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Bruno Jonas in Bad Tölz:Philosophie aus dem Packerl

Mit Platon und Paketen: Bruno Jonas präsentierte im Tölzer Kurhaus sein Programm "Einfach mal angenommen ..." Denn annehmen kann man etwas ja im Wortsinn und im übertragenen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Der Kabarettist entwickelt weit schweifende Gedankengänge und entdeckt am Ende im Kurhaus bedenkliche bauliche Mängel.

Es ist schon ein Kreuz mit dem Online-Handel: Da kann jeder jederzeit von zu Hause aus, bequem auf dem Sofa sitzend, einkaufen und bestellen, was das Herz begehrt. Nur wenn das Packerl dann ganz altmodisch analog angeliefert wird und der Paketbote klingelt, ist garantiert keiner daheim. Und sämtliche Lieferungen landen bei dem armen Freiberufler, der sein Büro in den heimischen vier Wänden hat. Davon kann so mancher ein Lied singen, so auch Bruno Jonas respektive sein Alter Ego auf der Kabarettbühne - am Donnerstagabend auf der Bühne des Tölzer Kurhauses. Schon rät ihm der Paketbote Murat angesichts der Fülle der auf ihre Besteller wartenden Pakete: "Musst du mieten zweite Wohnung!" Und im Schlaf plagt ihn der Albtraum, nachts um vier klingele der Lieferant von Edeka, um zwei Paletten Frischfisch bei ihm abzuladen, bis der Laden gegenüber aufmacht.

"Einfach mal angenommen ..." ist Jonas' Programm überschrieben. Die Pakete dienen lediglich der Illustration seiner weitschweifenden politisch-philosophischen Abhandlungen, die das Publikum durchaus fordern. Das kann man ja beileibe nicht mehr von jedem Kabarettabend behaupten. Doch Jonas sinniert in atemberaubenden Tempo über die zunehmende Verdigitalisierung, die ebenso rasant fortschreitende Politikverdrossenheit beziehungsweise Protesthaltung der Wähler, die ja vielleicht unter Umständen eventuell irgendwie zusammenhängen könnte mit den Unzulänglichkeiten des politischen Personals, dies- wie jenseits des Atlantiks, die er genüsslich analysiert.

Dabei springt er zwischen den Themen hin und her, dass dem Zuhörer fast schwindlig wird, völlig souverän und ohne sich dabei zu verheddern. Einen hübschen Versprecher produziert er doch, als er von den "nacktaktiven Rentnern" spricht, aber eigentlich die nachtaktiven meint. Doch Jonas wäre nicht Jonas, wenn er diesen Lapsus nicht bei nächster Gelegenheit äußerst witzig in den Text einbaute.

Spontaneität ist seine Sache ohnehin. Zurufe aus dem Publikum kontert er schlagfertig und hat die Lacher dabei sofort auf seiner Seite. Und so geht es von der iWatch ("Und wennst an Herzinfarkt kriagst, dann teilt dir's die iWatch vorher mit. Und beim Exitus zeigt's an: It's all over now. Dann weiß der Notarzt, er kann den Defibrillator gleich drin lassen...") über die Blasen-App ("Bitte suchen Sie alsbald die nächste Toilette auf. Und wo die ist, sagt dir Google Earth!"), die Feng-Shui-App ("I woas gar net, wo i di her hob!") und die klare Selbsteinschätzung "Ich bin produktorientiert!" bis zur vernichtenden Analyse der Gattin: "Du bist eine Benutzeroberfläche. Die Geräte benutzen dich, nicht du die Geräte!"

Seiner Frau legt Jonas so manches in den Mund, was den Zuschauer jubeln lässt: "Genau!" Dass die von ihr so zielsicher geäußerte Kritik sich dabei meist auf sein Gebaren bezieht, zeugt von Größe. Und auch mit seiner teils harschen Kritik an den Politgrößen der Zeit von Trump über Merkel bis Seehofer und Dobrindt scheint er den Nerv des Publikums zu treffen. Warum Gauck in Analogie zu seinem Vorgänger nicht mal gesagt habe, die Vernunft gehöre zu Deutschland? Weil er befürchtete, dann würde Seehofer eine Obergrenze dafür fordern... Und von dem Originalzitat, der Islam gehöre zu Deutschland, distanziert sich der Kabarettist vehement. Das sei ein Schmarrn: "Nein, aber friedliebende Muslime, die sich an das Grundgesetz halten, die gehören zu Deutschland!" Auch dafür gibt es großen Beifall.

Dass Jonas sich lange über Trumps Wahl auslässt, zeigt, dass dieses Programm schon ein wenig älter ist. Die von allen erwartete Auseinandersetzung mit der jüngsten Bundestagswahl kommt dagegen spät, dann aber schonungslos. Da er auch auf andere aktuelle Entwicklungen wie Macrons neue Forderungen für Europa eingeht, hätte er im Gegenzug durchaus am alten Text ein wenig streichen können. Volle drei Stunden Programm müssten nicht unbedingt sein. Er steht die allerdings mit bewundernswerter Kondition durch und nutzt die Pause noch zum Signieren und Publikumsgespräch.

Ob etwas Richtiges falsch wird, wenn es der Falsche sagt - oder umgekehrt, dieser philosophische Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch den Abend und bringt immer wieder erstaunliche Erkenntnismomente. Im zweiten Teil bricht Jonas plötzlich ab: "Was ist denn das für ein Geräusch?" "Es regnet!", wird er aufgeklärt. "Und das hört sich so an? Da regnet's rein! Ich möchte nicht da oben sitzen... Und hier unten zieht's!" Als er dann heftig niesen muss, ruft er: "Jetzt reicht's! Hat denn der TÜV das Haus überhaupt abgenommen ...?"