Das Demenzzentrum der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Wolfratshausen gilt als Vorzeigeeinrichtung. Das Haus war eines der ersten in der Region, das sich ausschließlich auf Menschen mit dem komplexen Krankheitsbild spezialisiert hatte. Zu den Bewohnern zählte unter anderem auch der frühere Fußballstar Gerd Müller.
Das Gebäude entspricht inzwischen allerdings nicht mehr den Vorgaben des Pflegequalitätsgesetzes. Das Demenzentrum muss deshalb umziehen. Doch wann das passiert, ist momentan vollkommen unklar. Anwohner haben zahlreiche Einwände gegen die Bebauungs- und Flächennutzungspläne formuliert, mit denen die Stadt den Grund des neuen Standorts im Stadtteil Weidach baureif entwickeln will.
Das Grundstück zwischen dem Gipsenweg, der Loisach und der Bahntrasse gehört einer Erbengemeinschaft. Die Eigentümer stellten einen Anteil davon für das Demenzzentrum bereit. Dafür ermöglicht es die Stadt, im Süden des Areals Platz für Wohnungen zu schaffen. Vor allem dürften massive Einwände eines Anwohners gegen den Bebauungs- und den Flächennutzungsplan für das Demenzzentrum das Projekt stark verzögern.
Darin geht es etwa um die Lage in unmittelbarer Loisachnähe und das dortige Fauna-Flora-Habitat-Gebiet (FFH). Der Anwohner verlangt, vollständige artenschutzfachliche Erhebungen vor einem Satzungsbeschluss vorzunehmen und die mögliche Bedeutung als Habitat-, Nahrungs-, Wander- und Flugraum für Amphibien, Vögel, Fledermäuse, Reptilien und Insekten eingehender zu prüfen. Aus seiner Sicht muss die Stadt zudem noch vertieft untersuchen, wie sich Starkregen oder Hochwasser auf dem Grundstück konkret auswirkten.
Gefordert wird eine „echte, belastbare Verkehrsuntersuchung“
Auch eine zunehmende Verkehrsbelastung befürchten einige Anwohner. Sie bemängeln, dass zu wenig neue Parkplätze geplant seien, obwohl die Stellplätze dort aus ihrer Sicht bereits heute knapp sind. Exemplarisch dafür sind die vielen Einwände eines Anwohners gegen den Bebauungs- und Flächennutzungsplan für das Demenzzentrum. Dieser kritisiert, dass der tatsächliche Stellplatzbedarf nur grob überschlägig auf Basis von Betreiberangaben des bestehenden Standorts Paradiesweg geschätzt worden sei. „Das halte ich für nicht ausreichend“, so der Anwohner. Ein Pflegeheim mit circa 90 Bewohnern, insgesamt etwa 105 Mitarbeitern, Schichtwechseln, Besuchern, Ärzten, Friseuren, Dienstleistern, Lieferverkehr, Krankentransporten, Rettungsfahrzeugen, Müllfahrzeugen und zusätzlichen Wohnnutzungen im direkten Umfeld dürfe nicht auf einer solchen Basis beurteilt werden. „Ich fordere daher eine echte, belastbare Verkehrsuntersuchung“, heißt es in einer E-Mail an die Mitglieder des Stadtrats, den Bürgermeister und die Bauverwaltung. Die 14 vorgesehenen Stellplätze hält der Anwohner für viel zu wenig.
In puncto Parkplätze verweist Bürgermeister Klaus Heilinglechner (BVW) auf die bayerische Stellplatzverordnung, an der sich die Stadt Wolfratshausen orientiere. Alle Einwände flössen in die Bewertung der Bebauungs- und Flächennutzungspläne ein, so der Rathauschef. „Nichts wird unter den Tisch gekehrt, alles findet Gehör.“ Die Stadt müsse alle Einwände prüfen. Das werde dauern und den Baubeginn für das Demenzzentrum wohl stark verzögern. Wie lange, ist nach seiner Aussage derzeit vollkommen offen. Für die Betreiber des Demenzzentrums sei das nicht hilfreich. Eine Frist zur Weiterführung des Hauses trotz fehlender rechtlicher Voraussetzungen sei nur im Hinblick auf den geplanten Neubau gewährt worden, so Heilinglechner.
Im Süden des Grundstücks soll Wohnbebauung entstehen
Der Suchprozess für einen neuen Standort dauerte mehrere Jahre. In den Fokus rückte zuerst ein städtisches Grundstück beim Gewerbepark an der Loisach. Das schied jedoch 2023 aus, als bekannt wurde, dass die Vorgaben zum Immissionsschutz nicht erfüllt werden können. Schließlich verständigte sich die Stadt mit der Erbengemeinschaft darauf, auf deren 15 000 Quadratmeter großem Grundstück am Gipsenweg das Demenzzentrum zu errichten. Im Gegenzug sollen die Eigentümer auf 2500 Quadratmetern im Süden des Areals eine Wohnbebauung mit „maßvoller Verdichtung“ realisieren können.
Das verstärkt bei Anwohnern die Befürchtungen vor einem künftigen Verkehrs- und Parkchaos in den umliegenden Straßen – und zwar auch bereits in der Bauphase. So fragt ein Nachbar in einem offenen Brief, ob es dann Parkverbote oder Einbahnstraßenregelungen wegen der Zufahrt für Baufahrzeuge geben werde. Die Stadt solle zusichern, die Belastung für Anwohner so gering wie möglich zu halten und den bereits aktuell knappen Parkraum nicht weiter einzuschränken. Das wäre sonst unzumutbar.
Derzeit hat das Demenzentrum am Paradiesweg 69 Pflegeplätze. Am neuen Standort soll es 90 haben. „Wir bedauern sehr, dass eine Verzögerung des Baus letztendlich vor allem die Menschen betrifft, die ihre Liebsten zu Hause pflegen und händeringend einen auf Demenz spezialisierten Pflegeplatz benötigen“, antwortet Linda Quadflieg, die Leiterin der Unternehmenskommunikation für den AWO-Bezirksverband Oberbayern, auf SZ-Nachfrage. „Die geplanten 20 Plätze mehr wären den pflegenden Angehörigen sicher eine große Hilfe und eine entsprechende Entlastung.“ Zudem bestätigten der Medizinische Dienst (MD) sowie die Fachstelle für Pflege- und Behinderteneinrichtungen, Qualitätsentwicklung und Aufsicht dem Haus hervorragende Ergebnisqualität, sagt Quadflieg. „Unter anderem auch deswegen fürchten wir keine Schließung vor einem Umzug.“

