Süddeutsche Zeitung

Bad Tölz-Wolfratshausen:Phänomene von Icking bis in die Jachenau

Die Isartalgemeinde ist traditionell der FDP stark verbunden. Am Rand des Landkreises hält eine treue Stammwählerschaft zur CSU, auch wenn sich der Kandidat dort nicht sehen lässt.

Von Konstantin Kaip und Florian Zick

Im reichen Icking wählen alle FDP und in der Jachenau macht bei der SPD maximal der sein Kreuzchen, der auf dem Wahlzettel mit dem Kuli ausgerutscht ist. Solche und ähnliche Vorurteile gibt es zahlreich im Landkreis - und manche davon haben sich bei der Bundestagswahl am Sonntag tatsächlich bestätigt. Es gibt aber auch sehr überraschende Ergebnisse, zum Beispiel das Erstarken der AfD in manchen wohlhabenden Gemeinden am Alpenrand. Ein Streifzug durch die Auffälligkeiten und Merkwürdigkeiten dieser Wahl.

FDP-Hochburg

Fangen wir gleich mit Icking an: Dort fährt die FDP traditionell sehr starke Ergebnisse ein. Vermutlich wegen der Steuerpolitik der Liberalen, die den vielen Gutverdienern in der Isartalgemeinde zupasskommt. Relevant seien aber durchaus noch andere Aspekte, sagt Patrick Lechner, der stellvertretende Kreisvorsitzende der FDP. Modernisierungsthemen zum Beispiel. In der in Icking sehr emotional geführten 5 G-Debatte etwa sei die FDP immer ein Ruhepol gewesen, findet Lechner. Auch deshalb habe die Partei dieses Mal dort wieder über 20 Prozent bekommen - und das, obwohl es nicht einmal einen FDP-Ortsverband gibt. "Icking ist schon ein Phänomen", sagt Lechner. Dorthin umziehen würde er aber trotzdem nicht. "Ich fühle mich in Wolfratshausen sehr wohl", sagt er. Und auch da habe seine Partei schließlich 12,6 Prozent erzielt.

Roter Jubel

Besser als in Kochel hat die SPD nur in den Städten Geretsried und Wolfratshausen abgeschnitten. 16,1 Prozent haben ihr Kreuzchen hier bei den Sozialdemokraten gemacht - für eine Landkommune ist das schon erstaunlich. Für den früheren Bundestagsabgeordneten und jetzigen SPD-Kreisvorsitzenden Klaus Barthel gibt es dafür im Wesentlichen zwei Gründe: Zum einen ihn selbst, der als örtlicher Gemeinderat das Rathaus immer wieder aufmischen kann; zum anderen den funktionierenden Ortsverein, der kommunalpolitisch sehr aktiv ist. "Das zahlt sich dann vielleicht doch irgendwann aus", sagt Barthel.

Ausgefranste Ränder

Das Wahlergebnis in Wackersberg ist gleich in zweierlei Hinsicht auffällig: Die AfD hat dort ihr bestes Ergebnis im Landkreis erzielt. Entgegen dem allgemeinen Trend konnte sie im Vergleich zu 2017 sogar noch leicht zulegen, von elf auf jetzt 11,2 Prozent. In Wackersberg stieg sie damit hinter der CSU zur zweitstärksten Kraft auf. Erstaunlicherweise gibt es in der Gemeinde aber auch am anderen Ende des politischen Spektrums einen Ausreißer. Denn auch die Linke kam in Wackersberg auf 7,6 Prozent, in keiner anderen Kommune konnte diese Partei auch nur ansatzweise ein ähnlich gutes Ergebnis holen. Und weil man sich das nicht erklären kann, folgt ein Anruf bei Bürgermeister Jan Göhzold (Freie Wählergemeinschaft Wackersberg-Arzbach). Der zeigt sich aber ebenso ratlos. "Erklären kann ich mir das auch nicht", sagt er. Bei der Wahl sei alles ordnungsgemäß gelaufen, das könne er als Wahlleiter versichern. Und natürlich sei es so, dass man sehr schnell zum Zweitplatzierten werde, wenn die CSU wie in Wackersberg fast 50 Prozent hole und sich die anderen Parteien den Rest dann recht gleichmäßig untereinander teilten. So viel zur Rangfolge der Parteien. Warum AfD und Linke in seiner Gemeinde so stark geworden sind, kann Göhzold aber auch nicht sagen. Die AfD erzielte im Landkreis in drei Kommunen ein zweistelliges Ergebnis: In Gaißach wurde sie mit 10,6 Prozent drittstärkste Kraft, ebensohoch war ihr Anteil in Geretsried, wo sie jedoch nur auf Rang Fünf landete.

Hort der Freien Wähler

Die Freien Wähler sind nirgends so stark wie in der Jachenau, wo sie mit 20 Prozent der Zweitstimmen das mit Abstand beste Ergebnis aller Kommunen erzielten. Bürgermeister Klaus Rauchenberger kann sich das aber nicht so richtig erklären. "Wir waren auch ein bisschen überrascht", sagt der Landwirt, der selbst der Freien Wählergemeinschaft angehört, die aber nicht mit den Freien Wählern verwechselt werden dürfe, wie er sagt. Im Kreistag sitzt Rauchenberger als Parteifreier in der CSU-Fraktion. Vermutlich habe mancher der Union einen Denkzettel verpassen wollen, mutmaßt er. "Wir sind sehr stark von der Land- und Forstwirtschaft geprägt." Und weil die CSU in diesen Bereichen zuletzt ja "einige Eier gelegt" habe, könne es schon sein, dass das eine Rolle gespielt habe. Außerdem sei die Jachenau vom Tourismus geprägt, der unter der Corona-Politik in Bayern gelitten habe. FW-Chef Aiwanger habe da ja zuweilen andere Positionen vertreten. Dass dennoch der CSU-Direktkandidat Alexander Radwan in der Jachenau mit 53,7 Prozent die meisten Erststimmen aller Gemeinden erhalten hat, führt Rauchenberger eher auf die CSU-Stammwählerschaft als auf den Kandidaten zurück. "Ich kann mich nicht erinnern, dass er mal bei uns gewesen wäre", sagt er über Radwan. Aber die Jachenau sei schließlich irgendwann einmal "die schwärzeste Gemeinde Bayerns" gewesen.

Ein bisschen Basis

Die von Gegnern der Corona-Maßnahmen gegründete Partei "Die Basis" kam in fast keiner Kommune über drei Prozent, mit einer Ausnahme: In Schlehdorf wählten 3,9 Prozent die Gruppierung, die nach eigener Aussage für "ein achtsames Miteinander, Freiheit und Selbstbestimmung" angetreten war. Der Ausreißer könnte damit zu tun haben, dass im Ort der Fischerwirt residiert, dessen Wirtsleute gerade wegen Verstoßes gegen die Coronaregeln verurteilt wurden und dafür viel Zuspruch aus der Querdenker-Szene bekamen.

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SZ vom 28.09.2021/kml
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