Der Titel „Sankt Michael in Degerndorf“ ist etwas missverständlich. In seiner Chronik über den Ortsteil der Gemeinde Münsing geht der Autor Manuel Seltier nämlich weit über eine reine Kirchengeschichte des Gotteshauses in seiner heutigen Form hinaus. Der geschichtsinteressierte Polizeihauptkommissar hat bis zur Besiedelung der Region in der Steinzeit zurück recherchiert. Und er hat sich mit der Römerzeit genauso beschäftigt wie mit der Prägung des Degerndorfer Alltags durch die christliche Religion und Kirche und den Auswirkungen von Kriegen auf den Ort oberhalb des Ostufers des Starnberger Sees.
„Obwohl Degerndorf in der Weltgeschichte wahrlich keine große Bedeutung spielt, hatten die Kriege auch für unser Dorf katastrophale Folgen“, schreibt Seltier. Das aufzuzeigen, sei ihm wichtig gewesen, sagt er auf Nachfrage bei einer Lesung im Ambacher Gasthaus Huber.
So kamen etwa in der sogenannten Sendlinger Mordweihnacht von 1705 im Rahmen des Spanischen Erbfolgekriegs acht Degerndorfer ums Leben. Ein Votivbild in der Degerndorfer Pfarrkirche stellt dar, wie französische Soldaten zur Zeit Napoleons im Jahr 1800 nahe dem Ort auf einer Holzbrücke die Loisach überquerten. Am oberen Bildrand sind um eine Kirche gruppierte Häuser zu sehen. Darüber steht „Deggendorf“. Laut Seltier ist damit Degerndorf gemeint, einheitliche Rechtschreibregeln gab es damals noch nicht.
Seltier schildert auch, wie persönliche Freiheiten während der Nazi-Diktatur und des Zweiten Weltkriegs im Ort eingeschränkt wurden. So seien etwa Aktionen für nationalsozialistische Verbände wie die Hitlerjugend und andere Termine so gelegt worden, dass Gottesdienstbesuche unmöglich wurden. Am 21. Juni 1936 drohte der zuständige Gendarm dem Expositus von Degerndorf, Gottfried Brugger, Schutzhaft an, sollte dieser den Hirtenbrief der Erzdiözese in der Sonntagsmesse vortragen. Der Geistliche verweigerte jedoch, das Schriftstück herauszugeben und las der Gemeinde tatsächlich daraus vor. „Gottfried Brugger berichtete, er habe seit seiner Primiz nicht mehr so feierlich gesungen wie bei diesem Gottesdienst, aus Angst vor der bevorstehenden Verhaftung“, schreibt Seltier in der Chronik. Schlussendlich wurde Brugger aber aus ungeklärten Gründen doch nicht verhaftet.

Die handschriftlichen Notizen der beiden damaligen Degerndorfer Geistlichen Gottfried Brugger und Ludwig Betzinger zu lesen, habe ihn sehr beeindruckt, sagt Seltier. „Das ist als Tagebuch zu lesen“, so der Autor der Chronik. „Sie schildern anschaulich das Dorfleben und die Auswirkungen der Diktatur darauf.“ So zeigt Seltier in seinem Buch etwa das abgedruckte Dokument eines Strafbefehls gegen eine Degerndorferin wegen der Nichteinhaltung von Verdunkelungsmaßnahmen.
Er berichtet zudem davon, dass die damalige Gemeinde in den Jahren 1943 und 1944 insgesamt 30 000 Eier abgeben musste, um die Versorgung der städtischen Bevölkerung sicherzustellen. Für den, der acht Hühner besaß, bedeuteten das 400 Eier jährlich. Solche Zwangsabgaben existierten noch bis in die Nachkriegszeit hinein. Laut Seltier drohte 1947 eine Strafgebühr von zwei Reichsmark – nach heutigem Wert um die neun Euro – pro nicht abgegebenem Ei.
Um die 500 Arbeitsstunden verbrachte Seltier in Archiven
Um all das darzustellen, hat Seltier in verschiedenen Archiven geforscht, bei der Gemeinde, im Münchner Stadt- und Staatsarchiv, der Archäologischen Staatssammlung und denen der Kirchengemeinde und der zuständigen Erzdiözese. Mindestens 500 Arbeitsstunden habe er für die Recherchen gebraucht, schätzt der Autor – den Kontakt mit dem Volk-Verlag, der die Chronik veröffentlicht, nicht eingerechnet.
Mit erstaunlicher Detailfülle berichtet Seltier über die Ortsgeschichte. Er erzählt zum Beispiel, wie ein Dorfbewohner 1906 eine römische Silbermünze, einen Dinar, in einem Maulwurfshügel fand. Dem Wandel der Pfarrkirche widmet Seltier ein eigenes Kapitel.



Auch über das Leben der Degerndorfer im Mittelalter ist in der Chronik einiges zu erfahren. Seltier berichtet von einem durch Verpflichtungen und Arbeitsverrichtungen geprägten Leben fast ohne individuelle Entfaltungsmöglichkeiten. Jahrhundertelang prägten Kirche und Religion das Dorfleben. Das Kirchengebäude beschreibt Seltier als stark frequentierten Kommunikationsraum, in dem sich die Dorfgemeinschaft zum Gottesdienst traf und austauschte. „Der sonntägliche Kirchgang stellte eine Gelegenheit dar, einmal nicht arbeiten zu müssen wie an allen anderen Tagen der Woche.“
Seltier, der bei der Kommunalwahl in Münsing Bürgermeisterkandidat der CSU ist, ist in Wolfratshausen aufgewachsen. Der Polizeibeamte wohnt aber seit Anfang der 2010er-Jahre in Degerndorf. Im Herbst 2024 sei er gebeten worden, doch etwas über die Geschichte der Kirche St. Michael zu schreiben, die bis 1726 ihre heutige barocke Form erhielt. Die so entstandene Chronik zum 300. Geburtstag kann man voraussichtlich ab Februar über den Degerndorfer Pfarrgemeinderat erwerben. Die erste Auflage hat 300 Exemplare. Seltier hofft auf großes Interesse.

