Jubiläumsveranstaltung zu den 25. Benediktbeurer Gesprächen:"Wir brauchen eine sozial-ökologische Marktwirtschaft"

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Kardinal Reinhard Marx hat die Festrede im Rahmen der Jubiläumsveranstaltung zu den 25. Benediktbeurer Gesprächen gehalten und klare Worte ans Publikum gerichtet. (Foto: Manfred Neubauer)

Kardinal Reinhard Marx plädiert in Benediktbeuern für ein Handeln, das dem "Welt-Gemeinwohl" verpflichtet ist.

Von Petra Schneider, Benediktbeuern

Als 1997 die Benediktbeurer Gespräche ins Leben gerufen wurden, war Lutz Spandau, Vorsitzender beim Trägerverbund des Zentrums für Umwelt und Kultur (ZUK) nicht überzeugt. Wer geht denn in so ein Symposium, habe er sich gefragt. Nun, die Bedenken waren unbegründet: Zum 25. Mal finden die Benediktbeurer Gespräche heuer statt, mit zweijähriger Corona-Unterbrechung. Gefördert werden sie neuerdings von der Heinz Sielmann Stiftung. Zur Festveranstaltung waren jüngst 300 Gäste in den Don-Bosco-Saal gekommen. Die Festrede hielt Kardinal Reinhard Marx, auch der bayerische Umweltminister Thorsten Glauber (FW) war als Redner eingeladen.

Betroffenheit über Schäden der Hagelkatastrophe

Nicht nur die Themen, die sich um grundlegende Fragen zu Natur- und Umweltschutz drehen, hochkarätige Referenten und die Möglichkeit zum Austausch mit Fachleuten dürften zum nachhaltigen Erfolg der Reihe beitragen. Auch der besondere Ort im Kloster Benediktbeuern, das heuer mit seinen massiven Schäden durch das Hagelunwetter eine mahnende Kulisse bildet. Denn der Klimawandel ist längst auch in Benediktbeuern angekommen. Immer wieder klang in den Reden dieser Zusammenhang und die Betroffenheit darüber an, dass ein Gebäude, das "seit Jahrhunderten steht, innerhalb von zehn Minuten Schäden in einem Ausmaß erlitten hat, das immer noch nicht ermittelt wurde", wie Pater Reinhard Gesing, Provinzial der Salesianer, sagte.

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Alleine die Notmaßnahmen beliefen sich auf 15 Millionen Euro, und noch viele Millionen seien nötig, um alle Räume wieder öffnen zu können, die vor allem für die ökologische Bildung von Kindern und Jugendlichen gebraucht würden. "Das Hagelunwetter hat uns Salesianer noch entschiedener gemacht, uns der Bewahrung der Schöpfung zu widmen", sagte Gesing. Die Hälfte aller Dachflächen, etwa zwei Hektar Fläche, seien durch die Hagelbälle zerschlagen worden. Überlegungen, alle Dächer im Zuge der Sanierung mit PV-Anlagen zu bestücken, scheiterten aber am Denkmalsschutz.

Enzyklika als Paukenschlag

Fritz Brickwedde, Vorsitzender der Heinz Sielmann Stiftung, konstatierte, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien oftmals in Konflikt mit dem Artenschutz gerate. Etwa beim Entwurf zum beschleunigten Verfahren für Windkraftanlagen, das Artenschutzprüfungen vernachlässige. Damit war bereits ein Aspekt angesprochen, dem sich das Symposium in diesem Jahr widmet: Natur- und Klimaschutz im Spannungsfeld verschiedener Interessen. Und in einer geopolitischen Lage, die alles andere überlagert. Angesichts der vielen globalen Herausforderungen "sind wir in der Aufmerksamkeit für den Klimaschutz zurückgefallen", sagte Kardinal Marx, der die Enzyklika Laudato si von Papst Franziskus aus dem Jahr 2015 in den Mittelpunkt seines Festvortrags stellte. Sie sei ein "großer Wurf", weil sie als erste Enzyklika die empirischen Wissenschaften einbezog, und Kirche nicht länger um sich selbst kreiste. Der Papst habe eine ethische Perspektive in Verbindung mit der Wissenschaft entwickelt, die gezielt vor der Pariser Klimakonferenz erschienen sei. Die ganzheitliche Sicht, die darin entwickelt werde, die Überzeugung, dass der Mensch in die Schöpfung eingebettet sei, dass diese einen "Eigenwert hat und nicht nur einen Nutzwert" - all das mache die Enzyklika zu einem Paukenschlag. "Endlich einmal stand die Kirche an der Spitze einer Bewegung", sagte Marx.

Ein "Zivilisationsrückschritt"

Und nun, neun Jahre später? Die Bilanz mit Blick auf das Klima sei "eher ernüchternd". Alles laufe langsam und zäh, "aber mit Resignation kann man nicht in die Zukunft gehen". Vorangehen müssten die Industrienationen, die als Hauptverursacher der Klimaerwärmung eine Verantwortung trügen. Nötig sei eine Bewusstseinsbildung: "Dass wir auf einem Planeten leben, der allen gehört und der einmalig ist." Um ihn zu retten, müsse alles Handeln auf ein "Welt-Gemeinwohl" abzielen, das allerdings zurzeit ferner sei, denn je. Denn die Weltgemeinschaft liege durch die Ereignisse der vergangenen zwei Jahre in Scherben. Es sei ein "Zivilisationsrückschritt", wenn ein Mitglied des UN-Sicherheitsrats ein anderes Land überfalle. Kirche müsse sich klar positionieren, "auf der Seite der Demokratie, nicht auf der von Ausbeutung und Unterdrückung." Auch in Bezug auf die Gesellschaftsordnung fand Kardinal Marx klare Worte. "Wir brauchen eine sozial-ökologische Marktwirtschaft". Man dürfe nicht alles dem freien Markt überlassen.

Windkraft soll in Bayern Schub bekommen

Zuvor hatte der bayerische Umweltminister Thorsten Glauber viele Zahlen präsentiert. So investiere der Freistaat 70 Millionen Euro für den Streuobst- und Blühpakt, bis 2035 sollen eine Million Obstbäume gepflanzt werden. 34 Millionen Euro seien im diesjährigen Haushalt für den Moorschutz eingeplant. Das Budget des Umweltministeriums sei um 300 Millionen gestiegen; insgesamt stünden pro Jahr nun 1,25 Milliarden Euro für den Naturschutz zur Verfügung.

Umweltminister Thorsten Glauber präsentierte viele Zahlen. (Foto: Manfred Neubauer)

Auch Glauber warnte vor einem "Gegeneinander-Ausspielen" verschiedener Interessen. Es könne nicht sein, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien stets Vorfahrt habe. Beispiel: PV-Freiflächenanlagen. Solange Dachflächen zur Verfügung stünden, solle man nicht "draußen in der Natur" Solarparks anlegen. Zumal der Netzausbau zurzeit nicht mit dem Ausbau der erneuerbaren Schritt halten könne. Denn auch die Windkraft soll in Bayern Schub bekommen. Aktuell befänden sich 250 Windräder im Genehmigungsverfahren, weil Bayern mit den Regionalplänen "alle Ampeln auf grün gestellt hat". Es gebe nicht den einen Masterplan, sagte Glauber, sondern "viele kleine Bausteine." Fakt sei, dass Deutschland bereits am 2. Mai rechnerisch seine Ressourcen für dieses Jahr verbraucht habe. Das Ziel müsse deshalb sein: "Maßhalten."

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