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SZ-Serie: Klostergeister:Geschichte aufräumen

Klostergeister

Anna-Laura de la Iglesia y Nikolaus an ihrer Wirkungsstätte.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Anna-Laura de la Iglesia y Nikolaus bringt seit fünf Jahren Ordnung ins Kloster Beuerberg. Sie trifft die Entscheidung, welches Objekt eine Nummer bekommt - und welches dem Vergessen anheimgegeben wird.

Von Stephanie Schwaderer

"Bitte nicht berühren!" Wenn es eine Museumsregel gibt, die Anna-Laura de la Iglesia y Nikolaus im Kloster Beuerberg vieltausendfach gebrochen hat, dann diese. Kein Kruzifix und keine Reliquie, die sie nicht betastet hätte, keine Schublade, die sie nicht geöffnet, kein Nachttopf, den sie nicht gedreht und gewendet hätte. "Ich bin die einzige, die hier jedes Objekt in der Hand gehabt hat", sagt sie. Die promovierte Kunsthistorikerin zeichnet für die Inventarisierung und Depotarbeit im Kloster verantwortlich, wirkt als Kuratorin und führt Gäste durch die Ausstellungen. Zudem ist sie die oberste Entrümplerin in einem Haus, das einem gigantischen Erinnerungsspeicher gleicht.

Ihren Namen verdankt sie ihrem spanischen Vater (de la Iglesia) und ihrer Mutter aus Südbaden, die mit Mädchennamen Nikolaus hieß. Gemäß der spanischen Tradition vermachten beide ihren Nachnamen der Tochter, die sich im Alltag der Einfachheit halber gerne auf Iglesia beschränkt. Dass sie im Kloster immer wieder mit "Schwester Iglesia" angesprochen wird, bringt sie zum Lachen. Sie ist Katholikin, aber keine Nonne. Allerdings sind ihr das Kloster und seine einstigen Bewohnerinnen sehr nahe gekommen.

Ihren ersten Eindruck von Beuerberg beschreibt sie mit zwei Worten: "Ein Schock." 2015, ein Jahr nachdem die letzten Salesianerinnen ausgezogen waren, trieb Christoph Kürzeder, Leiter des Diözesanmuseums Freising, die Idee voran, das offengelassene Kloster in einen Ausstellungsort zu verwandeln. Iglesia arbeitete damals als Volontärin an seiner Seite. Der Gang durch das verwaiste Kloster habe sie erschüttert, erzählt sie. "Die Zellen, der Dachboden, alles war voll. 170 Jahre lang wurde hier nichts weggeworfen." Die Aufgabe, sich durch die angehäufte Materie zu arbeiten und "die Bestände frei zu legen", hält sie bis heute in Atem.

Was ist Müll und was ein Zeitzeugnis? "Eine schwierige Frage", sagt sie. Das Besondere an diesem Kloster seien ja nicht große kunsthistorische Schätze, sondern die Einsichten in einen vergangenen Alltag, die es gewähre. "Das ist ein bisschen so, wie das Haus der Großeltern zu entrümpeln." Nur dass in diese Mauern wohl ein Dutzend Einfamilienhäuschen und viele, viele Großeltern passten. Die Schwestern hätten ein bescheidenes und sparsames Leben geführt, erzählt Iglesia. "Ein Schrank war randvoll mit ausgewaschenen Joghurtbechern." Die Becher hat sie weggeworfen. Nicht so das Putzmittel aus dem Jahr 1900, die Feuerlöscher aus dem Zweiten Weltkrieg oder das alte Bügeleisen, mit dem jedes Jahr an Weihnachten das Lametta aufgebügelt wurde. "Ein Musterbeispiel in Sachen Nachhaltigkeit."

Naturgemäß sind mit dem Ausmisten immer auch Krisen verbunden. Die schlimmste durchlebte Iglesia, als sie ein Lieblingsstück ihres Chefs entsorgte - ein handgezimmertes Wägelchen, auf dem die Schwestern ihren Löwenzahnlikör transportierten. Bis heute ist sie sich sicher: "Es stand auf der falschen Seite, auf der mit den Sachen für den Sperrmüll. Und ich habe es dort nicht hingestellt." Hat Kürzeder ihr verziehen? "Die Stelle habe ich jedenfalls bekommen", sagt sie. Im Diözesanmuseum ist sie mittlerweile für den byzantinischen Sammlungsbestand und für das Kloster Beuerberg verantwortlich.

Klostergeister

Ein Teil des Depots ist im einstigen Krankentrakt der Salesianerinnen untergebracht.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Einen Tag in der Woche verbringt sie nach wie vor in der imposanten Anlage, deren Wurzeln bis ins 12. Jahrhundert zurückreichen. Geschichte und Geschichten überlagern sich dort wie Sedimente in einem Steinbruch. So wurde etwa der pittoreske Likörkeller der Salesianerinnen für die aktuelle Ausstellung "Tugendreich" wieder in den strengen Kapitelsaal zurückverwandelt, wie ihn die Augustiner-Chorherren vor der Säkularisation genutzt hatten. Die Wände mussten dringend saniert werden. Der Likörkeller sei damit nicht verloren, erklärt Iglesia. "Er ist eingelagert und kann jederzeit wieder aufgebaut werden."

Ein Teil ihres Depots befindet sich im einstigen Krankenzimmer der Salesianerinnen. Neben dem Lichtschalter prangen noch die Notrufknöpfe. Nebenan, in einem weißgefliesten Raum ohne Tageslicht, steht eine Krankenbadewanne, die nun als Ablage dient. Darauf zwei Patienten mit Verdacht auf Holzwurm. "Hier lagern wir die Objekte, die womöglich restauriert werden müssen."

Anfangs habe sie noch jedes Stück mit Ehrfurcht in die Hand genommen, erzählt sie. "Aber man wird nie mit der Arbeit fertig, wenn man aus dem Staunen nicht rauskommt." Ihre Lieblingsobjekte seien mittlerweile "alle, die eine Nummer haben". Die Nummern hat sie selbst auf die Kärtchen geschrieben, die nun an Märtyrern und Ölgemälden baumeln oder auf unzähligen Schachteln kleben. Zudem finden sie sich in einer Datenbank. "Mit einem Klick weiß ich, was und wo es ist."

Jedes Stück, das aufbewahrt werde, koste Arbeit und Geld. Es sei ein Glück, dass die Diözese Interesse habe, all diese Zeugnisse zu erhalten. Sie selbst empfinde bisweilen Wehmut. "Ich mache das, was in der Säkularisierung Staatsbeamte gemacht haben. Ich wickle ein Kloster ab, überführe es in ein Museum." Zugleich sei es für sie erfüllend, "mit echten Dingen zu arbeiten - und mit Menschen".

Klostergeister

Zu den profanen Objekten,<QA0> die sie inventarisiert<QA0> hat, zählen Feuerlöscher<QA0> aus dem Zweiten Weltkrieg.<QA0>

(Foto: Hartmut Pöstges)

"Tugendreich" ist die fünfte Ausstellung, die sie mitgestaltet hat. "Wir arbeiten im Team oft assoziativ", sagt sie. "Ich weiß, welche Objekte wir zur Verfügung haben und wo man sie findet." Das klingt einfacher, als es ist. Wer Iglesia durch das zweite Obergeschoss folgt, wähnt sich in einem (Alb-)Traum. Ganze Gänge sind vollgestellt mit Schränken und Tischen ("die bringen uns an die Grenze"), die Wände sind gespickt mit Bildern; hinter einer Tür stapeln sich historische Elektrogeräte, hinter der nächsten Hunderte Vasen und Kerzenständer. Dann wieder ein Skulpturendepot. Die schmucken Heiligen tragen Kärtchen.

Sieben Gekreuzigte haben die Qualitätsprüfung nicht bestanden. Sie sind aus Gips, Massenware, aber jeder ist auf seine eigene Art ramponiert. Iglesia hat sie an eine Kleiderstange gehängt. Da dürfen sie erst einmal bleiben. Manchmal sind gerade die wertlosen Dinge die berührendsten.

© SZ vom 24.09.2020

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