplett selbst aufbringen. Die Hoffnung war, dass der Freistaat eine Million Euro Defizit pro Jahr übernimmt. Für das Jahr 2018 geht der Landkreis indes leer aus - auch wenn die neue Wolfratshauser Abteilung in Kooperation mit Starnberg "extrem erfolgreich" sei, wie Landrat Josef Niedermaier (Freie Wähler) betont. Die Geburtenzahlen haben sich verfünffacht. Dennoch reicht das nicht.

Für die Unterstützung kleinerer Geburtshilfeabteilungen stellt der Freistaat insgesamt rund 21 Millionen Euro zur Verfügung. Es profitieren davon Krankenhäuser, die wegen ihrer geringen Anzahl an Geburten - zwischen 300 und 800 pro Jahr - besondere Schwierigkeiten haben, "auskömmlich zu wirtschaften", sich aber mit der Betreuung von mindestens 50 Prozent der Schwangeren in der jeweiligen Kommune als Hauptversorger in ihren Regionen etabliert haben. Das Land übernimmt dann bis zu 85 Prozent des auf die Geburtshilfe entfallenden Defizits, maximal eine Million Euro je Haus. Zwar erfüllte die Kreisklinik Wolfratshausen das erste Kriterium mit 572 Geburten im Jahr 2018. Problem ist das zweite Kriterium: Mindestens die Hälfte aller Neugeborenen im Landkreis müsste auch tatsächlich dort zur Welt kommen. Doch mehr als die Hälfte der Frauen gebären in Starnberg, Agatharied, München oder Garmisch-Partenkirchen. Gemeldet wurden 2018 rund 1300 Neugeborene. Somit wären rund 650 Geburten im Landkreis erforderlich gewesen, um den Staatszuschuss zu erhalten.

Vorsichtig optimistisch

Für 2019 ist Wolfgang Krause, Geschäftsleiter im Tölzer Landratsamt, vorsichtig optimistisch, beide Kriterien erfüllen zu können. Aber auch auf anderem Wege sei es möglich, das Defizit für den Landkreis von bis zu 1,5 Millionen Euro jährlich zu senken, sagt Krause. Je mehr Geburten es in Wolfratshausen gibt, desto kleiner wird das Minus. Von 1000 Geburten an "ist die schwarze Null in Sicht".

Es könnte sich alles zum Guten wenden, auch ohne Zuschuss vom Freistaat, wenn nicht ein zweites Damoklesschwert über den Kliniken schweben würde: der Fixkostendegressionszuschlag. Für jedes Krankenhaus gibt es festgelegte Gesamtfallzahlen. Überschreiten die Kliniken diesen Wert, erstatten die Krankenkassen pauschal weniger Geld. Da die Geburten in Wolfratshausen als Fälle Starnberg zugerechnet werden, wird die Klinik mit geringeren Erstattungen bestraft. Diese Differenz schlage sich wieder im Defizitausgleich nieder, den Bad Tölz-Wolfratshausen an das Haus im Nachbarlandkreis überweist. Die Gespräche mit den Krankenkassen blieben bislang erfolglos.

Auch beim "Zukunftsprogramm Geburtshilfe" möchte das Landratsamt nachhaken und bei einem Gespräch mit dem Gesundheitsministerium darauf hinweisen, dass der Kreisklinik Wolfratshausen eine besondere Bedeutung nach der Schließung der Geburtshilfe in Bad Tölz zukommt. Krause hofft, auf offene Ohren in München zu stoßen.

© SZ vom 27.12.2019

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