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Bergsport:Zu zweit auf der Hütte

Andreas und sein Sohn Mathias Lehner aus Oberösterreich haben das Haus der Wolfratshauser DAV-Sektion gepachtet. Am Grubigstein in Tirol muss der Gastbetrieb derzeit geschlossen bleiben

Von Benjamin Engel, Wolfratshausen/Lermoos

Auf der Wolfratshauser Hütte ist es derzeit einsamer, als es Andreas Lehner und seinem Sohn Mathias lieb ist. Um den Jahreswechsel hätten die beiden normalerweise viel zu tun. Die Hütte der Wolfratshauser Alpenvereinssektion steht in 1750 Meter Höhe am Grubigstein im Lermooser Skigebiet auf der österreichischen Seite der Zugspitzregion. Doch Wintersportler dürfen die neuen Pächter derzeit nicht bewirten. Im Unterschied zu Bayern hat die österreichische Bundesregierung zwar trotz Corona-Pandemie erlaubt, Lifte zu öffnen. Die Gastronomiebetriebe müssen aber geschlossen bleiben. "Das ist halt ein Pech", sagt Andreas Lehner. "Wir hätten gerne aufgemacht, hätten gerne wenigstens Take away angeboten." Jetzt müssten sie eben durchhalten.

Rentabel wäre es aber kaum. Nur die beiden Gondel-Umlaufbahnen auf den Gipfel sind in Betrieb, und das derzeit auch nur bei verkürzten Öffnungszeiten. Entsprechend wenig Wintersportler sind unterwegs. Mehr als sich nett zu unterhalten und ein wenig in eigener Sache zu werben, sei nicht möglich, sagt Lehner. Nachts sind der 50-jährige Vater und sein 28-jähriger Sohn seit zwei Monaten ganz allein am Berg. Beide wohnen und arbeiten in der Wolfratshauser Hütte.

Wolfratshauser Hütte

Vor genau 100 Jahren wurde die Wolfratshauser DAV-Hütte am Grubigstein in Tirol erbaut.

(Foto: privat/oh)

Zu tun gibt es trotz des derzeit fehlenden Gast- und Übernachtungsbetriebs immer etwas, sei es, um etwas instandzuhalten, sei es auch nur, um auf der Terrasse Schnee zu schaufeln. Sei das erledigt, machten sie zwischendurch eine kleine Wanderung oder Brettspiele oder nähmen Kochbücher zur Hand, um sich für neue Rezepte anregen zu lassen, sagt Lehner. "Man muss sich ein bisschen beschäftigen." Die Ruhe müsse man aber auch genießen können. Wenigstens seien sie zu zweit auf der Hütte.

Mit Menschen gut umgehen zu können, beschreibt der gebürtige Oberösterreicher Andreas Lehner als seine große Stärke. Mit seinem Sohn hat er in den vergangenen Jahren einen Gastronomiebetrieb am Donauradweg nur wenig außerhalb von Linz geführt, wie er erzählt. Er selbst übernahm den Service, sein Sohn stand in der Küche. Mathias Lehner hatte damals als gelernter Koch bereits in Oberlech, Galtür oder Kitzbühel gearbeitet. In der Gastronomie führe man häufig so eine Art "Vagabundenleben", meint Vater Andreas Lehner. Er selbst habe etwa in Saalbach-Hinterglemm gearbeitet. In Galtür seien er und sein Sohn sogar kurzzeitig gemeinsam im selben Betrieb tätig gewesen - als Sous Chef und im Service.

Bettina und Werner Blaßl.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Aus dem Flachland bei Linz, der drittgrößten Stadt Österreichs, hat sich der Lebensmittelpunkt von Vater und Sohn nun knapp 1500 Meter höher nach Tirol verlagert. "Wir sind Kinder vom Berg", begründet Andreas Lehner den Schritt, sich für die Pacht der Wolfratshauser Hütte zu bewerben. Ob zum Wandern oder für andere Aktivitäten seien sie schon immer gerne in Gipfelregionen unterwegs.

Beruflich hat Andreas Lehner, wie er selbst sagt, einen "komplett anderen Hintergrund" als sein Sohn. Ursprünglich hatte er zwar auch Koch lernen wollen, was sich zu seinem Bedauern zerschlug. Er arbeitete 16 Jahre lang als Krankenpfleger im oberösterreichischen Krankenhaus von Freistadt. Das gefiel ihm auch. Doch der Wunsch, in der Gastronomie tätig zu sein, war größer. Davon, einmal Hüttenwirt zu sein, träumte er schon länger.

Als die Wolfratshauser Hütte auf einem Alpenvereinsportal ausgeschrieben wurde, bewarben sich Vater und Sohn. Im März hätten sie noch den Vorgänger-Pächter auf dem Grubigstein besucht und sich am selben Tag bei einem Sektionsabend in Wolfratshausen noch persönlich vorgestellt, sagt Lehner. "Im April kam dann der Anruf, dass es funktioniert." In den folgenden Monaten seien sie dann zweigleisig gefahren, hätten ihre Geschäft in Oberösterreich abgewickelt und sich auf die neue Aufgabe vorbereitet.

Andreas und Mathias Lehner, neue Wirte der Wolfratshauser Hütte

Mathias Lehner.

(Foto: privat/oh)

Auf der Wolfratshauser Hütte knüpfen Mathias und Andreas Lehner an eine echte Ära an. 32 Jahre lang hatte Werner Blaßl den Betrieb geführt, mehr als ein Jahrzehnt gemeinsam mit seiner zweiten Frau Bettina. Bislang konnte der Wolfratshauser Alpenvereinsvorsitzende Gerhard Hofmann die neuen Pächter noch gar nicht persönlich am Grubigstein besuchen. Ausgerechnet heuer hätte die Sektion viel zu feiern. Denn vor genau hundert Jahren errichteten Mitglieder die Hütte und weihten den Neubau am 2. Oktober 1921 offiziell ein. Doch wie und ob gefeiert werden kann, ist derzeit noch vollkommen unklar. Wie sich die Corona-Pandemie entwickle, sei ja nicht absehbar, sagt Vorsitzender Hofmann.

Derweil würden die neuen Pächter am Berg gerne mit dem Gästebetrieb loslegen. Drei zusätzliche Mitarbeiter warten nur darauf, zum Einsatz zu kommen. Andreas Lehner sagt, dass er schon eine Idee habe, das Jubiläum der Hütte zu feiern. "Man muss positiv in die Zukunft schauen."

© SZ vom 16.01.2021
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