Benediktbeurer Projekt Die Natur als Klassenzimmer

Über Insekten wie den Rückenschwimmer klärte ZUK-Bildungsreferent Matthias Fischer die Kinder in der "Draußenschule" auf.

(Foto: Manfred Neubauer)

Benediktbeurer Kinder erleben einmal im Monat einen ganz besonderen und fächerübergreifenden Unterricht: In der "Draußenschule" im Gemeinschaftsgarten des ZUK lernen sie, was nachhaltiges Leben bedeutet und wie man achtsam mit Menschen, Tieren und Pflanzen umgeht

Von Klaus Schieder, Benediktbeuern

Matthias Fischer hat einen Rückenschwimmer aus dem Matschbiotop gefischt und hält das Insekt in der geschlossenen Hand. Gerade erst haben die Dritt- und Viertklässler der Grundschule Benediktbeuern in dem Tümpel beobachtet, dass eine dieser "Wasserbienen" - wie die geflügelten Wanzen im Volksmund heißen - von einem Laubfrosch erbeutet wurde. "Da waren wir alle traurig", sagt der Bildungsreferent vom Zentrum für Umwelt und Kultur (ZUK) im Kloster Benediktbeuern. Zusammen mit den Kindern geht er hinüber zum Aussichtsturm am Vogelschutzgebiet und lässt den Rückenschwimmer fliegen. Das ist eine der Lektionen der "Draußenschule" in Benediktbeuern: Die Grundschüler sollen heimische Tier- und Pflanzenarten, ihre Lebensweise und Lebensräume kennen lernen.

"Sie sollen einen ganzheitlichen Blick auf den Naturraum bekommen", sagt ZUK-Bildungsreferent Martin Malkmus, der die Idee für die Draußenschule hatte. Lehrerin Birgit Förster nahm seinen Vorschlag begeistert auf. Sie startete im Herbst 2017 mit ihrer dritten Klasse das Gemeinschaftsprojekt des ZUK und der Grundschule Benediktbeuern. Einmal im Monat treffen sich die Kinder mit ihren Lehrkräften und den Bildungsreferenten im Gemeinschaftsgarten hinter dem ZUK-Energiepavillon, um Unterricht im Freien zu bekommen. Die Mädchen und Jungen sollen lernen, was nachhaltiges Leben bedeutet, über ihr eigenes Verhalten und ihren Konsum reflektieren, achtsam mit Menschen, Tieren und Pflanzen umgehen, Naturprozesse im Jahresverlauf erleben, das soziale Miteinander stärken oder auch mathematische Methoden im Gelände anwenden. Ein fächerübergreifender Schultag also.

Mathe beim Garteln? Das geht, sagt Malkmus. Als die Grundschüler ein Kartoffelbeet anlegten, mussten sie ausreichen, wie groß das Beet in Länge und Breite ist und wie viele Erdäpfel darin Platz haben, oder auch, wie viele Kartoffeln aus einer angesäten Kartoffel im Durchschnitt entstanden sind. Kurz vor Weihnachten ging es dann bei einer Exkursion um das Sammeln von Gegenständen, die man sich wünscht, und um die philosophische Frage, was zum Glücklichsein nötig ist. "Ein Junge erzählte dann, dass er zu Weihnachten immer viele Geschenke bekommt, aber gar nicht weiß, womit er spielen soll", so Malkmus. Vom Lehrstoff in der Draußenschule bleibt bei den Kindern viel hängen, weiß Doris Linke, zuständig für Umwelt-Jugendbildung im ZUK. "Es geht nicht nur um Wissen, es geht auch um Gefühle, um Emotionen." Das unterstreicht Rektor Peter Mückstein von der Grund- und Mittelschule Benediktbeuern: "Das ist keine Eventhascherei, sondern ein sinnvolles Projekt." Die Rückmeldung der Kinder sei sehr positiv, auch die der Eltern, die manchmal in die Draußenschule eingeladen werden. "Damit sie sehen, was mit ihren Kindern passiert", sagt Mückstein.

Der Schultag im Freien beginnt im Gemeinschaftsgarten, oftmals mit einer Runde am Lagerfeuer. Das eine Mal erstellen die Mädchen und Buben einen Insektensteckbrief, ein anderes Mal modellieren sie einen Biber aus Schnee, flicken Fahrradreifen oder unternehmen einen Orientierungslauf mit Karte und Kompass. Die Draußenschule erstreckt sich über zwei Schuljahre, damit die Kinder - erst in der dritten, dann in der vierten Klasse - die Zyklen in der Natur verfolgen können. Zum Beispiel auf der Blütenwiese zwischen Matschbiotop und Vogelschutzgebiet. Dort haben Drittklässler voriges Jahre wilde Möhren und Margeriten, Königskerzen und Taubenköpfchen gepflanzt. Als Viertklässler sehen sie nun, wie diese Blumen in voller Pracht aussehen.

Ehe er den Rückenschwimmer in die Freiheit entlässt, will Bildungsreferent Fischer von den Grundschülern noch etwas wissen. Warum landeten manche dieser "Wasserbienen" auf der Windschutzscheibe von Autos, fragt er. Susanna weiß die Antwort: "Weil sie denken, dass die Scheibe Wasser ist."