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Beuerberger Klostergeschichte:Politisch brisanter Gerstensaft

Beuerberger Stiftsbier

Ein Prost aufs Beuerberger Stiftsbier, getestet vor historischen Krügen des Klosters von Siegfried Rübensaal, Bürgermeister Moritz Sappl und Karl-Heinz Eigner (von links).

(Foto: Manfred Neubauer)

250 Jahre lang ließen die Augustiner Chorherren Bier brauen. Bei der Recherche für eine Neuveröffentlichung zum Stiftsbier stoßen die Autoren auf ein womöglich anti-napoleonisches Lied

Von Benjamin Engel, Eurasburg

Die Bildkraft ist so wirkmächtig-symbiotisch, dass ein Kloster fast nur in Verbindung mit einer Brauerei vorstellbar ist. Die Augustiner Chorherren ließen für ihr 1121 gegründetes Beuerberger Stift 250 Jahre lang eigenes Bier herstellen, das später in ihrem klerikalen Einflussbereich auch die Wirte von Sankt Heinrich und Beuerberg ausschenken durften. Soweit klingt dies kaum außergewöhnlich. Dass der einstige Augustiner Chorherr und Musikdirektor des Stifts, Alipius Seitz, ein Liederbüchlein mit einem weltlichen "Bierlied" besaß, ist dann doch besonders.

"Das war ein wirklich überraschender Aspekt", sagt der Eurasburger Karl-Heinz Eigner. Ihm und Siegfried Rübensaal, die für ihre neue Veröffentlichung zum Beuerberger Stiftsbier recherchierten, wurde bald bewusst, wie politisch brisant der Fund sein könnte. Denn das Bierlied könnte als anti-napoleonisch verstanden werden. "Mögen andre ihren Wein immer immer preisen und den Lebensaft am Rhein göttlich heißen, ich lob meine Kanne Kraft, meinen braunen Gerstensaft, meinen braunen Gerstensaft", steht in dessen erster Strophe. Weiter heißt es, dass alte Deutsche Bier tranken, der Wein könnte auf Frankreich anspielen.

Folge man einer politischen Deutungsebene sei das "napoleonische Zeitgeschichte vom Feinsten", betont Rübensaal. Dass der Nürnberger Buchhändler Philipp Palm im Jahr 1806 nach Kritik gegen Napoleon hingerichtet worden sei, verdeutliche die Brisanz eines solchen Lieds.

In der Münchner Staatsbibliothek - dorthin waren die Beuerberger Bibliotheksbestände nach der Auflösung des Chorherren-Klosters im Jahr 1803 gekommen - hatte Eigner das Liederbüchlein selbst in Händen. Darauf gestoßen hatte ihn ein Hinweis von Wissenschaftlern der Erzdiözese München und Freising. Der Beuerberger Singknabe und spätere Tegernseer Klostergymnasiast Marcus Seitz hatte es 1804 seinem Onkel Alipius Seitz übergeben. Während die geistlichen Lieder daraus wissenschaftlich untersucht worden seien, habe man die weltlichen bisher ausgeklammert, schildert Eigner.

Das Ziel, in der neuen 32 Seiten langen Broschüre die Feinheiten und Bonmots zum Stiftsbier herauszuarbeiten, wie es Rübensaal formuliert, haben er und Eigner schon mit diesem Aspekt erreicht. Die Veröffentlichung fußt auf dem zweibändigen Hunderte Seiten starken Kompendium zur Eurasburger Schlossbrauerei, das beide vor fünf Jahren herausgegeben haben. Als Verfasser von zahlreichen Aufsätzen zur bayerischen Biergeschichte und Steinzeug-Bierkrug-Sammler konnte Rübensaal seine detaillierte Expertise einbringen.

Bevor Bier zum bayerischen Volksgetränk wurde, musste es aber den selbst in Altbayern angebauten Wein verdrängen. Das Grundbuch des Beuerberger Klosters weist im 14. Jahrhundert Weinrechte im Nordtiroler Inntal rund um Wattens sowie bei Bozen in Südtirol aus. Auch diesen Aspekt streift die Broschüre.

In Konkurrenz zwischen weltlicher - etwa zu Eurasburg - und geistlicher Macht mussten die Beuerberger Chorherren um ihr Braurecht kämpfen. 1553 hatte der damalige Probst in Wolfratshausen Grundstücke beim späteren Haderbräu erworben und dort eine Brauerei eingerichtet. Das produzierte Konventbier für die Chorherren und das alkoholärmere Dienerbier durften nur für den Eigengebrauch genutzt werden. Versuche, in Beuerberg selbst eine Brauerei einrichten zu dürfen, scheiterten wiederholt, ehe das Kloster 1696 dafür das Brauprivileg bekam. Die Betriebsstätte kam schließlich im heutigen Josefstrakt unter. Nach der Säkularisation übernahmen die Eurasburger Schlossherren die Brauerei, legten sie 1846/47 still.

Zum Preis von acht Euro soll die neue Publikation in der Gemeindeverwaltung erhältlich sein. "Ich kann mich als Bürgermeister nur glücklich schätzen, mit wie viel Herz, Leidenschaft und Geschmack beide an das Thema herangegangen sind", sagt Rathauschef Moritz Sappl.

© SZ vom 15.06.2021
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