Kommentar:Ein ansteckendes Vergnügen

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Während sich Bürgerinnen und Bürger beim Besuch eines Kinos, einer Ausstellung, eines Kabaretts oder beim Einkauf in einem Haushaltswarengeschäft an die Hygieneregeln halten, ziehen die Corona-Protestmarschierenden ohne Abstand und Maske durch Dörfer und Städte - und die Polizei schaut zu

Kommentar von Felicitas Amler

So herzlich lässt man sich doch gern in eine unangemeldete Demo hineinkomplimentieren: "Ich vertrau' auf Sie" und dann noch "Viel Vergnügen!", ruft die Polizei-Einsatzleiterin den Corona-Protestmarschierenden durchs Megafon zu. Und ab geht's mit der hundertfach unmaskierten Menge, die sich einen Teufel um den nötigen Abstand schert.

Die Polizei hat zwar an diesem Montagabend in Wolfratshausen wie anderswo ihrer Pflicht Genüge getan, darauf hinzuweisen, dass der Corona-Hygieneabstand einzuhalten ist. Aber wer will das schon kontrollieren? Es gar ahnden, wenn's nicht geschieht? Wer fragt bei jenen, die sich weder korrekt angemeldet haben noch auf Megafon-Nachfrage eine Versammlungsleitung benennen, nach Masken, nach Impfungen oder Boostern? So strengen Kontrollen unterwerfen sich doch nur die dummen braven Bürgerinnen und Bürger - wenn sie ins Kino gehen, in eine Ausstellung, ein Kabarett oder in ein Haushaltswarengeschäft.

Wer gegen all die Corona-Schutzmaßnahmen von der Maske bis zu 2-G-plus ist - oder auch nur gegen einen Teil davon, wer weiß, diese Leute artikulieren sich ja nicht grundsätzlich -, darf getrost jeden Montagabend im Pulk Dörfer und Städte überrennen. Zum friedlichen Schein mit Kerzen und Herzen ausgestattet. Und angeblich auf der Suche nach dem Dialog mit den anderen.

Aber wehe, dieser Dialog kommt zustande. Das geschieht meist nur in den für jede noch so sinnlos aufgeblähte Kommunikation offenen angeblich "sozialen" Medien. Dann geht's aber ab! Vorwürfe über Vorwürfe und zumeist keinerlei Bereitschaft, ein Argument gelten zu lassen. In diesen Dialogen werden seriöse Wissenschaftler schnell zu "sogenannten Experten", und belegte Studienergebnisse werden mit selbst gebastelten Statistiken beantwortet, die keinem Statistik-Mindeststandard genügen.

So vergewissern sich große Teile dieser ach so staatskritischen Menschen immer und immer wieder ihrer vermeintlichen Überlegenheit in der Einschätzung der Pandemie. Falls sie überhaupt nach mehr als 100 000 Toten in Deutschland anerkennen, dass es eine Pandemie ist. Und dann marschieren sie weiter. Montag für Montag. Viel Vergnügen!

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