Das Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) erfasst seit April die Belegung der Intensivbetten in ganz Deutschland. Für den Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen waren am Dienstag auf der Karte noch zwei freie Betten verzeichnet. Das klingt zunächst alarmierend. Die Belegung durch Covid-19-Patienten macht laut Divi im Landkreis inzwischen 20,8 Prozent aus. Die Kliniken in Wolfratshausen und Tölz könnten jederzeit an ihre Grenzen kommen. Denn andere Notfälle brauchen schließlich auch die Intensivstation.
Weil die Betreuung der Corona-Patienten jedoch kreisübergreifend koordiniert wird, relativiert sich diese Zahl ein bisschen. Zuständig ist die Führungsgruppe Katastrophenschutz des Rettungsbereichs Oberland, der die Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen, Weilheim-Schongau und Garmisch-Partenkirchen umfasst. "Wenn man den Landkreis isoliert betrachtet, wird es schon eng", sagt deren Ärztlicher Leiter Martin Dotzer. "Aber grundsätzlich ist der Blick über den Tellerrand immer ein guter." Sieben Akutkliniken gibt es in den drei Landkreisen - mit circa 100 Intensivbetten, mehr als die Hälfte davon in den zwei großen Häusern in Murnau und Garmisch. Das ist, gemessen an der Zahl von insgesamt etwa 180 000 Einwohnern, ein Spitzenwert in Bayern. "Wir sind ganz vorne", sagt Dotzer, der Leitender Arzt für Anästhesie, Intensiv- und Schmerzmedizin an der Murnauer Unfallklinik ist. Hinzu kämen etwa 1700 normale Krankenhausbetten, die zur Verfügung stünden. Zwar gebe es im Vergleich zum Frühjahr nun deutlich weniger freie Intensivbetten, und auch der Anteil der Covid-19-Patienten sei höher, sagt Dotzer. Er erklärt aber: "Es ist noch Luft nach oben." Man habe immer noch eine zweistellige Zahl an freien Intensivbetten zur Verfügung. "Von der Erfahrung her kommen wir gut damit hin." Zuversichtlich ist auch der Geschäftsführer der Wolfratshauser Kreisklinik: "Da wir mit zwei großen Kliniken wie Garmisch und Murnau im Verbund stabile Säulen an unserer Seite haben, besteht aus meiner Sicht kein Anlass zur Sorge", sagt Ingo Kühn.
Die Kliniken melden täglich ihre Intensiv-Kapazitäten ans Divi-Register und an die Behörden. Der Rettungsdienst, erklärt Dotzer, verteile die Patienten wie gewohnt nach Art der Erkrankung an geeignete Häuser. Wenn Kliniken ein Ressourcenproblem haben, verlege er die Notfälle woandershin. Bisher sei es noch immer gelungen, ein Haus zu finden, das den jeweiligen Bedürfnissen entspreche und etwa bei internistischen Vorerkrankungen die dafür nötige Expertise biete, sagt Dotzer. Diese Koordinierung sei inzwischen das "tägliche Geschäft". Seit Ausrufung des Katastrophenfalls vergangene Woche habe er bislang aber nur etwa zehn Patienten im Verbund anderweitig unterbringen müssen. Es komme schon vor, dass Intensivstationen voll ausgelastet seien und man aushelfen müsse. Allerdings gebe es dort auch eine "hohe Dynamik", sodass Betten oft rasch wieder frei würden.
In Bad Tölz-Wolfratshausen gibt es aktuell 28 Intensivbetten, jeweils 14 an der Kreisklinik Wolfratshausen und in der Asklepios-Stadtklinik Tölz. Am Dienstag waren in Tölz zwölf davon belegt, zwei davon mit Covid-19-Patienten. In Wolfratshausen waren 13 Betten belegt, darunter drei mit Corona-Fällen. Das Klinikum Penzberg hat mit vier Betten eine relativ kleine Intensivstation. Covid-19-Patienten, die intensivmedizinische Betreuung bräuchten, würden daher in der Regel nach Schongau, Tölz oder Garmisch verlegt, erklärt Klinik-Sprecher Stefan Berger.
Der Lockdown wurde auch verhängt, damit die Krankenhäuser handlungsfähig bleiben. Dotzer sieht das in den drei Oberland-Landkreisen trotz hoher Infektionszahlen nicht gefährdet. Sollte die Kapazitätsgrenze an Intensivbetten dennoch überschritten werden, gebe es ein Notfall-Szenario, auf das sich alle Häuser im Frühjahr vorbereitet hätten. Die Notfallpläne müssten innerhalb von 48 Stunden umgesetzt werden, erklärt er. Das Personal würde umgeschichtet, die Zahl der Intensivbetten könne verdoppelt werden. "In den Krankenhäusern liefe dann nur noch die Notfallversorgung. Wir wollen das natürlich vermeiden." Der Ärztliche Leiter der Koordinierungsstelle ist zuversichtlich, dass das auch gelingt. "Wir haben noch Reserven, und es wird ja ruhiger draußen." Auf den Straßen sei weniger los, der Lockdown erspare zudem Skiunfälle und die circa zehn Böllerverletzungen, die an der Murnauer Unfallklinik sonst jährlich zu Silvester Ressourcen binden.
So kann auch das überlastete Personal über die Feiertage vielleicht ein bisschen wohlverdiente Ruhe finden. An den Kliniken in Tölz, Wolfratshausen und Penzberg gibt es zumindest keine Urlaubssperre.
