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Corona-Krise:Vom Genuss zum Bedarf

"Im Moment gibt es Wichtigeres als Likör": Petra Waldherr-Merk.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Petra Waldherr-Merk braut statt Hirschkusslikör Desinfektionsmittel

Das Gaißacher Unternehmen "Hirschkuss" stellt wegen der Corona-Krise um: Firmenchefin Petra Waldherr-Merk produziert Alkohol vorübergehend nicht mehr zur inneren, sondern zur äußeren Anwendung. Hirschkuss zum Desinfizieren sozusagen.

"In Zeiten wie diesen kann man schon mal einen Schnaps vertragen. Und die Umsätze unserer Liköre sind auch nicht eingebrochen. Aber wir haben uns trotzdem vor zwei Wochen entschieden, auf Desinfektionsmittel umzustellen. Der Markt für Ethanol ist seit drei Wochen leergefegt, die Nachfrage von Kliniken und Ärzten ist wegen der Corona-Krise riesig. Wir wollen einen Beitrag leisten und unsere Bestände sinnvoll verwenden. Denn im Moment gibt es Wichtigeres als Likör. Das Prozedere für die Herstellung von Desinfektionsmitteln ist für uns als Spirituosenhersteller kein großes Problem. Wir müssen das natürlich bei den Behörden anmelden. Aber die Vorschriften sind bei einem Produkt, mit dem man sich die Hände einreibt, weniger streng als bei einem, das man trinkt.

Das Problem sind die Vergällungsmittel, die man braucht, damit der Alkohol nicht mehr trinkbar ist. Vier solcher Mittel sind zugelassen, aber die sind im Moment auch wahnsinnig knapp und werden gehandelt wie Goldstaub. Wir haben von unserem Alkohollieferanten eine kleine Menge bekommen. Seit Ende voriger Woche läuft die Produktion. Wir haben sogar eine Anfrage von einem Desinfektionsmittel-Hersteller bekommen, der bei uns kaufen will - und zwar schon, bevor wir überhaupt angefangen haben. Das ist ein bisschen erschreckend, wenn es eigentlich Selbstverständliches nicht mehr gibt.

Das Desinfektionsmittel stellen wir natürlich nicht in unseren Hirschkuss-Kesseln her, die brauchen wir ja irgendwann wieder. Ich habe noch einen Kessel aus unseren Anfangszeiten im Keller, und wir haben neue Schläuche und Pumpen besorgt. Ethanol ist das älteste und beste Mittel zur Herstellung von Desinfektionsmitteln, das es gibt. Es tötet 99,9 Prozent aller Viren und Bakterien ab.

Wir wollen vor allem Einheimische mit unserem Produkt versorgen. Seit Freitag gibt es das Desinfektionsmittel in den Edeka-Läden in Bad Tölz und Lenggries und im Rewe in Bad Heilbrunn. Wir haben einen Straßenverkauf bei unserem Laden in Gaißach eingerichtet, und auch auf unserer Homepage kann man es bestellen, aber nur jeweils eine Flasche. Ein Liter Desinfektionsmittel kostet 28,90 Euro, die gleiche Menge Hirschkuss 23 Euro. Die Genussmanufaktur ist zurzeit natürlich geschlossen, wir haben Kurzarbeit. Manche Läden probieren es mit einem Lieferservice. Aber mein Eindruck ist, dass die Leute das kaum nutzen. Das Kaufverhalten hat sich geändert. Wichtig ist das Klopapier, nicht das Luxusgut. Das Genießen steht momentan nicht im Vordergrund, sondern das Durchkommen."

© SZ vom 31.03.2020

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