Besuch eines Zeitzeugen Der Ort, wo Menschsein möglich war

Wolfratshausen - Waldram, ehem. jüdisches Badehaus am Kolpingplatz / aus den USA angereist: Jack Adler war einst im Lager Föhrenwald / Foto: = Hartmut Pöstges =

(Foto: Hartmut Pöstges)

Jack Adler kam als 16-Jähriger ins Lager Föhrenwald. Jetzt besuchte er die Stätte seiner Befreiung und informierte sich über das Badehaus-Projekt in Waldram

Von Wolfgang Schäl, Wolfratshausen

Vielleicht ist Jack Adler einer jener beneidenswerten Menschen, die über eine ganz unerschütterliche, heitere Ruhe verfügen. Vielleicht ist seine humorvolle Gelassenheit aber auch die einzige Möglichkeit, innerlich Distanz zu halten zu den Erlebnissen einer traumatischen Jugend - der 86-Jährige ist jedenfalls sehr entspannt, als er bei einem Gespräch vor dem Waldramer Badehaus aus seinem Leben berichtet. Der 1929 geborene Adler zählt zu den letzten lebenden NS-Augenzeugen, er hat das Ghetto in seiner polnischen Geburtsstadt Pabianice überlebt, ebenso das Ghetto in Lodz, damals "Litzmannstadt", benannt nach dem Nazi-General Karl Litzmann. Es war berüchtigt für seine unmenschlichen Lebensbedingungen und Zwischenstation für die Deportation in die großen Vernichtungslager.

Überlebt hat er als Jugendlicher die Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und Dachau und schließlich auch den von dort ausgehenden Todesmarsch. In den Jahren der Nazi-Herrschaft hat er seine gesamte Familie verloren: die Eltern, zwei Schwestern, einen Bruder. Nach Kriegsende hat er noch 55 Pfund gewogen und konnte kaum stehen, drei Monate Pflege unter ärztlicher Aufsicht waren nötig, um ihn wieder lebensfähig zu machen. Ein Jahr hat Adler danach im ehemaligen Lager Föhrenwald verbracht, bevor er im August 1946 in die USA auswanderte. Hätte jemand wie er nicht allen Anlass, Groll zu hegen? Der schwingt in den Worten des betagten, freundlichen Mannes nicht mit. Das Trauma seiner Jugend aber hat ihn zu dieser Erkenntnis geführt: "Wir alle sind Mitglieder des Menschengeschlechts, niemand hat darauf ein Monopol." Und: "Wir sollten einander helfen, anstatt uns zu hassen."

Anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung des Lagers Dachau ist Adler, der heute als pensionierter Buchhalter in Denver/Colorado lebt, eingeladen worden und in Begleitung seines Sohnes Eli zur Gedenkfeier nach Dachau gekommen. Den Weg nach Waldram hat der Sohn im Internet entdeckt: auf der Homepage des Vereins Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald, die auch in englischer Version verfügbar ist. Sybille Krafft, eine der beiden Vorsitzenden des Badehausvereins, war es denn auch, die Adler jetzt an die Stätten der Erinnerung führte, so zur ehemaligen New Jersey Street, die heute Korbinianstraße heißt. Dort wiederum wohnt Eva Greif, Lehrerin am Geretsrieder Gymnasium und seit Jahren ebenfalls engagierte Verfechterin des Badehausprojektes, die den Gast bei sich zu Hause zum Kaffee empfing. Ein Anliegen war es dem Gast aus den USA auch, das hiesige Todesmarsch-Denkmal zu besuchen.

Adler spricht etwas Deutsch, schildert seine Erlebnisse aber ausschließlich in englischer Sprache - sehr konzentriert, ohne große Geste, ohne erkennbare Emotion. Als die Nazis im September 1939 seinen polnischen Heimatort Pabianice besetzen, ist er zehn Jahre alt. Im Februar 1940 wird seine Familie ins Ghetto nach Lodz deportiert. Bei der Auflösung des Gettos werden die Menschen in zwei Gruppen unterteilt: die eine Hälfte sind Arbeitsfähige, die anderen, Jüngere, Kranke und Schwächere, sind "nutzlose Esser", die im Vernichtungslager Chelmno (Kulmhof) ermordet werden. An die 150 000 Menschen kommen dort durch Giftgas zu Tode. Adler wird ins Ghetto nach Lodz gebracht, wo er als Zwangsarbeiter in einer Strohfabrik Soldatenschuhe herstellen muss, im Sommer 1944 wird das Ghetto geschlossen, Adler wird in einer zwei Tage währenden Fahrt in Viehwaggons nach Auschwitz-Birkenau geschafft. Dort wird auch die jüngere Schwester ermordet. Während der Vater zunächst in Auschwitz bleibt, kommt Adler nach Kaufering, einem Außenlager des KZs Dachau, wo er Zementsäcke schleppen muss und schwer misshandelt wird.

Ein Aufseher dort schlägt mit einem Besenstiel, an dem ein Nagel befestigt ist, auf die Häftlinge ein. Die Narbe, die Adler am Hals davongetragen hat, ist heute noch erkennbar. Übernachten müssen die Häftlinge in primitiven Erdhütten, hier in Kaufering stirbt der Vater, der nachgekommen war. Die ältere Schwester wird in Bergen-Belsen ermordet, die Mutter und der Bruder sterben noch in Pabianice an Hunger.

Nach dem Todesmarsch aus Dachau wird Adler am 1. Mai frühmorgens bei Wolfratshausen von den Amerikanern befreit. In Föhrenwald ist der 16-Jährige einer der ersten Lagerbewohner. Damals sei das Leben, die Freiheit zurückgekehrt, erstmals habe er erfahren, was es bedeutet, ein Bett und genügend Essen zu haben. Und zum Tanzen zu gehen. Seinen jetzigen Besuch in Waldram begründet Adler so: Er habe noch einmal an den Ort zurückkehren wollen, an dem er erstmals als Mensch behandelt wurde.

Seit 1946 hat Adler nun zum ersten Mal wieder deutschen Boden betreten und bei seinem Besuch auch die Wanderausstellung des Badehausvereins "Die Kinder vom Lager Föhrenwald" besichtigt. Er sei sehr berührt, sagt Adler, "dass sich hier jemand so intensiv mit diesem Teil der deutschen Geschichte auseinandersetzt".

Nun will er dem Wolfratshauser Verein seine schriftlichen Unterlagen zur Verfügung stellen, denn er hat im Jahr 2012 ein stark beachtetes Buch, seine Memoiren, herausgegeben: "Y - a holocaust narrative" heißt der Titel.