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Bodybuilderin aus Bad Tölz:"Entweder ich übertreibe total, oder ich muss mein Essen tracken"

Ausgezeichnete Disziplin: In der Figurenklasse kann die Bodybuilderin Alina Wilhelm vor allem mit ihrer Linie zwischen Taille und Rücken punkten. Vor dem Museum ihrer Wahlheimat Geretsried posiert die 22-Jährige mit einer kleinen Auswahl bereits gewonnener Pokale.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Alina Wilhelm zählt zu den besten Bodybuilderinnen Deutschlands. Die 22-Jährige liebt die Wettkämpfe, für die sie ihren Körper stetig optimiert - und immer wieder an seine Grenzen bringt.

Von Veronika Ellecosta

Von Alina Wilhelms schmaler Taille zu ihrem breiten Rücken verläuft die Linie auf beiden Seiten in perfekter Symmetrie. Das wird von der Jury bei Bodybuilding-Wettbewerben als besonders harmonisch bewertet. Wer im Bodybuilding in der Figurklasse punkten will, wie Alina, hat mit solcher Symmetrie also gute Chancen. Ihre besonders schmale Taille sei ein Geschenk der Natur, sagt sie. Antrainieren lässt sich diese Körperform nicht. Ihre Muskelpartien hingegen sind das Produkt von hartem Training und einem strengem Ernährungsplan. Täglich vermisst, kontrolliert und formt Alina Wilhelm ihren Körper. Kalorien und Körpergewicht spielen in ihrem Alltag eine wichtige Rolle.

Alina Wilhelm liebt die Wettbewerbe im Bodybuilding, und das überwiegt für sie alle Strapazen. Die 22-Jährige ist im deutschen Nationalteam und trainiert regelmäßig für internationale Wettbewerbe. Davon gab es im vergangenen Jahr coronabedingt jedoch nur drei. In Tschechien wurde sie im Herbst wie ein Filmstar gefeiert, erzählt sie, weil sie kurz davor bei der österreichischen Meisterschaft "Over All" gewonnen hat, in allen ihr offenen Kategorien also. Kurz darauf hat sie in Spanien den Gesamtsieg beim größten Wettkampf im Amateurbodybuilding geholt. Dafür durfte sie sogar bei den Profis starten, mit ihren damals zarten 21 Jahren, und hat knapp den Einzug ins Finale verpasst. Wilhelm ist sich aber ohnehin nicht sicher, ob sie dauerhaft in die Profiliga wechseln will. Andererseits wolle man sich ständig weiterentwickeln als Sportlerin, sagt sie stolz. Eiserne Disziplin ist ihre Stärke.

Alina Wilhelm hat als Jugendliche angefangen, mit dem Wunsch, Gewicht zu verlieren. Weil ihr Vater Tennistrainer ist, versucht sie es zuerst mit Tennis und Jogging. Als sie dann zum Bodybuilding kommt, sind die Menschen in ihrem Umfeld skeptisch. Dennoch macht sie ihr eigenes Ding. In ihrer ersten Bodybuilderzeit schafft sie es, innerhalb eines halben Jahres 20 Kilo zu verlieren. In den Sozialen Medien vernetzt sie sich mit anderen Männern und Frauen aus der Szene. Zuerst trainiert sie in der Bikiniklasse, wo vor allem weibliche Linien bei den Frauen bewertet werden. Mittlerweile ist sie aufgestiegen in die Figurklasse.

Seit Herbst wohnt die ursprünglich aus Nordrhein-Westfalen stammende junge Frau in Geretsried, studiert Ernährungsberatung und arbeitet als Fitnesstrainerin. Mit ihrem Trainer telefoniert sie in der Diätzeit vor den Wettkämpfen regelmäßig und bespricht Trainingspläne und Ernährung. Und im Bodybuilding ist sie mittlerweile ohnehin auf internationalem Niveau unterwegs. Da sei es eigentlich egal, wo sie wohne, sagt Wilhelm.

In den vergangenen Monaten aber hat sie sich auch mal was gegönnt, zumindest minimal; so, wie es Bodybuilderinnen es in der wettkampffreien "Offseason" eben zu tun pflegen. Aus den sieben Prozent Körperfett in der Wettkampfsaison seien nun um die 15 geworden, schätzt sie. Momentan gönne sie sich auch mal eine Pizza und jeden Tag Schokolade. Gleichzeitig trackt sie aber weiterhin ihr Essverhalten, denn in einer richtigen Offseason zählen die Kalorien genauso.

Viele sehen beim Bodybuilding nur den Erfolg, sagt Alina Wilhelm: Die Muskelpartien, den breiten Rücken, den Bizeps. Die Gefahren und Risiken hingegen blende man gerne aus. Dabei ist ein derart geringer Körperfettanteil, wie Alina ihn zu Wettkampfzeiten hat, für den weiblichen Körper dauerhaft schädlich - als gesund gelten zwischen 20 und 30 Prozent. Auch das Gefühl für Appetit und Sättigung ist Alina Wilhelm mit dem Training abhandengekommen. "Es fällt mir schwer, auch nur einen Tag normal zu essen", sagt sie. "Entweder ich übertreibe total, oder ich muss mein Essen tracken." Aber Leistungssport habe eben seinen Preis.

Die Monate vor dem Wettbewerb seien hart, erzählt sie. Trotz Kaloriendefizit müsse sie das Wettkampfgewicht halten und dürfe keine Muskeln abbauen. "Da ist man oft kaputt." Eine Woche vor den Wettbewerben wird entwässert, die Wasserzufuhr hochgeschraubt und dann wieder runtergefahren. Am Tag vor dem Auftritt wird man außerdem mit Bräune angestrichen, eine kalte Angelegenheit: "Du stehst nackt da und wirst mit einem Farbroller angemalt, und musst dazwischen trocknen."

Was anderes kann sich Alina Wilhelm gerade aber nicht vorstellen, als auf der Bühne zu stehen und zu posieren. Dann präsentiert sie sich in der Vorrunde von allen Seiten, im Finale mit einer eigenen Choreografie, um noch einmal ihre Stärken hervorzuheben: Rücken und Front, und die klare Linie von der schmalen Taille zu den breiten Schultern. Alina Wilhelm liebt ihre Wettkampfform und möchte am liebsten immer so herumlaufen, wie sie sagt. Doch um kräftiger zu werden, wolle sie noch ein paar Kilo draufpacken.

© SZ vom 18.05.2021/kafe
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