Kriegsende 1945 im Landkreis Bad Tölz-WolfratshausenEin Dorf beginnt, sich zu erinnern

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Kinder der Beuerberger Grundschule formen eine 80 aus Vergissmeinnicht. Sie sind die Ersten, die der 100 KZ-Häftlinge gedenken, die am 29. April  1945 in einem Todeszug auf dem Beuerberger Bahnhof starben.
Kinder der Beuerberger Grundschule formen eine 80 aus Vergissmeinnicht. Sie sind die Ersten, die der 100 KZ-Häftlinge gedenken, die am 29. April  1945 in einem Todeszug auf dem Beuerberger Bahnhof starben. Hartmut Pöstges

Vor 80 Jahren bombardierten Tiefflieger in Beuerberg einen Zug mit KZ-Gefangenen. Einen Tag später plünderten befreite Häftlinge Häuser und Höfe. Dass es in dem Klosterdorf nun erstmals eine Gedenkfeier gibt, liegt an einer Frau, die Brücken baut.

Von Stephanie Schwaderer, Eurasburg

Ida hat Hahnenfuß gepflückt, einen dicken Strauß, der gerade so in ihre Hand passt. Auch eine Löwenzahnblüte leuchtet daraus hervor. Gleich wird sie ihn zu den blauen Vergissmeinnicht legen, aus denen die anderen Mädchen und Buben eine 80 geformt haben. „Für die Juden, die hier getötet wurden“, sagt die Neunjährige. Dort, wo Ida und die Kinder der Beuerberger Grundschule heute stehen, befand sich einst ein Rangierbahnhof der Isartalbahn. Vor 80 Jahren starben dort 100 Menschen, die im Außenlager Mühldorf in einen Todeszug verfrachtet worden waren. Einen Tag darauf suchten 2000 befreite Häftlinge eines Todesmarsches das Dorf heim. Blut, Angst, Grauen, Scham. Todeszug, Todesmarsch. Viel geredet hat man im Dorf bislang nicht darüber. Bis Pia Fuhrmann kam.

„Da war mir klar, jetzt muss ich etwas machen“: Pia Fuhrmann.
„Da war mir klar, jetzt muss ich etwas machen“: Pia Fuhrmann. Hartmut Pöstges

Pia Fuhrmann hat nicht nur die Vergissmeinnicht besorgt, sie hat in den vergangenen Wochen mit Lehrerinnen, Kindern und Eltern gesprochen, mit dem Pfarrer, Klosterschwestern, dem Bürgermeister und seinen Stellvertretern, auch mit dem Vorsitzenden des Veteranenvereins. Und allen hat sie immer wieder die Geschichte erzählt, die ihr keine Ruhe lässt und die sie gerade noch einmal für die Kinder in einfache Worte gefasst hat: Dass vor 80 Jahren eine Zeit zu Ende ging, in der Gefängnisse Konzentrationslager hießen. Und dass viele Menschen, die dort oft unschuldig eingesperrt waren, in Züge gesteckt wurden. „Das war kein Zug, wie ihr ihn kennt, das waren Viehwaggons, in denen man nur stehen konnte, weil bis zu 80 Menschen in einem Waggon zusammengesperrt waren.“ Ein solcher Zug mit 2000 Gefangenen hielt am Sonntag, 29. April 1945, um 10 Uhr morgens in Beuerberg.

„Die Menschen in dem Zug waren bis auf Haut und Knochen abgemagert, also ganz dünn. Sie hatten keine Kleider an, sondern Lumpen, und viele von ihnen waren krank.“ Die Deutschen, so Fuhrmann weiter, hätten in diesem Krieg viel Unrecht getan. Nun seien sie von Soldaten aus anderen Ländern angegriffen worden, auch von Amerikanern in Flugzeugen, die über Beuerberg flogen. „Die amerikanischen Piloten dachten, dass in dem Zug deutsche Soldaten und Munition wären, und beschossen ihn. Aber es waren bloß die armen Häftlinge drin. Viele Menschen sind gestorben. Deswegen legen wir heute dort Blumen ab.“

Wo sich einst der Rangierbahnhof befand, wenden heute die Busse in Beuerberg.
Wo sich einst der Rangierbahnhof befand, wenden heute die Busse in Beuerberg. Hartmut Pöstges

Pia Fuhrmann ist Tierärztin, Ernährungsreferentin und Stadtführerin. In Beuerberg, einem Bilderbuchdorf, das zur Gemeinde Eurasburg gehört, bietet sie historische Spaziergänge an. Auch von dem Tieffliegerangriff hat sie Geschichtsinteressierten immer wieder erzählt. Den Bahnhof gibt es seit 1972 nicht mehr. Eine Gedenktafel sucht man vergebens. Sie habe das immer bedauert, aber nichts unternommen, sagt Fuhrmann. Und dann seien im Januar die Hakenkreuz-Schmierereien in und um Wolfratshausen aufgetaucht. „Da war mir klar, jetzt muss ich etwas machen.“

Ihre ersten Mails gingen an die Schulleitung und den Förderverein der Grundschule, an Bürgermeister Moritz Sappl und an Pfarrer Bernhard Häglsperger. Mit Ausnahme eines Elternpaares seien alle aufgeschlossen gewesen, erzählt sie. Zugleich arbeitete sie sich tiefer in die jüngere Ortsgeschichte ein, befasste sich mit dem Streit um die Todesmarsch-Mahnmale von Hubertus Pilgrim, der in den Neunzigerjahren Dorf und Gemeinde gespalten hatte. In Eurasburg lehnte der Gemeinderat unter Bürgermeister Hans Fischhaber das Aufstellen eines Mahnmals ab.

Das Todesmarsch-Mahnmal von Hubertus Pilgrim wurde in 22 bayerischen Kommunen aufgestellt.
Das Todesmarsch-Mahnmal von Hubertus Pilgrim wurde in 22 bayerischen Kommunen aufgestellt. Hartmut Pöstges

Als 1997 ein Pilgrim-Mahnmal im Ortsteil Achmühle errichtet werden sollte, kam es zum Eklat. Fischhaber ließ sich zu der Äußerung hinreißen, dass er die Opfer des Todesmarsches nicht nur bedauere, weil unter ihnen auch Verbrecher gewesen seien. Damit löste er eine Welle der Empörung aus und handelte sich eine Strafanzeige der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern ein.

Wenn Fuhrmann heute darüber spricht, wählt sie Worte, die beschreiben, nicht bewerten. Am Abend des 26. April 1945 seien 7000 Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau zu Fuß auf einen Todesmarsch in Richtung Süden getrieben worden. Am 30. April, also einen Tag nach dem verheerenden Jagdbomber-Angriff auf den Beuerberger Bahnhof, seien mehrere Tausend Befreite, die meisten von ihnen Russen, in der Gemeinde angekommen und hätten „das gesamte Dorf in Angst und Schrecken versetzt“. Erst am 31. Mai 1945 seien die letzten von ihnen von Amerikanern abgeholt wurden.

„Diese vier Wochen haben das Dorf nachhaltig geprägt“, sagt sie.  „Viele Häuser wurden geplündert, den Einwohnern ihr Hab und Gut geraubt, Vieh wurde gestohlen und geschlachtet, mindestens ein Stadel angezündet, Bewohner wurden aus ihren Häusern vertrieben. Zwei Männer sind von bewaffneten KZ-Häftlingen erschossen worden.“ Dies alles wird sie auch auf der Gedenkveranstaltung am Abend sagen, zu der neben Vertretern der Gemeinde, der Kirchen und Vereine vor allem Bürgerinnen und Bürger eingeladen sind.

Ein eindrückliches Dokument, auch das hat sie arrangiert, wird Maria Puffer, die Vorsitzende des Pfarrgemeinderats, vorlesen: einen Auszug aus der Chronik der Salesianerinnen, die vor 80 Jahren die Gefangenen des Häftlingszugs mit Essen versorgen sollten. Sie hatten seit fünf Uhr morgens gekocht und sich mit ihren Bottichen gerade von der Klosterküche auf den Weg zum Bahnhof gemacht, als die Jagdbomber angriffen. „Die damalige Oberin war Schwester Aloisia Margarita Grüb“, sagt Fuhrmann. „Ihrem Mut und ihrer Entschlossenheit ist es zu verdanken, dass 2400 Menschen damals unter schwierigsten Bedingungen verköstigt worden sind.“

Bis 1972 machten Züge der Isartalbahn in Beuerberg Station.
Bis 1972 machten Züge der Isartalbahn in Beuerberg Station. Repro: Harry Wolfsbauer

Die meisten Toten und viele Verletzte seien damals in den Zug verladen und mit ihm abtransportiert worden. Eine Ersatzlok habe den Todeszug über die Gleise der Isartalbahn erst nach Bichl, dann nach Kochel, dann wieder nach Bichl und schließlich nach Seeshaupt gebracht, wo er am Morgen von Amerikanern befreit wurde. Unter den Überlebenden war auch Max Mannheimer, der 2016 gestorbene unermüdliche Zeitzeuge, der die Konzentrationslager Auschwitz und Dachau überlebt hatte.

Die Seeshaupter erinnern seit 1995 mit einem Mahnmal von Jörg Kicherer an diesen Tag. „Und jedes Jahr legen Grundschüler dort Blumen ab“, sagt Fuhrmann. „Das habe ich mir zum Vorbild genommen.“ Renate von Fraunberg, die evangelische Mesnerin aus Seeshaupt, sei ihre wichtigste Inspirationsquelle gewesen. Sie habe ihr auch geraten, bei einer Gedenkfeier an die gefallenen Beuerberger zu erinnern. „Die sind auch nicht alle freiwillig in den Tod marschiert.“ Nun also nimmt auch der Veteranenverein an der Gedenkfeier teil. Die Gemeinde fungiert als Veranstalter.

Pia Fuhrmann ist wissbegierig. Und sie ist eine Netzwerkerin. Sie hat Kontakte zu Max Kronawitter in Eurasburg, zu Andreas Wagner in Geretsried, zu Hans Hoche in Penzberg und zu Marita Krauss in Feldafing geknüpft, die alle seit Jahren Spuren des Krieges verfolgen. „Die Puzzleteile werden immer kleiner“, sagt sie. Auch mit dem Isartalbahn-Recherche-Team stehe sie mittlerweile in Verbindung, zwei jungen, engagierten Eisenbahnern, die ein Fotoarchiv aufbauten und ihr viele Fachfragen hätten beantworten können.

Bürgermeister Moritz Sappl hält für die Grundschulkinder spontan eine kleine Rede.
Bürgermeister Moritz Sappl hält für die Grundschulkinder spontan eine kleine Rede. Hartmut Pöstges

Was sie am meisten freut: „Dass alle Beuerberger richtig gut dabei sind.“ Auch die Dritt- und Viertklässler an diesem Morgen. Bürgermeister Moritz Sappl ist ebenfalls zur Vergissmeinnicht-Aktion gekommen und hält spontan eine kleine Ansprache. Er spricht von dem Glück, das es bedeutet, in Frieden leben und frei seine Meinung sagen zu dürfen.

Pia Fuhrmann formuliert es so: „Der Friede fängt mit uns an. Wir lassen den anderen so, wie er ist. Wir können nichts dafür, was passiert ist. Wir haben keine Schuld daran, was passiert ist. Ihr seid die ersten Schülerinnen und Schüler in Beuerberg, die heute an die Opfer am ehemaligen Bahnhof denken.“

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