BestattungskulturAnders trauern

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Ein Stein für alle und ein paar kahle Büsche markieren das anonyme Gräberfeld auf dem Waldfriedhof Geretsried.
Ein Stein für alle und ein paar kahle Büsche markieren das anonyme Gräberfeld auf dem Waldfriedhof Geretsried. Hartmut Pöstges

Immer mehr Menschen entfernen sich von der Idee, nach ihrem Tod auf einem Friedhof in einem Sarg bestattet zu werden. Dass die Trauerkultur im Wandel ist, wird auch in der Region spürbar.

Von Paul Schäufele, Bad Tölz-Wolfratshausen

Auf dem Geretsrieder Waldfriedhof ist in diesen Tagen etwas mehr Bewegung als sonst. Man fegt das Herbstlaub von den Gräbern, pflanzt neues Grün, ersetzt Grablichter. So will es die Tradition, denn Allerheiligen, der Feiertag, den vor allem katholische Gläubige in dieser Woche begehen, ist dem Andenken der Toten gewidmet. Doch die Formen der Erinnerung an die gestorbenen Angehörigen sind im Wandel, die Trauerkultur ändert sich, wie sich die Gesellschaft selbst ändert. Das wird auch auf dem Geretsrieder Friedhof sichtbar.

Am Rande des Geländes steht ein großer Stein, in schwarzen Buchstaben ist dort „Im Gedenken an die Verstorbenen“ zu lesen. Der Spruch ist möglichst allgemein gehalten, denn der Stein markiert das anonyme Gräberfeld des Friedhofs. So sind unter der Wiesenfläche, die von einigen im Halbrund gepflanzten, beschnittenen Büschen gesäumt ist, Urnen begraben. Namen und sonstige Daten der hier bestatteten Menschen sind nirgends vermerkt.

Keine Namen, keine Daten. Nur „Im Gedenken an die Verstorbenen“ steht auf dem Stein des anonymen Grabfelds auf dem Geretsrieder Waldfriedhof.
Keine Namen, keine Daten. Nur „Im Gedenken an die Verstorbenen“ steht auf dem Stein des anonymen Grabfelds auf dem Geretsrieder Waldfriedhof. Hartmut Pöstges

Immer mehr Menschen nutzen die Möglichkeit, sich anonym bestatten zu lassen, wissen die Fachleute. Amelia und Thomas Balan sind seit Januar 2021 die Geschäftsführer des alteingesessenen Bestattungsunternehmens Klein mit Filialen in Geretsried und Wolfratshausen. Das Ehepaar besitzt Erfahrung mit der Branche, auch wenn beide als Quereinsteiger in den Beruf gekommen sind – der gelernte Spengler Thomas Balan 2011, die Diplom-Übersetzerin Amelia Balan 2016. In den Jahren, in denen die beiden sich mit den Themen Tod und Beisetzung beschäftigen, haben auch sie einen Wandel der Trauer- und Grabkultur wahrgenommen. Für Amelia Balan lässt sich dieser Wandel mit einem Wort umreißen: Selbstbestimmtheit. „Der Mensch ist heute selbstbestimmter, er hinterfragt vieles: Muss ich einen Pfarrer haben? Muss ich ein Grab haben?“, sagt die Bestatterin, die sieht, wie sich soziale Konventionen geändert haben. „Ich muss auch nicht mehr die trauernde Witwe spielen, die zum Grab geht.“ Vielmehr könne man heute in der Art zu trauern „nach links und rechts schauen“, wie sie sagt.

Das drücke sich etwa in Details bei der Trauerfeier aus. So könne durchaus auch ein weltlicher Redner statt eines Geistlichen sprechen oder statt des Ave Maria und Orgelmusik auch die Lieblingsmusik der Gestorbenen gespielt werden. Bei einer Bestattung, die Thomas Balan mitorganisiert hat, habe sich die Familie dazu entschieden, Musik aus einem „Star Wars“-Film vom Band klingen zu lassen. Das sei sehr eindrücklich gewesen. „Es geht dann eher um eine Lebensfeier als um eine Trauerfeier“, sagt Thomas Balan. „Es darf auch gelacht werden oder mit Bier angestoßen“, ergänzt Amelia Balan. „Die Frage, mit denen die Menschen zu uns kommen, ist häufig ein ‚Darf man das?‘. Und ja, man darf“, erklärt sie.

Thomas und Amelia Balan erleben als Bestatter einen Wandel in der Trauerkultur.
Thomas und Amelia Balan erleben als Bestatter einen Wandel in der Trauerkultur. Hartmut Pöstges

Auch das anonyme Gräberfeld auf dem Geretsrieder Waldfriedhof ist Ausdruck eines neuen Verständnisses von Trauer, das sich von alten Gepflogenheiten löst. „Anonymität ist da der falsche Ausdruck“, meint Thomas Balan. Das sieht man auch, wenn man sich den Ort genauer anschaut. Botschaften wie „Du bist von Gott geliebt“, ein Stern aus Bügelperlen, eine kleine Yoda-Puppe beweisen es – auch dort wird persönlich getrauert. Was wegfällt, ist unter anderem die Pflicht zur Grabpflege, die auch eine finanzielle Belastung darstellen kann. Ob mit dem Wegfall der klassischen Grabkultur nicht auch etwas verloren gehe? Schließlich sind manche alten Gräber denkmalgeschützt. „Architektonisch geht vielleicht etwas verloren, aber man gewinnt emotional etwas“, sagt Amelia Balan.

Die Befreiung von Pflichten, die unter Umständen als belastend wahrgenommen werden, ist auch ein Grund, weshalb die Dietramszeller Waldruh immer beliebter als Grabstätte wird. In dem Friedwald wird eine biologisch abbaubare Urne bei einem bestimmten – eventuell vorher selbst ausgesuchten Baum – begraben. „Einer der Hauptfaktoren ist die Grabpflege“, weiß Renate Dietz, die den Gesamtbetrieb leitet. Neben dem finanziellen Aspekt sei auch ausschlaggebend, dass häufig nicht mehr alle Familienmitglieder an einem Ort wohnen und sich um ein Grab kümmern könnten. Dennoch biete der Baum einen spezifischen Anlaufpunkt zum Andenken: „Bei uns darf man, man muss nicht kommen“, sagt Dietz. Doch immer mehr Menschen sorgen selbst vor und wünschen sich selbst, im Wald begraben zu werden. „Es ist anders als früher, viele sehen einfach ihre letzte Ruhestätte nicht mehr so in dem kirchlichen Umfeld, auf dem klassischen Friedhof. Viele Leute kommen auch aus dem Gedanken des Kreislaufs – die Asche geht über in die Natur.“

Yoda statt Engel: Die Figur zeigt, dass auch auf dem anonymen Gräberfeld persönlich getrauert wird.
Yoda statt Engel: Die Figur zeigt, dass auch auf dem anonymen Gräberfeld persönlich getrauert wird. Hartmut Pöstges

Die Tendenz ist klar: Alternativen zur klassischen Erdbestattung im Sarg gewinnen an Bedeutung, so gab es 2023 in Wolfratshausen 95 Urnenbestattungen, aber nur 38 Erdbestattungen. Und die Digitalisierung zeigt Effekte – immer selbstverständlicher wird das Totengedenken auf Plattformen wie Instagram. In urbaneren Gegenden werden so Friedhöfe, weil sich immer weniger Menschen dort begraben lassen, teilweise umgewidmet, freie Flächen etwa zu Streuobstwiesen umgestaltet. Doch vom Ende des Friedhofs ist man in der Region noch weit entfernt, bestätigen auch Thomas und Amelia Balan. Sie fasst den Wandel der Trauerkultur so zusammen: „Was sich geändert hat, ist das: der Gedanke, es auch anders machen zu dürfen.“

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