Bergrettung„Carry kommt“, wenn es sonst keiner schafft

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Die Drohnenpiloten der Bergwacht Bayern testen in Penzberg eine Lastendrohne für die Versorgung Verunglückter.
Die Drohnenpiloten der Bergwacht Bayern testen in Penzberg eine Lastendrohne für die Versorgung Verunglückter. (Foto: Bergwacht Bayern)

Für die Vermisstensuche nutzt die Bergwacht bereits ferngesteuerte Fluggeräte, jetzt testet die Organisation eine in Penzberg stationierte Transportdrohne für den Ernstfall – etwa bei Schlechtwetterlagen, wenn Hubschrauber nicht abheben können.

Von Benjamin Engel, Penzberg

Kommen Drohnen öffentlich ins Gespräch, geht es aktuell vor allem um Feindaufklärung oder präzise Bombenangriffe. Doch abseits kriegerischer Auseinandersetzungen werden die modernen Fluggeräte zunehmend bei Rettungseinsätzen sowie im Katastrophen- und Bevölkerungsschutz relevant. Am Standort in Penzberg hat die Bergwacht diesen September eine Transportdrohne unter dem Namen „Carry“ in Betrieb genommen, welche die Ehrenamtlichen bei komplexen Einsätzen unterstützen soll.

In Penzberg ist eines der bayernweit acht LKLD-Teams mit Spezialisten für den Einsatz von Drohnen und Wärmebildkameras angesiedelt; die Abkürzung steht für Lokalisation, Kommunikation, Lagedarstellung und Dokumentation. Vorerst ist allerdings nur eine zweijährige Testphase angelaufen.

„Wir wollen herausfinden, ob die Drohne das kann, was der Hersteller verspricht“, sagt Roland Ampenberger, Sprecher der Bergwacht Bayern. Ursprünglich entwickelte die Industrie solche wie jetzt von der Bergwacht zu testende Drohnen für die Land- und Forstwirtschaft, für Forschungs- und Sicherheitsanwendungen. „Mit dem Einsatz der Lastendrohne in der Bergrettung sowie im Katastrophen- und Bevölkerungsschutz beschreitet die Bergwacht Bayern in Deutschland weitgehend neues Terrain“, sagt Ampenberger. „Wir leisten hier Pionierarbeit.“

Das Fluggerät misst im ausgeklappten Zustand 2,80 Meter auf drei Meter und hat einen knappen Meter Höhe. Nach Herstellerangaben kann die Drohne vom Typ DJI Flycart 30 bis zu 16 Kilometer weit Lasten von maximal 30 Kilogramm zum Einsatzort fliegen. Piloten können das Hilfsmittel über eine Kommandozentrale steuern, die in einen überregional mobilen Einsatzwagen integriert ist. Während der Testphase, an der auch das LKLD-Team der Bergwacht Hausham beteiligt ist, geht es Ampenberger zufolge insbesondere darum, den eigenen Ehrenamtlichen zu zeigen, was das Gerät leisten kann.

Laut Laura Antretter von der Bergwacht ist das Fluggerät vor allem für Materialtransporte konzipiert. Ein Einsatzszenario könnte etwa sein, dass Bergretter vom Unfallort Rettungsdecken oder Wärmewesten anfordern, die mithilfe der Drohne schnell geliefert werden können. Und die sogar bei widrigen Wetterbedingungen noch abheben können, bei denen es für Hubschrauber-Piloten und ihre Besatzung zu gefährlich würde.

Drohnen werden zumindest vorerst keine Rettungshubschrauber ersetzen

Vorteile verspricht sich die Bergwacht insbesondere dadurch, dass Drohnen mit weniger Aufwand anzuschaffen und zu betreiben sind als Hubschrauber. Diese sind in der Bergrettung seit den 1950er-Jahren im Einsatz und können im Gegensatz zu Drohnen zusätzlich Menschen transportieren. Deswegen werden Hubschrauber wohl auch noch länger unverzichtbar für die Bergwacht bleiben, um Verunglückte rasch retten und medizinisch versorgen zu können sowie Einsatzkräfte und Gerät zum Zielort zu fliegen. Transportdrohnen wären allerdings eine Ergänzung.

„Das ist eine logische Konsequenz der Weiterentwicklung der Technik“, sagt Roland Ampenberger über die unbemannten Fluggeräte. Die Bergwacht nutzt ihm zufolge bereits seit 2010 Drohnen, etwa bei der Vermisstensuchen. Für den Transportfall fallen ihm etliche Optionen ein. Die Praxis wird seiner Meinung nach zeigen, ob es künftig sinnvoll sein könnte, in jedem Landkreis eine Drohne zu stationieren oder ob das Gerät für besondere Situationen vorbehalten bleibe. Vorstellbar seien ebenso Anwendungen bei Feuerwehr- und Polizeieinsätzen, zur Wasserrettung oder der Gefahrenabwehr.

„Wir wollen herausfinden, was schneller, was einfacher geht“, sagt Roland Ampenberger von der Bergwacht Bayern.
„Wir wollen herausfinden, was schneller, was einfacher geht“, sagt Roland Ampenberger von der Bergwacht Bayern. (Foto: Manfred Neubauer)

Eine Praxisfrage wird laut Ampenberger auch sein, ob sich Lasten besser mithilfe eines fest verankerten Taus oder einer integrierten Winde transportieren lassen. „Wir wollen herausfinden, was schneller, was einfacher geht“, so der Bergwacht-Sprecher. „Meist ist ja die einfache Lösung die beste.“

Für den Fall, dass die Drohne notlanden muss, ist übrigens ein Fallschirmsystem eingebaut. Zusätzlich plant die Bergwacht ein Kollisionswarngerät installieren zu lassen, bevor das Gerät nach ersten Schulungs- und Testflügen zu realen Einsätzen abhebt. So kennen die Piloten von Hubschraubern mithilfe der digitalen Karte im Cockpit die genaue Position der Drohne.

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