Süddeutsche Zeitung

Mitten in Eurasburg:Blech ist Gold

Warum eine alte Biermarke dem Rathaus so viel Freude bereitet

Von Benjamin Engel

Der Verdruss dauerte 45 Jahre an. Doch die damaligen Wittelsbacher Herren der Eurasburger Hofmark reagierten im 17. Jahrhundert pfiffig. Über bestehende Regeln setzten sie sich hinweg. Das bayerische Reinheitsgebot erlaubte nur im Winterhalbjahr von Michaeli (29. September) an Bier zu sieden, weil Kühltechniken fehlten.

Die Vorräte in Eurasburg reichten aber in der Zeit zwischen 1630 und 1675 nie solange. Die Lagerräume waren zu klein. Die Hofmarkherren fingen kurzerhand schon am Eurasburger Kirchtag - der erste Sonntag nach dem Namenstag des Apostel Bartholomäus (24. August) - zu brauen an. So gab es um Michaeli frisches Bier, wenn die Vorräte der Konkurrenz schwanden. Die Problematik wurde als Eurasburger Bierverdruss bekannt.

Die Schlossbrauerei ist im Ort längst passé. Zu Georgi 1904 stellte sie ihren Betrieb ein. Übrig geblieben sind nur Bilder, Fotos und Pläne, aber noch nicht einmal ein Bierkrug. Schade, findet nicht nur Eurasburgs Bürgermeister Moritz Sappl (GWV). In der jüngsten Gemeinderatssitzung konnte der Rathauschef allerdings unverhofft einen besonderen Fund vorstellen. Eine mindestens 116 Jahre alte Biermarke aus Blech der Schlossbrauerei Eurasburg ist aufgetaucht. Ein geschichtsinteressierter Eurasburger hat das runde, weniger als eine Ein-Euro-Münze große Stück aus dem Boden geholt. Dem Bürgermeister hat der Mann die Blechmarke in die Hand gedrückt. Die Verpflichtung: Das Stück muss im Eigentum der Gemeinde bleiben und darf nicht verkauft werden.

Blech wird nicht teuer gehandelt. Für Eurasburg sei der ideelle Wert aber kaum zu hoch einzuschätzen, sagt Bürgermeister Moritz Sappl. "Das ist das einzige Brauereiobjekt, das uns im Original vorliegt." Deshalb soll die Marke auch einen Ehrenplatz finden. Ob im Rathaus oder anderswo ist noch offen. Natürlich könnte man auch versuchen, die Marke irgendwo noch einzutauschen. "Gut für einen halben Liter Bier" steht immerhin auf der Rückseite. Das wäre für die Eurasburger aber wohl ein Sakrileg.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4972821
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 21.07.2020
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.