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Coronavirus:Krise trifft Jugendherbergen hart

Jugendherberge Lenggries

Leere Betten: In der Jugendherberge Lenggries ist Leiter Uwe Dietrich derzeit ganz allein. Er arbeitet nur noch neun Stunden pro Woche.

Den Unterkünften brechen die Einnahmen weg, weil Schulen ihre Buchungen für das gesamte Jahr stornieren. Um sie vor dem endgültigen Aus zu retten, fordert der Landesverband einen staatlichen Schutzschirm

In der Jugendherberge Lenggries wäre normalerweise gerade ganz schön viel los. Schüler würden die Zimmer bevölkern und sich an den Tischen im alpinen Speisesaal drängen, das Personal hätte ordentlich zu tun. Doch wegen der Corona-Krise wurden alle Jugendherbergen in Bayern am 16. März geschlossen. Die Klassen aus München, die eigentlich gerade in Lenggries sein sollten, haben ihre Buchung storniert. Statt einer regen Lärmkulisse herrscht auf den Gängen und in den 21 Zimmern gespenstische Stille, alle 88 Betten sind leer. "Ich bin alleine hier", sagt der Herbergsleiter Uwe Dietrich.

Nur noch neun Stunden in der Woche komme er derzeit in das Haus, seine Assistentin für drei Stunden. Alle anderen Mitarbeiter seien in Kurzarbeit mit null Stunden geschickt worden, sagt Dietrich. "Wir sind jetzt vor allem mit Stornierungen beschäftigt." Und die trudelten reihenweise ein. "Wir waren ursprünglich gut ausgelastet", sagt der Herbergsleiter. Doch nun breche eine Buchung nach der anderen weg. Das Kultusministerium in Baden-Württemberg habe empfohlen, in diesem und im kommenden Jahr keine Klassenfahrten zu unternehmen. Auch in Bayern werde geraten, zu stornieren statt zu verschieben. "Das trifft uns hart." Mehr als 15 000 Übernachtungen verzeichne das Haus normalerweise pro Jahr, die allermeisten von Schulklassen. "Wir können das nicht auffangen", weiß der Herbergsvater.

Die Lage ist dramatisch, in allen bayerischen Jugendherbergen. Denn die Einnahmen sind von heute auf morgen auf null gesunken. Aber anders als bei privatwirtschaftlichen Beherbergungsbetrieben greifen die angekündigten Soforthilfen nicht, weil die Jugendherbergen einem gemeinnützigen Verein unterstehen. Präsidium und Vorstand des Landesverbands Bayern im Deutschen Jugendherbergswerk (DJH) haben deshalb am vergangenen Freitag einen Brandbrief an Bürgermeister, Landräte, Landtags- und Bundestagsabgeordnete geschickt, um auf die prekäre Situation der Häuser aufmerksam zu machen. Der Fortbestand der Jugendherbergen in Bayern sei "in Folge der Corona-Pandemie massiv gefährdet", erklärt darin der Präsident des Landesverbands Klaus Umbach. Man habe sich von Verbandsseite "seit mehreren Wochen intensivst um die von Bund und Land angekündigten unbürokratischen, effektiven und angemessenen finanziellen Hilfen bemüht; bislang leider ohne greifbares Ergebnis".

Die in der Krise bislang angebotenen Hilfsmaßnahmen seien für das DJH wirkungslos, weil es als gemeinnützige Organisation darin nicht explizit genannt sei. Eine wirtschaftliche Erholung aus eigenen Kräften sei "aus heutiger Sicht unrealistisch". Aufgrund der von vielen Bundesländern verfügten Absagen aller Klassenfahrten bis zum Jahresende sei nicht mit wesentlichen Belegergruppen zu rechnen. Und: "Alle rechtzeitig und vollumfänglich durch den Landesverband Bayern eingeleiteten Gegenmaßnahmen - vor allem die angeordnete Kurzarbeit für alle Häuser und die Landesgeschäftsstelle - konnten das rasante Abschmelzen der Liquiditätsreserven nicht verhindern, weil bislang keine neuen Mittel zugeflossen sind." Der Landesverband fordert daher einen unverzüglich wirksamen "Schutzschirm" für die Jugendherbergen in Bayern, um deren endgültige Schließungen zu verhindern.

Dass Freistaat oder Bundesregierung bislang noch keine Soforthilfe zugesagt haben, macht auch dem Leiter der Sportjugendherberge Bad Tölz Sorgen. "Uns trifft die explosionsartige Ausbreitung des Coronavirus genau zu Beginn der Hauptsaison", erklärt Holger Strobel. Ende Februar habe es in Tölz mit fast 27 000 Übernachtungen an Vorausbuchungen eine sehr hohe Nachfrage gegeben. "Wir waren in den nächsten Monaten so gut wie ausgebucht. Jetzt ist der Umsatz auf null gesunken." Auch alle Sporttrainingslager in den Osterferien seien abgesagt worden. "Derzeit erreicht uns auch hier eine Stornierung nach der nächsten", berichtet Strobel. Das 186-Betten-Haus am Tölzer Sportpark hat seinen Betrieb so weit wie möglich heruntergefahren, Strobel und seine Stellvertreterin Barbara Bielmeier sind nur noch wenige Stunden im Haus und vor allem mit der Abarbeitung von Stornierungen befasst. Die Mitarbeiter seien in Kurzarbeit, die Auszubildende in der Hauswirtschaft werde man weiterhin beschäftigen, "um sie bestmöglich auf ihre Abschlussprüfung vorzubereiten", erklärt Strobel. "Ich kann nur hoffen, dass möglichst bald ein Ende der Krise abzusehen ist, denn derzeit gehen keinerlei neue Buchungen ein."

eMotion Base Bad Tölz

"Unser Umsatz ist auf Null gesunken", sagt der Leiter der Sportjugendherberge Bad Tölz, Holger Strobel.

(Foto: Manfred Neubauer)

Der Lenggrieser Herbergsvater Dietrich fürchtet allerdings negative Auswirkungen, auch nachdem die Gesundheitsgefahr durch das Virus weitgehend gebannt ist. Schließlich hätten die Schüler wegen des langen Unterrichtsausfalls viel Stoff aufzuholen, sagt er. Auch könne er sich vorstellen, dass die Schulen auf Klassenfahrten erst einmal verzichten, um die Eltern, von denen viele unter wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise zu leiden hätten, Kosten zu ersparen. Umso wichtiger sei ein Rettungsschirm, um die Jugendherbergen mit ihrer 111-jährigen Tradition zu erhalten. Dass die auch ein Wirtschaftsfaktor sind, hat der Landesverband in seinem Brandbrief betont: Eine Studie habe ergeben, dass jeder Euro, der von einem Gast in einer Jugendherberge ausgegeben werde, etwa drei Euro zusätzlichen Umsatz für die lokale Wirtschaft generiere, heißt es darin.

"Wir haben die Hoffnung, dass nun schnelle Hilfe kommt", sagt der zuständige Regio-Manager des DJH-Landesverbands Sven Lükens. Schließlich hätten die Regierungen von Freistaat und Bund in der derzeitigen Ausnahmesituation an vieles gleichzeitig zu denken. "Man hat uns nicht auf dem Schirm gehabt und letztendlich vergessen, weil wir kein Wirtschaftsunternehmen sind", glaubt Lükens. Laut dem Sprecher des Landesverbands Marko Junghänel hat der Brandbrief vor allem von den angeschriebenen Landräten "sehr viel wohlwollenden Zuspruch" bekommen. Eine konkrete Zusage der Politik gebe es bislang aber noch nicht.

© SZ vom 02.04.2020

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