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Leben mit Covid-19:Ein Tourismusort macht dicht

In Lenggries trifft die Corona-Krise die Urlaubsanbieter hart. Das Skigebiet am Brauneck hat vorzeitig die Saison beendet. Hüttenwirte am Berg haben zugesperrt und das Arabella Brauneck Hotel geht für vorerst zwei Wochen in Betriebsruhe. Der wirtschaftliche Schaden ist nicht absehbar

Für die Gemeinde Lenggries wird die Corona-Pandemie zur wirtschaftlichen Belastungsprobe: Das Skigebiet am Brauneck hat den Betrieb am Sonntag vorzeitig eingestellt. Das bedeutete auch das Saisonende für die Hüttenwirte. Bei den Übernachtungsanbietern häuften sich die Stornierungsanrufe. Seit Mittwoch dürfen Hotels und Beherbergungsbetriebe für touristische Zwecke nicht mehr vermieten.

"Bis Sonntagabend war alles gut", sagt Barbara Sanktjohanser. "Seit Montagmorgen ist Ausnahmezustand." Denn die Ferienwohnungsvermieterin war für die zweite Märzhälfte nahezu ausgebucht. Für die Osterferien im April war nichts mehr frei. Doch alle Urlaubsgäste haben ihre Reservierungen in beiden Monaten abgesagt. Nur vier ihrer 13 Ferienwohnungen in drei Häusern hat Sanktjohanser derzeit noch fest auf Zeit vermietet. Die meisten Gäste hätten gefürchtet, dass der Ausnahmezustand verhängt werden könnte, schildert Sanktjohanser. Denn dann säßen sie womöglich in den Ferienwohnungen fest. Vor allem ältere Stammgäste, die zur Risikogruppe zählten, seien besorgt gewesen.

Welche finanziellen Auswirkungen die Absagen haben werden, kann Sanktjohanser noch gar nicht abschätzen. "Da steht ein großes Fragezeichen dahinter", sagt sie. Das Ausmaß der Verluste hänge davon ab, wie lange die jetzige Situation andauere. Zur finanziellen Überbrückung böte sie Gästen Gutscheine an, wenn sie ihre abgesagte Übernachtung bezahlten. Das hätten einige auch so gemacht.

Die Familie Sanktjohanser hat 1989 ein erstes Haus mit Ferienwohnungen in Arzbach eröffnet. Vor acht Jahren kam das Landhaus "Alpinum" hinzu, später die Mountain Lodge im Dorfhaus. "Zum Glück haben wir wenig Schulden", sagt Sanktjohanser. Wenn die Lage sich mehrere Monate lang nicht entspanne, werde es den Tourismus hart treffen.

Auf das Brauneck lockte der sonnige Sonntag noch einmal viele Skifahrer. Für das Skigebiet am Spitzingsee spricht Antonia Asenstorfer sogar von einem "Spitzentag". Die Kommunikationsleiterin für die Alpen plus-Skigebiete, zu denen der Lenggrieser Hausberg gehört, hatte die Coronavirus-Pandemie aber schon ab Mitte vergangener Woche beschäftigt. Die Skigebiete im österreichischen Tirol und Salzburg und auf der Zugspitze hatte das Betriebsende zum vergangenen Sonntag ankündigten. Deshalb hätten auch die Alpen plus-Partner handeln müssen. Deren Sprecher Peter Lorenz habe die Seilbahnaufsicht der Regierung von Oberbayern und die zuständigen Landratsämter kontaktiert. Nach Rücksprache sei entschieden worden, die Saison als Vorsichtsmaßnahme ebenfalls zu beenden. "Die Ereignisse haben sich relativ schnell überschlagen", sagt Asenstorfer. Sie bezeichnet die Entscheidung als "traurig". Denn die Schneelage hätte es zugelassen, den Skibetrieb auf jeden Fall weiterzuführen, schildert sie. Spätestens als der bayerische Ministerpräsident Markus Söder am Montag den Katastrophenfall ausgerufen habe, hätten die Skigebiete als Freizeiteinrichtungen ohnehin schließen müssen.

Mit den warmen Temperaturen und wenig Schneefall war die heurige Saison für die bayerischen Skigebiete kein Traumwinter. Für den finanziellen Erfolg einer Saison gelten 100 Betriebstage als Richtgröße. Gerade einmal für 77 Skitage zwischen dem 30. Dezember und 15. März reichte es diesmal am Brauneck. "Das wird ein schwieriges Jahr", sagt Asenstorfer. Doch das Skigebiet habe in den beiden vorherigen Jahren zwei sehr gute, in der vergangenen Saison fast einen Rekordwinter gehabt. "Da fällt dieses Jahr krass ab." Doc h die Bergbahn habe so gut gewirtschaftet, dass die jetzige Situation sie nicht aus der Bahn werfe.

Womöglich hatten sich die Skifahrer in der freien Natur vor dem Coronavirus am Sonntag noch sicher gefühlt. Denn auf der Terrasse der Tölzer Hütte am Brauneck lagen viele Gäste an diesem Tag noch im Liegestuhl in der Sonne. Die Leute hätten auf ihn kaum besorgt gewirkt, sagt Wirt Georg Glaßner. Am Samstag hätten ihn die Bergbahn-Betreiber telefonisch über das frühzeitige Saison-Aus informiert. Jetzt sei die Tölzer Hütte auf unbestimmte Zeit geschlossen. "Das ist freilich eine große Einbuße", sagt er. "Aber es hilft nichts." Besonders schlimm sei es für seine Beschäftigten, die nun kein Geld mehr verdienen könnten. Mehr als zehn Mitarbeiter inklusive Aushilfen habe er auf der Tölzer Hütte angestellt. "Die können jetzt stempeln gehen."

Froh ist Glaßner wenigstens, dass er kaum Vorräte wegschmeißen muss. Als er hörte, dass die ersten Skigebiete schließen, habe er sich auch am Brauneck darauf eingestellt. Daher habe er weniger eingekauft. Am vergangenen Montag sei er dann nur noch am Berg gewesen, um zu putzen.

Als Pächter haben Glaßner und Johanna Matheis die Tölzer Hütte erst 2018 übernommen. Noch hoffen sie, zur Sommersaison Mitte Mai wieder aufsperren zu können. "Wir müssen jetzt alle zusammenhalten", sagt er.

In der Lenggrieser Tourismusinformation läutet derzeit häufig das Telefon. "Natürlich besteht Informationsbedarf", sagt Ursula Dinter-Adolf. Die Tourismusleiterin berät Vermieter vor allem zu Stornierungsfragen. Urlaubsgästen hat sie in den vergangenen Tagen empfohlen, möglichst zeitnah abzureisen. Denen, die noch anreisen wollten, habe sie geraten, den Urlaub auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. "Die Leute sind überwiegend verständnisvoll und vernünftig", berichtet sie. Dinter-Adolf appelliert an alle, zuhause zu bleiben. Dass Münchner jetzt Ausflüge in die Wandergebiete unternähmen, sei sinnlos. Sie ruft dazu auf, Ruhe zu bewahren, damit das Leben bald wieder in gewohnte Bahnen zurückkehren könne.

Das Lenggrieser Arabella-Brauneck-Hotel ist am Mittwoch in Betriebsruhe gegangen. Bis zum 2. April ist der Betrieb vorerst geschlossen. Hoteldirektor Christoph Seitz hat die mehr als 50 Mitarbeiter nach Hause geschickt. "Sie bauen die zwei Wochen Überstunden ab und nehmen ungeplante Urlaube", erklärt er. Regelungen für Kurzarbeitergeld sei bislang nicht notwendig. Am Mittwoch seien mehr als 20 verbliebene Gäste aus dem Haus mit 108 Zimmern abgereist. "Die meisten Gäste haben sehr großes Verständnis", schildert der Hoteldirektor. "Es gibt aber auch welche, die nicht verstehen wollen, die immer noch buchen." Selbst am Mittwoch habe er das noch erlebt. Manche sagten, das gehe sie nichts an. Das könne er nicht nachvollziehen.

Im Hotel sind die Umsätze schon seit Quartalsbeginn zurückgegangen, als Unternehmen begannen, Dienstreisen und Veranstaltungen abzusagen. Seitz möchte die Betriebspause nun für Reparaturen und Wartungsarbeiten nutzen. "Jetzt heißt es, zusammenzuhalten, um im Sinne der Mitarbeiter und des Unternehmens das Beste aus der Situation zu machen."

© SZ vom 19.03.2020
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