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Besondere Schau in Bad Tölz:Ein Hauch von Kunst

Till Krause führte Eröffnungsbesucher in kleinen Gruppen zu der fragilen Inszenierung.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die unnahbare Ina Arzensek bespielt die Tölzer Wandelhalle mit einer äußerst zarten und fragilen Installation aus Pappelflocken

Auf dem kühlen Marmorboden der Wandelhalle hat sich feines Gekräusel gebildet. Ein kleiner weicher Fleck, den ein Lufthauch mühelos durcheinanderwirbeln könnte. Aber nichts stört die Ruhe dieser Szenerie - kein Laut, kein Windhauch, keine Farbe. Langsam schweben weiße Flocken von der Decke der Wandelhalle, lösen sich wie zufällig aus dem Gitter des Lüftungsschachts. Einzeln oder in einer Wolke, ein sanftes Schweben, rätselhaft und schön. Nur diese eine performative Inszenierung bildet die Ausstellung, die zur Zeit in der Tölzer Wandelhalle zu sehen ist: "+ - 0" (Plus-Minus-Null) hat sie die Hamburger Künstlerin Ina Arzensek betitelt.

Florian Hüttner und Till Krause, die die Wandelhalle als Dependance der Hamburger Galerie für Landschaftskunst mit hochrangigen Ausstellungen bespielen, haben Arzensek eingeladen. "Alle Künstler, die hier in den vergangenen Jahren ausstellten, antworteten der Monumentalität des Bauwerks mit eigenem Muskelspiel", sagt Hüttner. Mit Arzensek wolle man "ganz leise Töne" in die Halle bringen, eine Kunst, "die nicht gegen, sondern mit dem Raum bestehen kann". Arzensek habe sich fünf Tage lang mit dem Ort auseinandergesetzt, sei auf den Dachboden gestiegen, habe die Umgebung auf sich wirken lassen. In ihrer Inszenierung entfaltet sich der Raum vertikal und als horizontale Fläche, erzeugt Bewegung in einem statischen Raum, verbindet Fragilität mit Monumentalität, Weichheit mit Härte. Arzenseks Kunstwerk ist vergänglich und wandelbar; denn die Künstlerin habe genaue Anweisungen gegeben, sagt Hüttner: Der Pappelschnee solle aus dem Lüftungsgitter fallen, wie er eben fällt. "Wenn der Hausmeister ihn vom Boden wegfegen würde, dann ist das eben so", sagt Hüttner.

Wo, wie und wann findet das künstlerische Ereignis statt? Diese Fragen wirft die Ausstellung auf, in der inszenierte und reale Umwelt verschwimmen. Die Wandelhalle ist Teil der künstlerischen Aneignung, die von den Besuchern nicht nur passives Wahrnehmen, sondern Interaktion fordert. Denn auch der Lüftungsschacht ist Teil dieses Gesamtkunstwerks, in dessen Gitter die Künstlerin die flusigen Pappelsamen gesteckt hat.

Rätselhafter Titel

Und so steigt man dann mit Hüttner über eine gewundene Rapunzeltreppe auf den Dachboden der denkmalgeschützten Halle aus dem Jahr 1929. Ein hölzerner Dachstuhl mit einem Skelett aus Stahlstreben, dunkel wie im Bauch eines Walfischs. An einem der Lüftungsgitter der Pappelschnee, der sich beizeiten löst. Der Titel der Ausstellung ist rätselhaft; "+ - 0", Koordinaten eines durch die Installation entstandenen Raumes zwischen Dachboden, Wandelhalle und schwebenden Flocken? Auch die Künstlerin sei schwer zu fassen, sagt Hüttner. "Eine sehr scheue Person, die sich nicht fotografieren lassen will." Nach der Vernissage sei sie wieder aus Bad Tölz entschwunden. Der Kontakt sei über Till Krause entstanden, der mit Arzensek eine gemeinsame Ausstellung in Bremen gehabt habe.

Arzensek, Jahrgang 1982, inszeniert in ihren Arbeiten oft Gebrauchsgegenstände und legt in klar definierten Handlungsanweisungen den Umgang mit den Objekten fest. Die Anweisungen bleiben unveränderlich, reale Gegebenheiten oder Fremdeinwirkung, beeinflussen aber den Verlauf der Inszenierungen. Die gebürtige Gelsenkirchenerin hat an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg studiert, ihre Arbeiten waren unter anderem in Berlin, London und im Rahmen der JCE-Biennale in Maastricht zu sehen. Arzensek wurde im Jahr 2009 mit dem Hiscox Art Award ausgezeichnet.

Wie die Vorgängerprojekte von Hüttner und Krause entspricht auch die aktuelle Ausstellung, die vom Landkreis Bad Tölz - Wolfratshausen und der Jodquellen AG gefördert wird, nicht den gängigen Erwartungen. Als Konzeptkunst räumt sie der Idee hinter dem Kunstwerk Vorrang ein und verweigert sich einer einfachen Deutung. Sie fordert zur Reflexion heraus und weckt Neugierde. Das wünscht sich Hüttner, selbst Künstler und Tassilo-Preisträger, für die Ausstellung von Arzensek. "Dass man sich fragt: Was ist hier los"?

Ausstellung bis 5. September, Wandelhalle Bad Tölz, Ludwigstraße 14. Besuchszeiten nach Vereinbarung unter 0176/80 44 65 38

Service

Pappelschnee: Ina Arzensek antwortet auf die Wandelhalle nicht "mit eigenem Muskelspiel".

(Foto: veranstalter/oh)