"Beschämender Zustand":Sindelsdorf gibt Campendonk-Haus zum Abriss frei

Lesezeit: 2 min

Mit dem Blauen Reiter schmückt sich die Gemeinde. Das Haus, in dem einige der Künstler gelebt und gearbeitet haben, will sie nicht schützen. (Foto: Manfred Neubauer)

Das denkmalgeschützte Anwesen verfällt seit Jahren. Jetzt interveniert das Weilheimer Landratsamt.

Von Alexandra Vecchiato, Sindelsdorf

1199 Einwohner leben im oberbayerischen Sindelsdorf, Landkreis Weilheim-Schongau. Ein kleiner Ort, der es zur Berühmtheit brachte, weil ihn deutsche Expressionisten einst als Wohnort entdeckten. Ob Franz Marc oder Helmuth Macke - sie alle lebten und arbeiteten in dem idyllischen Dorf - auch Krefelds berühmter Künstlersohn Heinrich Campendonk. Aber die Erinnerung an ihn scheint man nicht hochhalten zu wollen. So erregt der Ort wieder Aufmerksamkeit - wenn auch negative. Die Rheinische Post online berichtet, dass der Gemeinderat dem Abriss des Hauses zugestimmt hat. Und dies, obschon das Gebäude unter Denkmalschutz steht. Allerdings hat das Landratsamt sein Veto eingelegt. Der Abriss ist vorerst vom Tisch.

Die Besitzer wollen das historische Gemäuer mit einem Doppelhaus ersetzen

Im Jahr 1911 zog Campendonk, Mitglied der Künstlervereinigung Blauer Reiter, samt Familie in das Haus an der Hauptstraße 5 ein. Bis 1916 lebte der Rheinische Expressionist darin. Die heutigen Eigentümer lassen das Haus verfallen. Seit 1993 steht es leer. 2010 wurde es auf Betreiben des bayerischen Landeskonservators unter Denkmalschutz gestellt. Zum Verdruss der Eigentümer, denn sie wollen das Gebäude abreißen. Mehrere Anträge stellten sie bereits, zuletzt im Februar dieses Jahres. Ein Doppelhaus soll das historische Gemäuer ersetzen. Vieles habe man versucht, berichtet Bürgermeister Josef Buchner. Doch die Eigentümer wollten weder die Immobilie an die Gemeinde verkaufen noch auf "Ersatzbauland" ausweichen. Das Haus sei in einem "beschämenden Zustand". Wahrscheinlich warteten die Eigentümer, "bis die Bude zusammenfällt". Hoffnung schöpft Buchner aus der Ablehnung des Landratsamts. Denn nicht nur der Denkmalschutz steht dem Abriss entgegen, auch widerspreche der eingereichte Bauantrag für ein Doppelhaus den Festsetzungen des in diesem Bereichs gültigen Bebauungsplans.

Nach Buchners Ansicht wäre die Untere Denkmalschutzbehörde am Zug. Seit Oktober 2016 ist ein neuer Sachbearbeiter für den Fall zuständig. Hubert Heinrich betont, um ein Baudenkmal beseitigen zu dürfen, müsse der Eigentümer bestimmte Nachweise erbringen wie die Unzumutbarkeit, darin zu wohnen, oder exorbitant hohe Sanierungskosten. Den Eigentümern sei mitgeteilt worden, dass sie dies belegen müssen. "Das geht dann an das Landesamt für Denkmalpflege zur Beurteilung", sagt Heinrich. Sollte die Unzumutbarkeit Fakt sein, dürfe das Haus abgerissen werden; wenn nicht, könne es sein, dass der Eigentümer eine Instandsetzungsanordnung ins Haus erhält.

Einen Katzensprung von Sindelsdorf entfernt liegt Penzberg - die Stadt, die Campendonk ein Museum errichtete. Dessen Leiterin Gisela Geiger betont, sie sei in der Sindelsdorfer Frage nur Beobachterin. Dennoch sagt sie: "Es ist sehr schade, dass man dort diese historische Substanz wohl nicht schätzt."

© SZ vom 27.04.2017 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: