Das hätte sich der Kabarettist Philipp Simon wohl kaum albträumen lassen: Der sarkastische Running Gag, mit dem er jeden seiner Auftritte in den „Mitternachtsspitzen“ des WDR beendet, ist am Freitagabend fast wörtlich bei der AfD in Bichl zu hören. „Genießen Sie den Klimawandel!“, pflegt Simon stets zu sagen, bevor er von der Bühne abtritt. Und nun empfiehlt der AfD-Bundestagsabgeordnete Ingo Hahn, ein dezidierter Leugner des menschengemachten Klimawandels, seinem begeisterten Publikum im Gasthaus „Zum bayerischen Löwen“: „Genießen wir’s einfach, dass wir ein abwechslungsreiches Klima haben.“ Schließlich habe es Unwetter „schon immer gegeben“, und dass allein der Mensch verantwortlich sei für all die klimatischen Katastrophen, das sei schlicht „lächerlich“.
Die AfD nutzt den kleinen Ort Bichl im Süden des Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen für ihren ersten „Bürgerdialog“ vor der Kommunalwahl 2026 in Bayern. Im Gemeindesaal des „Bayerischen Löwen“ sitzen um die 200 Menschen. Die vier Bundestagsabgeordneten, die zu Umwelt- und Sozialthemen, über Militärausgaben und Petitionen sprechen, stoßen auf starke Resonanz, es wird viel applaudiert, gejohlt und gepfiffen. Dies ist die Stimmung im Saal. Draußen sieht’s ganz anders aus.
Etwa eine halbe Stunde vor Beginn der AfD-Veranstaltung haben sich gut 300 Protestierende am Rand der Kochler Straße versammelt. Auf Schildern und Transparenten fordern sie „Menschenrechte statt rechte Menschen“, „Solidarität, Menschlichkeit, Respekt, Offenheit und Miteinander“ und „Herz statt Hetze“; erklären, „Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf“, und bekennen sich zu einem sonnigen Slogan „Bichl strahlt gegen rechts“.

Der 22-jährige FDP-Kreisvorsitzende Simon Roloff, der in Bichl lebt, hat die Demo initiiert, ihm haben sich die Grünen und das Wolfratshauser Bündnis für Demokratie und Vielfalt angeschlossen. Gleichzeitig hat für die Linke Mart Heidel, Studierende der Katholischen Stiftungsfachhochschule Benediktbeuern, zum Protest aufgerufen, und viele Kommilitoninnen und Kommilitonen sind dem gefolgt. Zwei Demos, die zu einer zu verschmelzen scheinen, nur dass auf der einen Seite in ein Mikro gesprochen wird, auf der anderen linke Protestmusik aus einem Lautsprecher dröhnt – und eindeutig antifaschistische Flaggen wehen.
Gegen einen der Abgeordneten läuft aktuell ein Prozess
Im Kern aber sind sich beide Seiten einig: „Wir stehen für dasselbe Ziel ein“, sagt Mart Heidel, „gegen die AfD und für Demokratie.“ Roloff erinnert daran, dass einer der Abgeordneten des AfD-Bürgerdialogs seine Immunität verloren hat. Gegen Ingo Hahn läuft derzeit ein Prozess. Er muss sich vor dem Amtsgericht München wegen eines Videoclips verantworten, der eine Freie-Wähler-Abgeordnete lächerlich machte. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm einen Verstoß gegen das Gesetz über Urheberrecht vor.
Ein anderer der AfD-Redner des Abends ist bekannt als gescheiterter Kandidat um das Amt eines Bundestagsvizepräsidenten. Der 69-jährige Gerold Otten, Oberst der Reserve, kritisiert in Bichl die von der Bundesregierung geplanten Milliardenausgaben für Verteidigung.
Auf der Demo beschwört der Wolfratshauser Grünen-Stadtrat Hans Schmidt die „multikulturelle Gesellschaft“ und warnt: „Wir sehen es an den USA, wie schnell die Demokratie ins Straucheln kommt.“ Demo-Initiator Roloff konstatiert: „Hier stehen so viele Leute, die zeigen: Wir wollen euch hier nicht“, und rät der AfD-Anhängerschaft, sich „nicht von den einfachen Phrasen ködern zu lassen“.

Das beeindruckt die Menge im Saal keineswegs. Dort wird gejubelt, egal ob die Abgeordnete Gerrit Huy Bürgergeld-Empfänger als arbeitsunwillig abstempelt oder Migrantinnen und Migranten für die schlechte Wirtschaftsentwicklung in Deutschland verantwortlich macht. Auf der Demo sind ganz andere Stimmen zu hören. Eine Gastronomin sagt dort, ohne Ausländer müsste sie ihren Laden dicht machen, weil sie dann kein Personal mehr hätte.
Im Saal hingegen findet selbst Huys Behauptung Anklang, Windkraftanlagen seien überhaupt nicht ökologisch, da der Abrieb der Rotorenblätter die Böden mit umweltschädlichen Partikeln belaste. Dagegen wird etwa in einem Worst-Case-Szenario der Europäischen Energiewende Community ein maximaler Abrieb von 1395 Tonnen pro Jahr für alle rund 31 000 Windkraftanlagen in Deutschland berechnet. Zum Vergleich: Der Autoreifenabrieb liegt demnach bei rund 102 090 Tonnen pro Jahr. Das Publikum aber scheint von vornherein gegen Windenergie zu sein. Als Huy angesichts der Sprengung der Kühltürme des stillgelegten Atomkraftwerks Gundremmingen fordert, „sie sollten lieber die Windräder wegsprengen“, wird wieder heftig geklatscht.

Kommunalwahlen im Landkreis Starnberg:FDP kapert Internet-Adresse der AfD
Paul Friedrich, Starnberger Kreisvorsitzender der Liberalen, reserviert sich vor den Kommunalwahlen im März 2026 eine Domain, die die Rechten vermutlich gern gehabt hätten.
In der Diskussion nach den Auftritten der AfD-Abgeordneten werden die wenigen kritischen Stimmen aus dem Publikum mit Hinweisen wie „Da haben Sie etwas falsch verstanden“ abgetan. Der Abend endet mit grölender Begeisterung für die AfD im Saal – wo es alkoholfreie Getränke für alle „frei Haus“ gab, wie einer der Veranstalter verkündete, oder richtiger: auf Kosten der AfD, wie der Wirt auf SZ-Nachfrage klarstellte. Und mit einer kleinen Gruppe, die draußen in dunkler, kühler Nacht bei linker Musik protestierend ausharrt. Im Schaukasten des Gasthauses aber hängt schon die Ankündigung der nächsten Veranstaltung – zu Halloween: „Horrordinner im Lokal des Grauens“.

