Süddeutsche Zeitung

Ehrenamtliches Engagement:Bürgerinnen wandern für Bürger

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Zwei Frauen der Wolfratshauser Nachbarschaftshilfe wandern zwei Wochen lang von Tirol nach Jesolo über die Alpen. Mit der Aktion wollen sie ihren Verein bekannter machen und um Spenden werben.

Von Benjamin Engel, Wolfratshausen

Wer als durchaus ambitionierter Bergwanderer Acht-Stunden-Touren unternimmt, dürfte Veranstaltungen wie den Megamarsch wohl für ein wenig verrückt halten. Dafür müssen die Teilnehmer etwa die 100 Kilometer lange Strecke von München nach Mittenwald in höchstens 24 Stunden schaffen. Zweimal hat Ina Großmann-Stangl diesen Megamarsch schon erfolgreich bewältigt und findet es einfach nur "meditativ", so lange unterwegs zu sein. Zu gehen und Schritt vor Schritt zu setzen, wiederhole sich immer gleich. Währenddessen ziehe die Landschaft an einem vorbei. "Du verlierst jegliches Zeitgefühl", beschreibt Großmann-Stangl, wie sehr sie dies fasziniert. Daraus hat sich die Idee für eine vierzehntägige Etappentour mit ihrer Freundin, Bianca Bauer, von Innsbruck nach Jesolo entwickelt. Die wollen beide auch dafür nutzen, um Spenden für den Wolfratshauser Verein "Bürger für Bürger" zu sammeln.

Für die Nachbarschaftshilfe-Organisation in der Flößerstadt sind die beiden 1975 geborenen Frauen schon seit 2003 engagiert. Für Bianca Bauer ist allerdings viel zu wenig bekannt, wofür sich der Verein einsetzt. Schließlich engagierten sich die Mitglieder von "Bürger für Bürger" von der Seniorenhilfe bis zu Eltern-Kind-Gruppen, dem Kindersachen-Basar bis zur Babysitter-Vermittlung. Die Spendenaktion solle helfen, das alles bekannter zu machen, so Bauer. "Kein Mensch weiß so genau, was der Verein alles tut."

Auf die zweiwöchige Etappentour sind Bauer und Großmann-Stangl am Donnerstag gestartet. Dafür brachte die "Bürger für Bürger"-Vorsitzende Eva-Maria Rühling beide mit dem Auto von Wolfratshausen nach Innsbruck. Ausgangspunkt der Wanderung über 350 Kilometer und 8000 Höhenmeter soll das Goldene Dachl im Zentrum der Tiroler Landeshauptstadt sein. Am Ende jedes Tages planen Bauer und Großmann-Stangl auf der extra dafür angelegten Homepage www.biwalkin.de zu berichten und Fotos sowie Videos einzustellen. Zudem wollen sie jeweils ein anderes Ressort auf den Etappen vorstellen. "Das ist eine ganz tolle Geschichte", freut sich die Vereinsvorsitzende Rühling. Die Idee dafür sei im vergangenen Frühjahr konkret geworden.

Um sein vielfältiges Engagement zu finanzieren, ist die Nachbarschaftshilfe "Bürger für Bürger" auf Spenden angewiesen. Nur mit den Mitgliedsbeiträgen lasse sich der Bedarf nicht decken, sagt Rühling. Umso mehr freut sie, dass schon einige Unternehmen und selbständig Berufstätige genauso wie Privatpersonen die Aktion mit Spenden unterstützten. Je mehr, desto besser sei dies natürlich, so Rühling.

Wer zwei Wochen durch die Alpen bis an die italienische Adria unterwegs sein will, muss natürlich genauestens planen. Bauer und Großmann-Stangl haben daher etwa Listen mit Einkaufsmöglichkeiten, von Supermärkten bis zu Apotheken und Tankstellen, erstellt. Gut zu überlegen galt es, was in den Wanderrucksack soll. Essenziell sind beispielsweise mindestens zwei Paar Socken. Denn wenn eines nass geschwitzt ist, sollte jeder Wanderer es am besten sofort wechseln. Sonst drohen Blasen. Der Rucksack von Großmann-Stangl wiegt etwa 11,5 Kilogramm ohne Getränke, lange Hose und zweites T-Shirt aber inklusive, wie sie am Tag vor dem Tourauftakt sagt. Der ihrer Freundin ist knapp zwei Kilogramm schwerer.

Von einer "Alpenüberquerung ohne Gipfel" spricht Großmann-Stangl. Denn ihr und Bauer ginge es vor allem darum, am Meer anzukommen. Die maximale Ausbeute an Höhenmetern sei nicht zentral. "8000 Höhenmeter reichen auch." Beide wollen sich nach jeder Etappe freie Übernachtungsmöglichkeiten suchen. Und wenn das nicht klappen sollte, haben sie zur Not ein Zelt dabei.

Sicher fragen sich viele, wie jemand darauf kommt, so lange Distanzen zu wandern. In den sozialen Medien hat Großmann-Stangl 2019 gelesen, wie Wanderer mit Stirnlampen bei Wolfratshausen unterwegs waren. Sie fand heraus, dass es sich um den Megamarsch handelte und berichtete ihren Freundinnen davon. Mit Bauer hat Großmann diese Veranstaltung bereits zweimal - 2021 und heuer nochmals - bewältigt. Das ist auch einer der Gründe, weswegen die beiden Frauen jetzt erst von Innsbruck aus starten. "Ich kenne auf der Strecke jeden Stein", sagt Großmann-Stangl.

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