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Denkmal in Kochel am See:Bedrohte Tierwelt im Verstärkeramt

Verstärkeramt Kochel

Bereits 2018 sei die Gemeinde von der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt dazu aufgefordert worden, eine artenschutzrechtliche Prüfung am Verstärkeramt durchzuführen.

(Foto: Manfred Neubauer)

Eigentlich wäre eine artenschutzrechtliche Prüfung des Gebäudes schon vor zwei Jahren nötig gewesen, sagt eine Gutachterin. Sie hat nun Spuren von Fledermäusen entdeckt, was den Abriss zwar nicht verhindern, aber verzögern könnte.

Von Petra Schneider, Kochel am See

Der weitere Abriss des Verstärkeramts in Kochel am See wird sich womöglich verzögern. Der Grund sind Fledermäuse, die auf dem Dachboden des Gebäudes leben. Vertreter der beiden streng geschützten Arten Großes Mausohr und Langohr sind dort nachweisbar. "Die Tiere sind drin, das kann ich belegen", sagt die Fledermausbeauftragte für Südbayern, Eva Kriner, die vorige Woche bei einem Ortstermin mit Vertretern der Gemeinde den Dachboden inspiziert hat. Eine Rettung des Verstärkeramts, die sich vor allem Denkmalschützer erhoffen könnten, bedeutet dies aber nicht. "Was sicher nicht passiert, ist, dass die Regierung sagt, das Gebäude bleibt stehen, weil da ein paar Fledermäuse drin sind", sagt Kriner. Bereits vor zwei Jahren wäre jedoch eine artenschutzrechtliche Prüfung nötig gewesen. Denn schon 2018 sei die Gemeinde von der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt dazu aufgefordert worden. Aber: "Die Gemeinde hat nichts gemacht, und das Landratsamt hat nicht weiter darauf gedrungen", sagt Kriner. Im Sommer 2018 wurde der Bebauungsplan, der auf dem Verstärkeramt-Areal insgesamt 21 kommunale Wohnungen und den Bauhof vorsieht, verabschiedet.

Gerüchte, dass Spuren getilgt worden sein sollen, um artenschutzrechtliche Hindernisse für den Abriss des denkmalgeschützten Gebäudes aus dem Weg zu räumen, lassen sich kaum erhärten. Allerdings sei der Dachboden "sehr sorgfältig gefegt gewesen", sagt Kriner. Aber Fledermauskot, auch frischer von diesem Sommer, habe sich noch in Spinnweben und auf Fensterbänken gefunden. Ein Dachfenster sei nachweislich zugeschraubt. Ob dies allerdings gemacht wurde, um die Fledermäuse auszusperren, wie kolportiert werde, könne sie nicht bestätigen. Denn ein anderes Fenster stehe "sperrangelweit auf" und der Ein- und Ausflug für die Tiere sei möglich.

Die Fledermausexpertin hat wegen der Fledermauspopulation Bürgermeister Thomas Holz (CSU) dringend geraten, den Dachabriss zunächst auszusetzen. "Das wäre ein Straftatbestand", sagt Kriner. Denn gemäß Paragraf 44 des Bundesnaturschutzgesetzes dürften Lebensstätten geschützter Arten nicht zerstört werden. Dies sei nur mit einer Ausnahmegenehmigung der Regierung von Oberbayern möglich, die es noch einzuholen gelte. Zudem müsse die Gemeinde einen Ausgleich schaffen und etwa Fledermauskästen aufstellen. Normalerweise werde das schon einige Jahre vor einem Abriss gemacht, damit die Tiere Zeit haben, sich an ein neues Quartier zu gewöhnen.

Kriner ist Biologin und arbeitet in der Koordinationsstelle für Fledermausschutz Südbayern, einer Kooperation zwischen dem Landesamt für Umwelt und den Universitäten München und Erlangen. Sie kennt das Fledermausquartier in Kochel sei Langem. Bereits im Jahr 1988 habe sie im Verstärkeramt geschützte Arten entdeckt. Im Zwiebelturm der Kocher Kirche gebe es zudem eine Fortpflanzungskolonie, "die aus allen Nähten platzt", sagt Kriner. Es sei nicht auszuschließen, dass die Tiere im Verstärkeramt quasi eine Dependance ihrer Wochenstube gegründet haben. Es könne aber auch sein, dass es sich im Dachboden nur um einzelne Männchen handle - das lasse sich momentan nicht feststellen, weil sich die Tiere bereits in ihrem Winterquartier befänden.

Dass das Verstärkeramt abgerissen wird, habe sie erst kürzlich gelesen, sagt Kriner, die in Grafenaschau wohnt. Sie habe sich wegen der Fledermäuse an das Tölzer Landratsamt gewandt, das sich seinerseits an die Gemeinde Kochel gewandt hat - die wiederum Kriner als Gutachterin beauftragt hat. Kriner wird nun ihren Bericht schreiben, den das Landratsamt wohl an die Obere Naturschutzbehörde weiterleitet. Denkbar seien dann zwei Szenarien: Dass die Gemeinde den Abriss bis zum nächsten Winter stoppen muss, damit über den Sommer geprüft werden kann, ob sich im Dachboden tatsächlich eine Fledermaus-Wochenstube befindet. Oder dass die Behörde davon ausgeht, dass es sich nur um Einzeltiere handelt und dem weiteren Abriss nichts entgegenstellt. Bürgermeister Holz will sich dazu noch nicht äußern: "Das schriftliche Gutachten liegt uns noch nicht vor." Grundsätzlich sei man aber natürlich zu allen Ausgleichsmaßnahmen für die Fledermäuse bereit, betont der Rathauschef.

© SZ vom 17.11.2020

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