Das Oberland hat seine ökonomischen Stärken im Tourismus und im Handwerk. Forschung und Technologie sind eher unterrepräsentiert. Das soll sich mit dem Campus Tölz ändern. Wissenschaftler und Unternehmer sollen dort Forschung und Entwicklung gemeinsam vorantreiben, unter anderem in Bereichen wie Künstlicher Intelligenz, Robotik und Drohnen-Technik.
Auf einem 2,5 Hektar großen Areal an der Bundesstraße 13 im Norden des Tölzer Stadtgebietes entstehen vier Gebäude mit Hallen, Büros und einem Gründerzentrum. Zwei davon werden in diesem Sommer fertiggestellt. Und der erste Mieter ist schon eingezogen: Die Hochschule München richtet auf dem Campus ein Technologie- und Innovationszentrum ein, kurz: Tizio. Initiator und Bauherr des Campus ist Hannspeter Schubert aus Holzkirchen. Was ihm vorschwebt, fasst er in einem Slogan zusammen: „Das Garching des Südens.“
Viele Konzerne und große Unternehmen haben eigene Forschungsabteilungen, mittelständische Betriebe und Start-ups können sich das in aller Regel nicht leisten. In Bad Tölz haben sie die Chance, Bürotür an Bürotür mit Wissenschaftlern an gemeinsamen Forschungsprojekten zu arbeiten. Das Tizio bietet dazu vier Labore in den Themengebieten Automatisierung und Robotik, Additive Fertigung, IoT-Prototypen (Internet der Dinge) sowie Tourismus, Nachhaltigkeit und Lebensqualität.

„Wir versuchen, Wachstumsfelder zu adressieren“, sagt Schubert. Dazu zählen für ihn auch neue Materialien, Drohnentechnologie, Wasserstoffgewinnung- und antriebe. Als weiteres Beispiel nennt er Sicherheitstechnik, etwa Software zum Schutz von Cyberangriffen. Die Grundidee sei, technologie- und zukunftsorientierten Unternehmen „aus dem südlichen Teil der Metropolregion München hier ein konzentriertes Zuhause zu geben“, so Schubert. Zum Einzugsgebiet zählt er die Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen, Garmisch-Partenkirchen, Weilheim-Schongau und Miesbach.
Feste Zusagen von Betrieben, sich auf dem Campus anzusiedeln, hat Immobilien-Manager Alexander Frank bislang nicht. „Wir sind in Gesprächen“, sagt er. Das dauere auch seine Zeit, solche Vertragsverhandlungen zögen sich oftmals über ein halbes Jahr hin, „das ist nicht wie bei der Vermietung einer Wohnung“. Für Start-ups ist in einem der nahezu fertiggestellten Gebäude ein Gründerzentrum eingerichtet, das sich auf derselben Etage wie das Tizio befindet. Auf der Open-Space-Fläche könnten junge Unternehmer flexibel zusammenfinden, gemeinsam essen, Synergien bilden, so Frank. Die gesamte Architektur der vier Gebäude ist denn auch modular ausgelegt. Die Raumkonzepte können angepasst werden, je nachdem, wie viele Büros und wie viel Hallenkapazität für eine Firma nötig sind.

Der Campus entsteht in zwei Etappen. Die beiden langgestreckten Gebäude mit großer Halle, Büros im ersten Stock und Tiefgarage, die dieses Jahr fertig werden, bilden den ersten Bauabschnitt. Sie umfassen rund 4000 Quadratmeter Fläche. Im zweiten Schritt sollen später noch ein großer Trakt zur B13 hin und ein kleineres Gebäude im Westen des Areals folgen. Dazwischen ist eine Aufenthaltszone vorgesehen, mit Sitzstufen, mit einer Art Brunnen, mit viel Grün. Dies soll den Campus-Charakter unterstreichen, wie Frank mitteilt.
Beim Bau achtet Hannspeter Schubert auf Nachhaltigkeit. Alles werde nach KfW-40-Standard errichtet, sagt er. Anders ausgedrückt: Seine Neubauten brauchen nur 40 Prozent der Energie, die ein Referenzgebäude benötigen würde. Die Fassaden sind um 15 Prozent schräg geneigt, die Solarpaneelen in diese Front integriert. Die Dächer werden begrünt. „Unter dem Gesichtspunkt der Biodiversität“, sagt der Initiator. „Wir arbeiten mit dem Zentrum für Umwelt und Kultur in Benediktbeuern zusammen, was die Gestaltung angeht.“

Außerdem habe man viel ins Wassermanagement auf dem Hanggrundstück investiert, fährt Schubert fort. Große Rigolen unter der Erde sollen das Regenwasser aufnehmen. Die Tiefgaragen wurden nicht mit Betonplatten versiegelt, sondern gepflastert, damit dort das Wasser versickern kann. Der Kies aus der Baugrube wurde für den Beton verwendet. Auch die Teppichböden seien aus recyceltem Material, sagt Immobilien-Manager Frank. Das gesamte Gelände ist an das Nahwärmenetz der Tölzer Stadtwerke angeschlossen, die das Biomasseheizkraftwerk der Lettenholz-Siedlung auf der anderen Straßenseite der B13 betreiben.
Die Kosten für den Campus Tölz belaufen sich auf gut 20 Millionen Euro. Frank zufolge soll er ein Ort werden, „an dem unternehmerische Ideen, wissenschaftlicher Austausch und regionale Entwicklung wirkungsvoll zusammenfinden.“ Von dort aus, sagt Ideengeber Schubert, soll „ein technologischer Aufbruch stattfinden“. Wie das gelingen kann, lässt sich übrigens gleich nebenan beobachten. Nachbar des Campus ist die Firma SAM GmbH. Dort werden Komponenten für die Luft- und Raumfahrt entwickelt und hergestellt. Seit Jahrzehnten schon. Manchmal hat das Oberland denn doch mehr zu bieten als Berge, Seen und Handwerkskunst.


