"Bildung Zukunft Afrika":Schwierige Mission

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Der Geretsrieder Verein ermöglicht Kindern in Kenia den Schulbesuch und hilft Massai-Frauen mit Lehrgängen in der Landwirtschaft. Seit der Corona-Pandemie ruhen jedoch manche Sozialprojekte. Mit der Finanzierung wird es langsam eng.

Von Veronika Ellecosta, Geretsried

17 Jahre lang, bis 2011, arbeitete Peter Halke als Rektor der Realschule Geretsried. Mittlerweile wohnt der umtriebige Bayer in der Nähe von Augsburg, doch seiner alten Schule bleibt er noch immer erhalten: Er ist Vorsitzender des Vereins "Bildung Zukunft Afrika", den die Realschule tatkräftig mit Afrikatagen und Klassenpatenschaften für Schulkinder in Kenia unterstützt. Allerdings haben sich die Zeiten auch hier wegen der Corona-Pandemie geändert. Im Spagat zwischen Quarantäne, Online-Unterricht und versäumten Lerninhalten sprach in den Lockdowns kaum jemand an der Realschule von den beliebten Afrikatagen mit Basaren und Tombola oder von den Spendenläufen der Jugendlichen. Und auch in Kenia waren die Schulen lange geschlossen, die Lehrgänge für Massai-Frauen in der Landwirtschaft ruhen. Außerdem leert sich der Spendentopf des Vereins allmählich. Damit die Projekte in Afrika im selben Umfang erhalten bleiben, müsse wieder Normalität einkehren, sagt Peter Halke.

Der ehemalige Schulleiter schaut gerne auf die Geschichte des Vereins zurück. Halke war von Anfang an mit an Bord und gründete ihn zusammen mit anderen engagierten Lehrkräften und Eltern der Realschule. Den Impuls gab damals Veronika Fiedler, die 2002 als neue Lehrerin in Geretsried ein Straßenkinderprojekt von ihrem Aufenthalt in der kenianischen Stadt Nakuru mitbrachte. Um die Slumschule dort zu unterstützen, sammelten die Kinder an der Geretsrieder Realschule begeistert Spenden, finanzierten durch einen Weihnachtsbasar und einen Spendenlauf einen Wassertank und eine Kochstelle. Dem engagierten Schulprojekt entsprang schließlich der Verein, die Spendensummen stiegen an. Es war eine Zeit des Austausches und des Wachstums; und der kenianische Father Daniel Kiriti reiste seinerzeit nach Geretsried und hielt einen anrührenden Vortrag an der Realschule.

Peter Halke zog es in dieser Zeit selbst nach Afrika: 2011 ging er mit seiner Frau Lidija nach Alexandria, um Mathematik und Physik an einer deutschen Mädchenschule der Borromäerinnen zu unterrichten. Es gab dort - wegen des arabischen Frühlings in Ägypten - einen Engpass an Lehrpersonal, erzählt er. Mubarak wurde abgesetzt, und die Revolution in Ägypten brachte große Unsicherheiten mit sich. In Alexandria unterrichtete Halke in einem alten Hotelgebäude, das als Schule diente. Nach zwei Jahren zog das Ehepaar weiter nach Hurghada zwischen Wüste und Rotem Meer - wunderschön sei es dort, schwärmt der frühere Rektor. Die Lebensphase in Ägypten habe ihn nachhaltig geprägt, mit vielen Bekannten pflege er bis heute regen Kontakt. Einigen Mädchen aus der Schule in Alexandria ermöglichte er sogar ein Studium in Deutschland.

Und weil sie sich schon auf dem afrikanischen Kontinent aufhielten, besuchten die Halkes 2015 auch den kenianischen Ort Kimilili. Dort ist bis heute das Herzensprojekt von "Bildung Zukunft Afrika" angesiedelt: Mithilfe einer eigens am Ort gegründeten NGO (Nichtregierungsorganisation) werden Mütter auf dem Weg in die finanzielle Selbständigkeit unterstützt und Kindern der Schulbesuch ermöglicht. Auch in anderen Gebieten in Kenia ist der Verein tätig. In Selenkei wird mit anderen Trägern derzeit ein Kindergarten gebaut und mit Essen versorgt, die Massai werden dabei unterstützt, sesshaft zu werden und Land zu erwerben. Für Massai-Frauen gibt es mittlerweile einen Lehrgang zu nachhaltiger Landwirtschaft. Zudem ermöglicht der Verein gemeinsam mit Father Kiriti Waisenkindern in Naiwasha einen Schulbesuch inklusive Unterbringung im Internat, ein Nachfolgeprojekt des mittlerweile abgeschlossenen Straßenkinderprogramms in Nakuru.

Peter Halke

Peter Halke.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Seit seiner Rückkehr nach Deutschland hat Peter Halke auch den Vorsitz von "Bildung Zukunft Afrika" übernommen. Aber mit Corona machten die Grenzen dicht, damit auch die Schulen in Deutschland und in Kenia. Bis heute sei die Situation in Kenia durchwachsen, erzählt er. "Bis zu den Massai kommen ja oft nicht mal Masken, geschweige denn medizinische Versorgung." Die offiziellen Coronazahlen sind sehr niedrig, aber die Dunkelziffer der Infizierten dürfte relativ hoch sein, wie aktuelle Antikörper-Studien vermuten lassen. Auch die Impfung ist mit vier Prozent weitaus geringer als in europäischen Ländern. Im ersten Coronajahr bemühte sich "Bildung Zukunft Afrika" von Deutschland aus darum, die warmen Mahlzeiten, die Teil der schulischen Betreuung waren, zu den Familien nach Hause zu bringen. Seit Januar sind die Schulen immerhin wieder offen, ebenso das Internat für die Waisenkinder. Um das verlorene Schuljahr einzuholen, wurden die Ferien gekürzt. Lokale NGOs und allen voran Father Kiriti stehen in regem Kontakt mit Veronika Fiedler und den Vereinsmitgliedern. Allerdings kämpft der Verein selbst damit, die Finanzierung der mannigfachen Projekte zu stemmen.

Die Realschule Geretsried - ein wichtiger Faktor für die Spendentätigkeit - konnte Veranstaltungen und Klassenpatenschaften nicht wie gewohnt stattfinden lassen, das macht sich langsam in der Vereinskasse bemerkbar. Lange griff man auf Reserven zurück, die Finanzierung für das kommende Jahr sei aber gesichert, sagt Halke. Um das Engagement fortführen zu können, hofft er auf private Patenschaften, neue Vereinsmitglieder und vor allem auf seine Realschule. Und darauf, dass nach Corona wieder Normalität einkehrt, in Kenia und in Geretsried.

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