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Corona-Lockerungen:Echter Bauchklatscher

Auch das Lenggrieser Naturfreibad bleibt vorerst zu. Lorenz Demmel hat unter der Woche zumindest aber schon einmal das Wasser eingelassen - sicher ist sicher.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Theoretisch dürften am Montag die Freibäder in der Region wieder öffnen. Wegen der hohen Auflagen bleiben aber alle geschlossen - zumindest vorerst.

Mit Freunden auf der Liegewiese im Freibad abhängen, ruhige Bahnen ziehen, mit den Kindern im Becken planschen, Pommes und Eis vom Kiosk - so schmeckt der Sommer. Dass in der zweiten Pfingstferienwoche in Bayern die Freibäder und die Außenbecken von Kureinrichtungen und Hotels wieder öffnen dürfen, ist für Daheimgebliebene und Urlauber deshalb eine gute Nachricht - eigentlich. Denn tatsächlich öffnet im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen am Montag kein einziges Freibad.

Zu viele Auflagen, die sich kurzfristig schlecht umsetzen lassen. Zu hohe Kosten, weil mehr Personal nötig ist und zugleich wegen der Abstandsregeln weniger Badegäste erlaubt sind - diese Gründe führen dazu, dass die Freibäder in Bad Tölz, Lenggries, Kochel am See, Benediktbeuern und Bichl am Montag nicht öffnen. Konkrete Termine gibt es nur unter Vorbehalt, in einigen Gemeinden wird überlegt, ob die Bäder in diesem Corona-Sommer überhaupt aufmachen.

Vor ein paar Tagen hat Lorenz Demmel ein zehnseitiges Papier mit Hygienevorgaben bekommen, für deren Umsetzung er nun ein Konzept erstellen soll. Gemeinde und Landratsamt müssten das Konzept erst billigen, sagt der Lenggrieser Gemeindemitarbeiter, vorher gehe gar nichts. Zuerst muss er nun die Liegewiese ausmessen und Parzellen abgrenzen, damit jeder Gast die vorgeschriebenen 20 Quadratmeter zur Verfügung hat. Statt normalerweise bis zu 500 Besucher könnten dann nur etwa 150 ins Lenggrieser Naturfreibad, sagt Demmel. Gleichzeitig müsste aber das Personal mindestens verdoppelt werden, um die Kontrollen und Desinfektionsmaßnahmen bewerkstelligen zu können.

Am Mittwoch hat Demmel schon mal Wasser ins Becken gelassen, vorsichtshalber, weil ein gewisser Vorlauf nötig sei. "Wenn wir Massel haben, könnten wir nach den Pfingstferien öffnen", hofft er. Der genaue Starttermin stehe aber noch in den Sternen. Tobias Riesch, Geschäftsleiter im Lenggrieser Rathaus, will sich jedenfalls noch gar nicht festlegen. Erst müsse geprüft werden, ob die Vorschriften im Freibad überhaupt erfüllt werden könnten, etwa die getrennten Ein- und Ausgänge. Und entscheiden müsse am Ende sowieso der Bürgermeister.

Riesch ärgert sich über die Staatsregierung: Da würden pressewirksam Lockerungen "hinausposaunt", allerdings mit nur sehr groben Vorgaben. "Und wir müssen uns ausdenken, wie wir das in der Praxis umsetzen", schimpft er.

Klar sind dagegen die Vorgaben für die Hallenbäder: Sie bleiben weiter geschlossen - die "Isarwelle" ebenso wie das Tölzer Hallenbad oder das Trimini in Kochel. Wann Hallenbäder, Saunen und Wellnessbereiche wieder öffnen dürfen, ist noch nicht entschieden. Für die Kristall AG, die mit dem Trimini bundesweit acht Bäder betreibt, sei das "eine Katastrophe", erklärt eine Mitarbeiterin der Unternehmenszentrale in Stein bei Nürnberg. Auch das Außenbecken im Trimini bleibe geschlossen, denn nur dieses eine Becken zu öffnen, das lohne sich nicht.

Bei den kommunalen Bädern spielen finanzielle Überlegungen nicht die entscheidende Rolle. Es sei "kein finanzielles Desaster", wenn das Freibad Eichmühle nicht geöffnet werden könne, sagt Andrea Bacher von den Tölzer Stadtwerken. "Das ist ohnehin ein defizitärer Betrieb." Das Minus dürfte sich durch die Corona-Auflagen allerdings noch erhöhen. Denn normalerweise seien in der Eichmühle zwei Mitarbeiter beschäftigt. Um die Auflagen zu erfüllen, müssten sie auf sechs erhöhen, die Besucher zugleich aber um ein Drittel auf maximal 500 beschränken, erklärt Bacher. Weil die Eichmühle wie die Naturfreibäder in Lenggries und Bichl nicht gechlort wird, sind die Hygieneverordnungen noch einmal schärfer. Vor allem aber seien die Regeln kaum praktikabel, sagt Bacher. Im Tölzer Freibad fängt das schon beim Eingang an: Weil der Kassenautomat keine Zählfunktion habe, müsste Kassenpersonal eingestellt werden. Denn Online-Karten, wie sie Freibäder anderswo anbieten, um die Besucherzahlen zu reglementieren, habe man nicht vorgesehen.

Auch sonst ist heuer einiges anders: Die Toiletten müssen stündlich desinfiziert werden, die Duschen sind gesperrt. Das Beachvolleyballfeld darf nicht bespielt werden, der Kinderspielplatz dagegen schon. "Aber wer soll da die Einhaltung der Abstandsregeln kontrollieren?", fragt Bacher. Der Biergarten hat nicht auf, wenn das Bad geschlossen ist, und auch ein Sommerhighlight fällt heuer ins Wasser: Das "Oach Festival" auf dem Freibadgelände, bei dem als Headliner die Bananafishbones spielen sollten, wird auf Juli 2021 verschoben.

Eigentlich sei die Eichmühle, die mit kleinen Maßnahmen wie einem neuen Zaun und renovierten Kabinen aufgehübscht wurde, bereit. "Wir könnten jederzeit aufmachen," sagt Bacher. Auch, wenn im Moment das Wetter nicht mitspiele.

Bereit sei auch das Naturfreibad in Bichl, sagt Bürgermeister Benedikt Pössenbacher. Wegen der "extremen Auflagen" werde man am Montag aber nicht öffnen. Pössenbacher hofft, "dass das heuer überhaupt noch was wird". Beim Alpenwarmbad in Benediktbeuern gibt es immerhin einen anvisierten Termin: Eine Öffnung sei für den 29. Juni geplant, sagt Tourismusleiterin Sabine Rauscher. Nicht nur die Daheimgebliebenen, sondern auch die Urlauber stehen vorerst also vor geschlossenen Schwimmbädern. Klagen habe es noch nicht gegeben, sagt die Lenggrieser Tourismuschefin Ursula Dinter-Adolf. Auch wenn Bäder für Urlauber natürlich ein wichtiges Angebot seien. Wie sich Corona generell auf die Gästezahlen auswirkt, könne sie noch nicht sagen. Aber ein Trend zeichne sich bereits ab: Ferienwohnungen und Campingplätze seien stark nachgefragt. Mit Ausnahme der Bäder sei ja alles wieder offen: Bergbahnen, Museen, Hochseilgärten, Sommerrodelbahn. Und schließlich gebe es in der Region ja viele schöne Badeseen.

© SZ vom 06.06.2020/aip

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